Zwischenbericht meiner fünf Sinne


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KontrasteSehen: An erster Stelle die harten Schatten in den engen Gassen der Altstadt. Es fällt schwer, sich an die grellen Kontraste zu gewöhnen. Das Licht fällt gleissend in die schmalen Schluchten, in denen der Schatten alle Konturen aufsaugt. Mit dem Wandern der Sonne wandern auch die Kontraste, bis sie gegen Abend aufweichen und dann in der Dunkelheit verschwinden.

An zweiter Stelle die vielen unterschiedlichen Gesichter, die unterschiedliche Kleidung und die unterschiedlichen Trachten: Strassenkinder mit schmutzigen Gesichtern, sauber gestutzte Schnurrbärte, tiefe, braune Augen, Gebetskappen, moderne Sonnenbrillen, der Blick durch den schmalen Augenspalt des Chadors, hundert Jahre Menschheitsgeschichte, die sich in die Gesichtsfalten eines alten Mannes eingegraben haben.

Und drittens: mit der Zeit schult sich der Blick für die freundlichen Herren mit den wachsamen Augen, die einen aus dem Hintergrund beobachten.

Hören: Das Klackern der Okey-Steine in den Teegärten. Okey ist ein Spiel, dass dem Rommé gleicht, aber mit Plastik-Chips gespielt wird. Okey ist eine Leidenschaft, und Brettspiele werden hier gern geräuschvoll gespielt. Man knallt die Chips auf den Tisch, verschiebt sie klackernd oder lässt sie prasselnd auf den Tisch rutschen.

Betender MannSas-Musik. Die Sas ist ein traditionelles Saiteninstrument hier aus der Region. Wird sie schlecht gespielt, klingt sie wie scheppernde Blecheimer. Wird sie gut gespielt, dann flirren die Töne durch die Luft wie Blasen im Wasser.

Das Senken der Stimme, wenn man sich beobachtet fühlt und das Gespräch politisch sensible Themen berührt. PKK haucht man am besten nur, wenn überhaupt, und den Namen Öcalan sollte man besser erst gar nicht sagen.

Die Rufe von den Minaretten zum Morgengebet gegen 4:00 Uhr, wenn die Stadt noch ruhig ist. Es beginnt mit einer vereinzelten, klagenden Stimme aus der Ferne, die dann von einer zweiten, mehr aus der Nähe, abgelöst wird. Eine dritte kommt hinzu und es entwickelt sich ein Dialog. Worte gleiten über die schlafende Stadt und setzen sich sanft nieder.

Dann die Musik aus dem Restaurant, das direkt an den Garten meines Hotels grenzt. Das Repertoire der Live-Band besteht aus fünf, sechs Songs, die jeweils dreimal am Abend nach kurzen Pausen gespielt werden. Ich kenne sie inzwischen alle.

Im übrigen ist das Konzept von "Lärmschutz" nicht sehr weit verbreitet. Jeder lärmt nach Herzenslust. Erst gegen Mitternacht ist dann meist Ruhe.

Schmecken: Schwer zu sagen! Es gibt so viele verschiedene Geschmäcker, die in Erinnerung bleiben. Vielleicht an erster Stelle der Tee, ständiger Begleiter vom Frühstück bis in den späten Abend. Der türkische Tee schmeckt rauer, bitterer als der Tee aus Asien. Türken trinken ihn deshalb mit Zucker. Mir ist das zu süss.

SuessesStichwort "süss": Die intensive Süsse der kleinen Süssspeisen, der Pasta und Kurabiye. Sie schwimmen manchmal in Honig und legen sich wie Seide auf die Zunge. Nichts kann süsser sein.

Riechen: Der Holzkohlengeruch, vermischt mit dem Geruch von gegrilltem Lammfleisch - ganz klar. Am späten Nachmittag werden auf den kleinen Plätzen und auf den Bürgersteigen kleine Tische, Hocker und Holzkohlengrills aufgebaut - fliegende Restaurants, in denen man billig essen kann. Der Geruch liegt den ganzen Abend in der Luft.

Und natürlich das Cologne. In jedem Restaurant, während der Busfahrt, in Geschäften wird dem Kunden aus einer Literflasche Kolonya angeboten. Es ist eine aufmerksame Geste. Man kann sich damit die Hände säubern und ein wenig erfrischen. Kolonya hat einen schweren, süssen Geruch. Als ich ein Paket aus Deutschland erhielt, roch es ebenfalls nach Kolonya.

Ansonsten hat die Nase ständig mit Verstopfung zu kämpfen, siehe unten..

OkeyFühlen: Der schwarze Basalt, mit dem nicht nur die große Stadtmauer von Diyarbakir gebaut wurde, fühlt sich speckig an. Er sieht an seinen geschnittenen Flächen porös aus, aber wenn man mit der Hand darüber fährt, ist er glatt und fast weich. Tausende von Schultern, zehntausende von Händen, haben die kleinen Grate und Spitzen abgeschliffen.

Der feine Staub, den flinke Hände mit Besen und feuchten Lappen unermüdlich einzufangen versuchen und der sich doch auf die Haut legt. Die Nase ist verstopft und die Augen sind leicht gereizt.

 

Eyvallah / Xatirete


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© Martin Ebbing 2001