Licht und Schatten


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MuseumHeisse Tage sind gute Tage für einen Museumsbesuch. Seit meiner Ankunft in Diyarbakir ist zwar Tag für Tag der Himmel strahlendblau und die Mittagstemperaturen liegen um die 30 Grad, aber ich fühle mich von meinem gestrigen Abendessen und von dem Whiskey, mit dem ich meinen Magen zu beruhigen versuchte, ein wenig angeschlagen.

Mein Reiseführer kennt nur ein Museum in Diyarbakir, das Arkeoloji Müzesi (Archäologische Museum). Es befindet sich etwas abgelegen gut 500 Meter nördlich der Stadtmauer in einer kleinen Seitenstrasse. Viele Besucher scheinen nicht zu kommen. Der Wachmann muss sein kleines Schwätzchen im Schatten vor dem Eingang aufgeben, die Türen aufschliessen und das Licht einschalten.

Das Museum ist in einem relativ modernen Bau, mit vier grossen Räumen, die stufenartig ineinander übergehen. Der Zahn der Zeit hat zwar schon ein wenig an der Einrichtung genagt, aber es ist angenehm kühl, das Licht gedämpft und die Ausstellung ist umfangreicher und informativer, als ich es erwartet habe.

Gleich am Eingang hängt eine Karte (mit türkischer und englischer Legende), die zeigt, warum die Gegend um Diyarbakir ein El Dorado für Archäologen ist. Dicht an dicht sind darauf die Fundstellen frühzeitlicher Siedlungen aufgezeichnet. Den grössten Punkt erhielt Cayönü, das etwa 60 Kilometer nördlich von Diyarbakir liegt.

Rekonstruierte SiedlungCayönü ist ein ehemaliges Landwirtschaftsdorf, das von 7.500 bis 5.000 v.Chr. besiedelt wurde. Das war die Periode, als die Sammler sesshaft wurden, mit der Produktion von landwirtschaftlichen Produkten begannen und die ersten dörflichen Gemeinschaften bildeten. Cayönü ist zwar nicht die früheste Siedlung, die entdeckt wurde, aber es ist eine der am besten erforschten archäologischen Stätten. Sie ist nicht nur wegen ihrer Grösse, sondern auch wegen der unterschiedlichen Bauweisen und Formen, in denen mit der Zeit die Frühmenschen die Sesshaftigkeit erprobten und sich einzurichten versuchten, interessant. Die erläuternde Tafel vermerkt trocken, Häuserbau sei damals noch "trial-and-error" gewesen.

Offensichtlich huldigten die Bewohner von Cayönü einem Totenkult. Es wurde ein "Schädelhaus" mit den Gebeinen von 394 Toten, Männern wie Frauen, Alten wie Kleinkindern, gefunden, das etwa 7.000 v.Chr. gebaut sein muss. Hier wurden Zeremonien abgehalten und offensichtlich auch die Knochen bestimmter Personen aufbewahrt.

Das Museum zeigt ein paar Rekonstruktionen früher menschlicher Behausungen, einige Schädel und Knochen, frühe Werkzeuge und arbeitet sich von hier bis in die Neuzeit empor. Die Ausstellung präsentiert zwar keine archäologischen Sensationen und hält sich mit den Informationen meist knapp, aber wer mit einem Überblick über die Entwicklung der Regionen zufrieden ist, der ist hier gut bedient.

VitrineEs ist schon fast müssig zu sagen, dass das Wort "Kurden" kein einziges Mal erwähnt wird. Leider habe ich auch nichts zur Geschichte der grossen Stadtmauer gefunden, aber es gibt eine Tafel, die über die Entstehung des Namens "Diyarbakir" informiert.

Danach war der älteste Name laut assyrischer Quellen Amidi. Dann wurde daraus Amida, auf Griechisch Amido und von den Moslems dann zu Amid abgewandelt. Aufgrund des schwarzen Basaltes, der hier als Baustoff verwendet wurde und aus dem auch die Stadtmauer besteht, nannten die Türken die Stadt Kara-Amid (Schwarzes-Amid). Während der Invasion durch die Araber liess sich ein Stamm namens Bekr hier nieder. In der Folge wurde die Gegend Diyar-i Bekr genannt, was "Land der Bekr" bedeutet. Mit der Zeit wurde daraus Diyarbekir, bis schliesslich die Stadt im November 1937 offiziell ihren heutigen Namen Diyarbakir erhielt.

Von der Klimaanlage angenehm durchkühlt, bin ich auf den Geschmack gekommen, meinen bröckeligen Bestand an kulturhistorischen Kenntnissen ein wenig zu festigen. Eser will mir ein anderes Museum im Zentrum der Altstadt zeigen.

InnenhofDas Esma Ocak Evi (Esma Ocak Haus) liegt direkt gegenüber der alten armenischen Kirche. Eser klopft an dem Tor und es dauert eine Weile, bis eine Frau am Fenster im ersten Stock erscheint. "Turist?" ruft sie herunter und als Eser bejaht, öffnet sie die Tür. Ein Gang unter dem Haus hindurch führt zu einem fast quadratischen Innenhof, in dem ein grosser Baum steht. Hier drinnen ist von dem Lärm in den Gassen, den Rufen und dem Kindergeschrei fast nichts mehr zu hören.

Esma Ocak, die dem Museum den Namen gab, war Schriftstellerin und, nach den Inschriften im Mauerwerk zu urteilen, armenischer Abstammung. Was und worüber sie geschrieben hat, wann sie lebte und was aus ihrer Familie geworden ist, kann ich nicht in Erfahrung bringen, denn die Frau, die uns geöffnet hat, hat sich irgendwohin zurückgezogen. Aber entweder muss Esma Ocak mit ihren Büchern gut verdient haben (unwahrscheinlich) oder aus einer reichen Familie stammen (wahrscheinlicher). Eser und ich gehen von Zimmer zu Zimmer um den Innenhof herum. Jeder Raum ist langgestreckt und hoch und zeugt von einem sehr angenehmen Lebensstil. Opulente Diwane säumen die Wände. Auf ihnen könnte man wunderbar in den Kissen versinken, lesen, Tee trinken und durch die Fenster das Spiel des Sonnenlichtes in den Blättern des Baumes beobachten. Ich zähle allein vier Räume, die zu solch einem Müssiggang einladen. In einem weiteren Raum hängen an der Wand Kleider aus bunten, schweren Stoffen. In Vitrinen befinden sich allerlei Karaffen und Gefässe. Neben einem Diwan steht eine Wasserpfeife und in einer Nische in der Wand ein Kästchen mit einem Rasier-Set.

WohnraumDie oberen Räume des Esma Ocak Hauses sind nicht zugänglich. Im Keller befinden sich die Wirtschaftsräume sowie ein kleines Dampfbad. Die Küche besteht aus einer grossen Feuerstelle in einem nach vorne offenen Raum am Innenhof. Nur Bücher, Schreibutensilien, ein Schreibtisch oder ein Stehpult sind nirgendwo zu sehen.

Das Haus wirkt wie ein kleiner abgeschlossener Kosmos, entrückt der Welt da draussen.

"Noch ein Museum?", frage ich Eser. Sein Gesicht bekommt einen gequälten Ausdruck. Er zuckt mit den Schultern und geht voran.

Je öfter ich mich in der Altstadt mit ihrem Gewimmel von kleinen Gassen, Winkeln und Ecken aufhalte, um so besser gefällt es mir. In den ersten Tagen wurde ich von der Flut der Gerüche, der Sinneseindrücke und des Lärms fast erdrückt. Jetzt kann ich differenzieren und das Durcheinander bekommt eine Ordnung. Ich erkenne Orte wieder und kann sie sogar wiederfinden. Menschen bekommen Gesichter. Sie mustern mich neugierig. Manche lächeln oder grüssen mit einer leichten Kopfbewegung. Ich grüsse zurück. Die Kinder haben aufgehört, mir nachzulaufen und winken mir nur noch zu. Ich kann bereits am Geruch erkennen, dass um die Ecke die kleine Bäckerei kommt. Die optischen Eindrücke sortieren sich. Dort ist das Haus mit der grünen Tür, da kann man durch ein Fenster in der Wand in einen kleinen Garten schauen. Ich entdecke neue Durchgänge, Passagen und einzelne Geschäfte. Eine kaum anderthalb Meter breite Gasse führt um zwei Ecken zu einer Schmiede, hinter einer brüchigen, verdreckten Schaufensterscheibe sind zwei weisse Brautkleider ausgestellt.

Gasse in der AltstadtAm faszinierendsten aber ist das Licht. Zu jeder Tageszeit sehen die Gebäude und Gassen anders aus. So lange die Sonne am Himmel steht, sind die Kontraste hart. Mal liegt eine Häuserfront im tiefsten Schatten, der die Details einhüllt, mal hebt das Licht jede einzelne Fuge, jeden Riss im Mauerwerk hervor.

So entdecke ich heute zum ersten Mal den mit rostigem Wellblech überdachten Unterstand auf dem Gipfel der Mauer. "Gefängnis", sagt Eser. Durch ein Tor kommen wir wieder auf die Aussenseite. Links führt eine asphaltierte Strasse zum Gefängnis, das hinter einer Biegung versteckt liegt. Davor steht ein Wachhaus der Gendarmerie. Ein Schlagbaum wird von drei schwerbewaffneten Militärpolizisten bewacht.

Rechts führt ein unbefestigter Weg den Hang hinunter. Gemüse- und Obststände stehen links und rechts. Ein Stück weiter hinunter herrscht eine ungewöhnliche Unruhe. Menschen stehen dicht gedrängt.

MoscheeAm Handgelenk zieht mich Eser durch die Menschenmenge hindurch zu einem kleinen Hof, in dem überwiegend Frauen auf ein paar Stufen im Schatten sitzen und sich ausruhen. Dazwischen spielen Kinder. Durch ein steinernes Tor schieben sich ein kommender und gehender Menschenstrom aneinander vorbei. Das Tor führt in den kleinen Innenhof der Hazreti Süleyman Moschee. Links sind die Wasserstellen zum Waschen der Füsse. In dem Trubel hat auch noch ein Bücherstand mit kleinen Gebetsbroschüren in arabischer Schrift einen Platz gefunden. Auf der anderen Seite des Menschenstromes hocken Frauen am Fusse einer Mauer, beten oder hängen ihren Gedanken nach.

Ich lasse mich einfach voran schieben und lande im Vorraum der Moschee. Wie alle anderen ziehe ich meine Schuhe aus und als ich weitergehen will, stellt sich mir ein älterer Mann in den Weg und weist mich nach rechts. Ignorant wie ich bin, wäre ich um ein Haar in den für die Frauen vorbehaltenen Teil der Moschee gegangen.

Der Innenraum der Moschee ist schlicht und ohne weitere Auffälligkeiten, aber auf dem Balkon, wo sich die Frauen ausserhalb des Blickfeldes der Männer aufhalten, rumort und summt es. Irgendwo sollen in dieser Moschee auch die Gräber verschiedener islamischer Märtyrer zu finden sein, aber es scheint mir jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zu sein, danach zu fragen.

Betende FrauVon der Moschee aus führt mich Eser eine Strasse unterhalb der Mauer entlang. Hier haben sich kleinere Häuser angesiedelt, die zum Teil direkt am Fuss der Mauer kleben. Im Untergeschoss der Häuser stolzieren Hühner neben Misthaufen. Dort, wo der Hang nicht mehr so steil ist, beginnen kleinere Felder und Gärten, die sich entlang des Flusses Tigris hinziehen. Einige Frauen arbeiten dort in der sengenden Hitze. Auf der anderen Seite des Tales blitzt die neu gebaute Universität in der Sonne.

Nach einer knappen Stunde krakseln Eser und ich den Hang wieder zu einem Tor in der Mauer hinauf. Die Altstadt ist zwar lärmender und wuseliger als die ländliche Idylle unten am Berg, aber ich bin für den Schatten dankbar. Ein Gruppe Männer sitzt im Schatten eines Baumes in einem Kreis. Eser zieht mich sanft fort. Eine Trauerfeier.

Das Kültür Müzesi ist schliesslich geschlossen. Der Aufseher, der es sich im Innenhof unter einem Sonnenschirm bei Tee und Kirschen gemütlich gemacht hat, erklärt, die Ausstellung werde gerade umgebaut - die höfliche Umschreibung dafür, dass das Museum bis auf absehbare Zeit geschlossen hat.

Auch gut, zumindest für heute.

 

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001