Felat


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FelatIch denke, es war ein Missverständnis, das diesen Ausbruch bei Felat ausgelöst hat.

Ansonsten ist Felat eher ein zurückhaltender Mensch. Er ist in Diyarbakir geboren, hier aufgewachsen und studiert Bergbau. Wir sind über Nietzsche ins Gespräch gekommen. Ihm gefallen die provokativen Thesen wie "Gott ist tot!". Scherzhaft haben wir gemeinsam die "Diyarbakir Nietzsche Gesellschaft" gegründet. Voraussetzung für eine Mitgliedschaft ist die fehlerfreie Aussprache des Namens "Friederich". Das hat leider die Zahl der möglichen Bewerber gegen Null sinken lassen.

Felat hat einen Sinn für Humor und kleine, ironische Bemerkungen. Eigentlich ist er kein sehr politischer Mensch, zumindest nicht in dem Sinn, dass er einer Organisation angehört. Ich weiss jedenfalls nichts davon. Unsere Unterhaltungen haben sich eigentlich immer mehr um ganz alltägliche Dinge oder um den grossen Lauf der Welt gedreht.

Vielleicht lag es auch an meiner impertinenten Fragerei über alles und jenes, die meinen Gesprächspartnern manchmal das unbequeme Gefühl vermitteln, sie seien wie ein Frosch mit Händen und Füssen am Tisch festgenagelt und würden von mir am lebendigen Leib seziert. Vielleicht war es aber auch der Prüfungsstress. Es ist das Ende des Semesters und die Studenten haben eine Fülle an Abschlussklausuren zu absolvieren.

Es begann damit, das ich ein wenig mit Ferlat darüber frotzelte, dass trotz der Klausuren der Teegarten, in dem wir sassen, gut gefüllt war. Dann begann ich damit, laut darüber nachzudenken, dass das Verhältnis zur Zeit hier überhaupt anders sei als in Westeuropa. Immer wieder kommt es vor, das Leute mich zu einer Verabredung drängen, sie ein Anliegen haben, aber die Geschichte dann ins Leere verläuft, wenn ich Ihnen einen konkreten Termin vorschlage. Sei es auch noch so wichtig, so wird die Angelegenheit doch lieber morgen oder einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben.

Felat"Ich kann dir sagen, warum das so ist", hakte Felat sich ein. "Wenn du hier leben würdest, würdest du das verstehen. Zeit bedeutet für uns nichts. Wir warten. Wir warten jeden Tag. Die Regierung tut für uns Studenten nichts. Die Ausbildung ist miserabel. Es fehlt an guten Lehrern und an Geld. Das einzige, was passiert, sind die Prüfungen. Wer das Geld hat, kann sich eine gute Note kaufen."

Ich nickte zum Zeichen des Verständnis. Felat sprach plötzlich so fliessend Englisch wie nie zuvor. "Ein Abschluss bedeutet nichts. Es gibt keine qualifizierten Jobs in der Ost-Türkei. Wer eine Arbeit haben will, muss in den Westen oder ins Ausland gehen. Die anderen warten. Zeit bedeutet nichts."

"Als Journalist müsstest Du wissen", und seine Stimme wurde schärfer, "was hier in den letzten Jahren passiert ist. Fast jede kurdische Familie hat einen Angehörigen, der von der türkischen Polizei oder von den Militärs erschossen wurde. Nachts lagen die Toten in den Strassen und niemand hat sich getraut, sich um sie zu kümmern. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Wir wissen, wer es getan hat, aber niemand ist bisher dafür bestraft worden. All das ist seit zwei Jahren vorbei. Ich weiss. Ich weiss auch, dass die Polizisten eigentlich für Ordnung sorgen und uns beschützen sollten. Aber ich habe kein Vertrauen zu ihnen. Ich kann nicht vergessen,. Was geschehen ist."

Ich versuchte mich gegen den Vorwurf zu verteidigen, ich wisse um all dies nicht, aber Felat liess sich nicht unterbrechen. "Du kommst hierher und stellst Fragen. Die meisten Menschen wollen auch mit dir sprechen, aber sie haben angst. Jeder Kontakt mit einem Ausländer, besonders mit einem ausländischen Journalisten, kann einen in Schwierigkeiten bringen. Du hast es selbst erlebt. Unsere Regierung glaubt, Ausländer versuchen den Staat zu schädigen oder stecken mit der PKK unter einer Decke. Wenn du hier leben würdest, wärst du auch vorsichtig. Was sollen wir tun? Wir warten. Wir sitzen im Teegarten und trinken Tee."

Felat und ich hatten schon oft über die Polizei und die berechtigte Furcht gesprochen. Ich hatte versucht, ihm deutlich zu machen, dass ich mehr als nur Verständnis für jeden habe, der lieber nichts sagen möchte, und dass ich niemandem etwas vorwerfe, aber es ging hier nicht mehr um Dinge, über die man sich in einem Gespräch verständigen kann. Zwei unterschiedliche Lebenserfahrungen waren aufeinander geprallt.

Während ich noch versuchte, meine Gedanken zu ordnen, um etwas sagen zu können, das die sich plötzlich auftuende Kluft überwinden könnte, fragte Felat, und zeigte mir, wie er mit einer Hand aus einer Schachtel einen Streichholz fischen und anzünden kann. Er zeigte mir noch mehr Tricks. So kann er einen Kugelschreiber aus dem Handgelenk in die Luft schleudern und ohne die Hand zu bewegen, den Stift an der Spitze wieder auffangen. "Jeder Student kann das hier", lachte er. "Wir haben genug Zeit, es zu üben."

FelatEin Schatten war auf unser Verhältnis gefallen, und auch Felat war darüber erschrocken.

Mit einem Ruck stand er auf. "Lass uns Billard spielen gehen."

Billard (das, mit den drei Kugeln, nicht Pool) ist in der Türkei ebenfalls sehr populär. Felat ist ein guter Spieler ("Ich hatte viel Zeit zu üben."). Sanft klacken bei ihm die Kugeln gegeneinander.

Bei mir leider nicht so oft, wie sie sollten.

 

Eyvallah / Xatirete


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© Martin Ebbing 2001