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Tigris bei DiyarbakirSollten Sie einmal nach Diyarbakir kommen und sich mit dem Gedanken tragen, zum Tigris hinunter zu spazieren, empfehle ich Ihnen: tun Sie es nicht!

Der Name Tigris besitzt einen magischen Klang. "Das Land zwischen Euphrat und Tigris" galt in meinem Geschichtsunterricht als Wiege der menschlichen Zivilisation. Im fruchtbaren "Zweistromland" liessen sich die Jäger und Sammler nieder, bestellten den Boden, entwickelten Werkzeuge und der Fortschritt der Menschheit kennt seither kein Ende mehr. Der Begriff "Eurozentrismus" war zwar auch in den 60er und 70er Jahren nicht unbekannt, war in das Bewusstsein aber noch nicht eingesickert. Zudem hinken die Schulbücher bis heute dem aktuellen Stand der Kenntnisse immer hinterher.

Von all dieser historischen Bedeutsamkeit ist dem Fluss bei Diyarbakir nichts anzusehen. Er ist gerade gut fünf Meter breit, kaum einen halben Meter tief, fliesst recht schnell und sein Wasser ist trüb. Das war's.

An das Ufer des Tigris zu gelangen, ist recht mühselig. Es gibt keine Promenade, nicht einmal einen befestigten Weg. Man muss sich seinen Weg den Hang von der Stadt hinunter durch ein paar Felder und Gärten suchen. Kleine Rinnsale fliessen den Berg hinab, die die Menschen durch Gräben und Leitungen dazu zu nutzen versuchen, ihren trockenen Boden zu bewässern.

FischerMit jedem Schritt in dem stechenden Gras schrecken Schwärme von kleinen Faltern und allerlei andere Fliegewesen auf, die in ihrem Taumel den Störenfrieden ins Gesicht brummen oder die sich gern auf verschwitzte Haut setzen.

So trocken der Boden am Hang ist, so schlammig ist das Ufer. Nur wer sich nicht davor fürchtet, bis zu den Knöcheln einzusinken, hat eine Chance, das Wasser zu erreichen. Nach der Dichte der Kuhfladen, die man immer zu spät entdeckt, zu urteilen, müssen Kühe hierher zum Tränken geführt werden.

Ein Junge steht im Fluss und fischt mit einem Netz. Er stellt sich ganz geschickt dabei an und kann mit einer Bewegung aus dem Arm heraus sein Netz so werfen, dass es eine optimale Öffnung hat. Die Ausbeute ist aber dürftig. Die paar Fische sind gerade so lang wie ein Bleistift und kaum dicker.

Der FangMein Begleiter Eser und ich schauen eine Weile einem Angler zu, der mit einer selbstgeschnitzten Rute und einem Korken als Schwimmer sein Glück versucht. Es dauert nicht lange und er wirft die Rute frustriert ins Wasser.

Man hatte mir erzählt, dass es am Tigris einen Felsen geben solle, von dem sich gern Menschen in den Tod stürzen würden. Weit und breit ist aber kein Felsen zu sehen. Auch Eser weiss nichts davon.

Er hat über Selbstmord noch nicht nachgedacht.

 

Eyvallah / Xatirete


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© Martin Ebbing 2001