Plagen


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LichtertanzDie erste habe ich vor vier Tagen gesehen. Nein, als erstes habe ich sie gespürt. Aus dem Nichts heraus traf mich ein Gegenstand als ich abends auf dem Balkon meines Hotels saß und arbeitete. Es fühlte sich an, als habe mich jemand mit einer Kastanie oder einer Walnuss beworfen. Es war nicht schmerzhaft, aber der Aufprall war doch deutlich zu spüren. Ein kleiner Schlag genau zwischen den Schulterblättern.

Es war aber völlig unmöglich, dass mich jemand beworfen hätte. Ich sass im zweiten Stock mit dem Rücken zur Wand und weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Zudem: wer sollte mich bewerfen?

Als ich mich näher umschaute, fand ich sie. Sie sass regungslos an der Wand, vielleicht drei, vier Zentimeter lang, grau-beige, mit zitternden Fühlern.

Ich habe im Grundsatz nichts gegen Heuschrecken. Es macht sie nicht gerade sympathisch, dass sie über ganze Landstriche herfallen, um sie kahl zu fressen. Auch als eine der biblischen Plagen können sie nicht unbedingt einen Bonus für sich beanspruchen, aber es sind erstaunliche Tiere. Ihr langgestreckter Körper und die spitz angewinkelten Beine sind von einer bizarren Schönheit und verleihen ihnen ein urzeitliches Aussehen. Sie können mit ihren Beinen offensichtlich auf fast jeder Oberfläche, trotz erheblichen Körpergewichts Halt finden und legen erstaunliche Entfernungen zurück. Irgendwo habe ich vor Jahren mal gelesen, dass es einem Heuschreckenschwarm unter Ausnutzung einer günstigen Luftströmung gelungen ist, von der Sahara aus den Atlantik bis nach Amerika zu überqueren.

Aber diese erste Art der Bekanntschaft vor vier Tagen war kein guter Start für eine harmonische Beziehung. Die Heuschrecke, meine Heuschrecke versuchte die Flucht zu ergreifen, als ich sie entdeckte. Ansatzlos versuchte sie mit einem grossen Sprung zu flüchten, knallte mit einem trockenen Plopp gegen die Balkonbrüstung, verschnaufte, katapultierte sich in die Luft und landete auf meiner rechten Schläfe. Reflexartig schlug ich nach ihr. Sie landete auf dem Boden, krabbelte einen halben Meter, machte dann einen grossen Satz und schwirrte in die Richtung einer der grossen Lampen, die abends den Innenhof meines Hotels erleuchten.

Dieser Vorfall wäre keiner weiteren Erwähnung wert gewesen (abgesehen davon, dass ich nun weiss, dass die grossen Brummer, die die Lampen umfliegen, keine Riesenmotten sondern Heuschrecken sind), wenn vor drei Tagen nicht gleich acht Heuschrecken mir auf dem Balkon einen Besuch abstatteten. Zwei Begegnungen führten dabei jeweils zu einem direkten Zusammenstoss.

EindringlingWenn sie nicht direkt mit mir kollidierten, dann erfuhr ich von ihrem Eintreffen durch diesen trockenen Flopp, der entsteht, wenn sie mit ihrem harten Körper gegen einen Gegenstand prallen. Ein befremdliches Geräusch. Wie Popcorn, das unter den Deckel springt, nur harscher, mit einem Unterton von Sandpapier, das über einen Stein wischt.

Ich beobachtete sie. Der Aufprall schien sie etwas benommen zu machen. Sie verharrten mal kürzer, mal länger und begannen dann zu krabbeln, bevorzugt nach oben. Dann versuchten sie einen neuen Start, der aber in der Mehrzahl der Fälle so unglücklich ausfiel, dass sie gleich einen Zusammenstoss mit der nächsten Wand, Tisch oder Stuhl, der Balkonbrüstung oder mit mir erlebten. Wieder verharrten sie (können Heuschrecken frustriert sein?) Und versuchten es dann erneut. Sie mögen ja gute Langstreckenflieger sein, aber beim Start haben sie noch viel zu lernen.

Die Angelegenheit begann irritierend zu werden. Plötzlich sass ein besonders grosses Tier auf der Oberkante meines aufgeklappten Computers. Keine zehn Minuten später sass ein weiterer Vertreter auf meinem Kopf. Dann knallte mir eine Heuschrecke gegen den Hals. Ich merkte, dass ich immer verkrampfter wurde. Mein Körper rechnete jeden Moment mit einem neuen Aufprall. An Arbeiten war nicht mehr zu denken.

Das Problem ist, dass Heuschrecken nicht berechenbar sind. Motten und vergleichbare Falter sind leicht auszurechnen. Sie fliegen immer wie besoffen zum Licht und wenn man nicht direkt neben der Lampe sitzt, hat man eigentlich wenig Kontakt zu ihnen. Mücken versuchen sich zwar unbemerkt heranzupirschen, aber mit der Zeit kommt man auch auf ihre Schliche. Heuschrecken sind anders. Sie sind Chaos. Ständig ist man auf der Hut, erwartet das Unerwartete. Aus dem Augenwinkel heraus glaubt man Bewegungen zu erkennen, wo keine sind. Wer mal Mäuse oder Kakerlaken in der Wohnung hatte, kennt das Gefühl.

Vor zwei Tagen habe ich schon knapp nach Einbruch der Dunkelheit kapituliert. Ich weiss nicht, wieviel Tiere es waren, aber das trockene Ploppen und die Zusammenstösse wurden immer häufiger. Ich räumte den Balkon, um essen zu gehen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl hüpften zwei Heuschrecken vor mir her.

Das Restaurant hatten sie auch schon erobert. Ein hellgrünes Exemplar krabbelte meine Wasserflasche hinauf. Ein weiteres schielte vom Serviettenständer aus auf mein Essen. Die Kellner lachten, als sie meinen Unmut über diese unwillkommenen Tischgenossen bemerkten. "No Problem!" und "Normal!" versicherten sie und lachten für meinen Geschmack etwas angestrengt. Aber was sollten sie auch tun? Eine Heuschreckenplage kann zu einer ernsthaften wirtschaftlichen Gefährdung eines Restaurants werden. Die Kellner versuchten, mir die Tiere so gut sie konnten, vom Leibe zu halten. Einer trieb sie vor sich her wie eine Schar Gänse. Ein anderer war sehr geschickt darin, sie zu fangen. Mit der richtigen Mischung aus vorsichtiger Annäherung und beherztem Zupacken fing er sie im Hohlraum beider Hände, trug sie zur Seite und liess sie wieder frei.

Als ich nach meiner Rückkehr das Licht in meinem Zimmer einschaltete, saßen fünf Heuschrecken an den Wänden und drei auf meinem Bett. Ich hatte vergessen, die Balkontür zu schliessen. Bleiben konnten die Tiere nicht, das war klar, denn ich schlafe ungern mit einem Helm und ich mag es auch nicht, von einem spitzen Krabbeln im Gesicht geweckt zu werden. Also zog ich die Gardinen zurück, sperrte die Balkontür weit offen und versuchte die Tiere hinauszutreiben. Es gibt die Redewendung von dem "Sack Flöhe". Es könnte auch "eine Schar Heuschrecken" heissen. Wenn es mir gelang, eine dieser Kreaturen hinauszutreiben, krabbelte eine neue hinterrücks wieder herein (wenn jemand weiss, wie man dieses Problem löst, möge er mir bitte die Antwort schreiben, und wenn wir schon bei den Antworten sind: was machen Heuschrecken eigentlich tagsüber, wenn sie nicht zu sehen sind, und: wer sind ihre natürlichen Feinde?). Ich brauchte eine gute Stunde, bis zumindest keine Heuschrecke mehr zu sehen war.

Felat versicherte mir gestern, das Auftauchen der Hüpfer sei in der Tat nichts Ungewöhnliches. Sie kämen jedes Jahr in etwa um diese Jahreszeit. Und wie lange sie bleiben würden? "Etwa ein bis zwei Wochen." Na prima. Dann reise auch ich aus Diyarbakir wieder ab.


Sicherheitshalber habe ich gestern auf der Webseite der Welternährungsbehörde nachgeschaut, ob es eine Heuschreckenwarnung für die östliche Türkei gibt. Nur mal so, aber ich habe nichts gefunden (weiss die FAO vielleicht noch nichts von der Bedrohung?). Dafür - warum soll ich es leugnen? - habe ich eine getötet. Strafmildernd, hohes Gericht, kann ich anführen, dass die Tiere so langsam an meinen Nerven zerren und die stickige Luft in meinem Hotelzimmer mich gereizt machte.

EindringlingIch hatte die Tür zum Balkon einen Finger breit gelassen, damit wenigstens ein Hauch frischer Luft hereinkommen kann und prompt sah ich genau auf Augenhöhe eines der Tiere durch den Spalt hereinkrabbeln. Damit hatte es die Linie im Sand überschritten. Ich warf nach ihm mit einem Buch (Yasar Kemal, Der Wind aus der Ebene, Taschenbuchausgabe, 370 Seiten und etwa ein halbes Pfund schwer. Der Autor möge mir verzeihen) und traf. Die Heuschrecke fiel auf den Boden und blieb auf der Seite liegen. Ich wollte gerade nach einem Papier suchen, um den Leichnam zu beseitigen als die Beine wieder zu zappeln begannen. Reaktionsschnell schlug ich mit voller Wucht mit dem Absatz meines Schuhs zu. Es knackte laut und deutlich. Die Heuschrecke lag auf der Seite. Die Beine bewegten sich noch einen kleinen Moment bevor sie erstarrten. Ich warf das tote Tier auf den Balkon und schloss die Tür. Heute morgen war der Leichnam verschwunden (noch so eine ungelöste Frage).

Ich habe mich jetzt damit abgefunden, dass die Natur die Oberhand erlangt hat. Ich sitze jetzt bei geschlossener Balkontür in meinem Zimmer. An das trockene Ploppen draussen habe ich mich fast schon gewöhnt. Nur die Luft ist furchtbar stickig. Wahrscheinlich werde ich schlecht schlafen können.

Moment. Unter dem Kleiderschrank zirpt es.

 

Eyvallah / Xatirete

 

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© Martin Ebbing 2001