Die Leiden des Herrn Akgümes


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TrommlerDiyarbakir hat doch einen Tourismus-Verantwortlichen, wenn man ihn auch nicht in seinem Büro findet. Dafür kann es passieren, dass nachts, wenn man gerade aus dem Taxi steigt, ein unscheinbarer Mann mittleren Alters auf den Fahrgast zukommt und in etwas holperigem Englisch seine Hilfe anbietet: Touristische Basisarbeit. So habe ich Herrn Resit Akgümes kennengelernt.

Das Leben eines Tourismusleiters in Diyarbakir ist nicht einfach. Resit Akgümes will nicht klagen, das verbietet schon seine Stellung, aber jede seiner Äusserungen wird von einer resignierenden Handbewegung begleitet.

Vor zehn Jahren ging es dem Tourismus in Diyarbakir noch gut. Menschen aus aller Welt kamen in die Stadt im Südosten der Türkei, um die Mauer, die Moscheen und die anderen historischen Bauten zu bewundern, aber dann kam der Krieg. Schlimmer noch: es kamen gleich zwei Kriege. Der eine im nahen Irak (und was wissen die Ausländer schon? In Diyarbakir war es die ganze Zeit über sicher. Nicht ein Schuss ist gefallen, nicht ein Mensch ist zu Schaden gekommen), danach der andere Krieg auf eigenem Territorium, leider mit vielen Toten, Leichen in den Strassen und Schüssen in der Nacht (kann man es da den Touristen verdenken, wenn sie nicht gekommen sind? Keiner wollte noch in der Stadt bleiben, und er selbst wäre wohl gegangen, wenn er die Chance dazu gehabt hätte). Es war eine touristische Katastrophe.

MauerDer Krieg sei ja nun seit zwei Jahren vorbei, versuche ich Herrn Akgümes aufzumuntern. Wie viel Touristen denn jetzt kommen würden? Ein mattes Licht leuchtet in seinen Augen auf. "Bisher waren es in diesem Jahr 3.000. Wir rechnen mit insgesamt 6.000 für das ganze Jahr." Die überwiegende Zahl der Besucher seien Türken aus dem Westen des Landes. Die Ausländer kämen meist aus Deutschland, Frankreich und Grossbritannien. Und wie viele es im letzten Jahr gewesen seien? "2.700." Das kleine Licht in seinen Augen glimmt ein wenig heller, um dann wieder zu erlöschen. Müde sinken seine Hände auf die Stuhllehnen. Ja, es sei natürlich ein Fortschritt, aber wer wisse, was kommen werde. Eine Aktion der PKK (als Regierungsbeamter kann Herr Akgümes ungefährdet öffentlich das Kürzel für die Kurdische Arbeiterpartei im Munde führen) könne den Fortschritt wieder zunichte machen.

Ja, es sei ein Jammer, nicke ich ihm anteilnehmend zu. Aber ob es denn sein müsse, dass Touristengruppen ständig von der Polizei begleitet würden. Das schaffe doch erst ein Gefühl von Unsicherheit und Gefahr. Bitterkeit nistet sich um die Mundwinkel von Herrn Akgümes ein, ein tief empfundenes "Ach" steigt aus seinem Körper auf. Ich wisse doch, wie die Situation nun einmal sei.

Was die Stadt denn unternähme, um mehr Touristen anzulocken, sehe ich mich verpflichtet, die Unterhaltung in Gang zu halten, damit Herr Akgümes nicht völlig dem Trübsinn verfällt. Im letzten Jahr habe man 200 Journalisten und Reiseveranstalter aus dem In- und Ausland eingeladen und ihnen zwei Tage lang die Sehenswürdigkeiten gezeigt. Die rechte Hand schafft es, sich von der Lehne zu lösen, steigt in die Luft, verharrt einen kurzen Moment, um dann aber doch wieder zur Seite zu sinken.

TänzerAls ich Herrn Akgümes verabschiede, empfinde ich tiefes Mitleid mit ihm. Ob ich denn nicht etwas für ihn tun könne, schliesslich sei ich ja auch Journalist. Wenn ich wolle, würde er mir morgen gern ein paar Prospekte vorbeibringen. Gern, sage ich, und schüttle seine Hand ein wenig fester, um wieder Leben in den Körper zu bringen. Und sonst noch? Vielleicht wäre es nett, wenn ich die Adresse des Tourismusbüros von Diyarbakir veröffentlichen könne. Aber gern!

Vielleicht noch ein Foto zum Abschied? Nein, nein! Zum ersten Mal kommt ein Anflug von Heftigkeit in die Mimik von Herrn Akgümes. Es gebe da beim Gouverneur noch einen anderen Tourismus-Verantwortlichen. Er bitte um Verständnis, wenn ich so freundlich sein könne, nein, kein Foto.

Als er zum Ausgang geht, hängen seine Schultern tief nach unten. Ein kleiner Beamter, der eine übermenschliche Last zu tragen hat.

 

Eyvallah / Xatirete

 

Tourist Information, Dagkapi, Burcu Girisi, TUR-21100 Diyarbakir, Türkei, Tel.: 0090-412-2241189 (man spricht leider kein Deutsch, aber Englisch und Französisch)


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© Martin Ebbing 2001