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Serif Baltas"Es gibt keine klaren Richtlinien, was erlaubt ist und was nicht. Wir versuchen es halt und schauen, was passiert." Serif Baltas ist einer der Organisatoren des Kultur- und Kunstfestivals von Diyarbakir, das gestern zu ende gegangen ist. Hinter seinem Schreibtisch auf seinem Sessel unter dem Foto von Staatsgründer Atatürk sieht er genau so übermüdet aus wie ich.

Serif Baltas ist ein Mann von ruhiger Effizienz. Wann immer ich in den letzten Tagen in seinem Büro vorbeigeschaut habe, sassen auf den Sesseln und den zwei Sofas Studenten, Künstler und Mitarbeiter des Festivals. Ich habe nie heraus bekommen, ob sie sich jeweils in einer Besprechung befanden, die durch mein Erscheinen unterbrochen wurde, ob sie auf irgend etwas warteten oder ob Baltas Büro einfach nur ein beliebter Treffpunkt ist.

"Das Festival war eine große Strapaze", entschuldigt sich Baltas für sein zerknittertes Auftreten, "aber es war auch ein grosser Erfolg. Die Veranstaltungen waren meist gut besucht und sind beim Publikum gut angekommen."

Ich selbst hatte mir in den vergangenen Tagen zwei Filme und ein Theaterstück angeschaut. "Mayis Sikintisi" ist ein türkischer Film, aus dem ich nicht recht schlau wurde. Ein Filmregisseur, der an einem neuen Projekt arbeitet, besucht verschiedene Personen, bittet sie, eine Rolle in seinem nächsten Werk zu spielen und unterhält sich mit ihnen über allerhand Banalitäten. In der Pause habe ich aufgegeben. Bei "Karakter" von Mike Van Diem habe ich mir zwar die Frage gestellt, warum die Wahl der Veranstalter auf einen Film gefallen ist, der einen Vater-Sohn-Konflikt im Holland der 20er Jahre zum Thema hat, aber das überwiegend studentische Publikum schien fasziniert von diesem Einblick in eine ganz andere Welt.

KinoBeide Veranstaltungen waren ebenso gut besucht wie der "Gilgamesch" im kleinen Theater im Stadtgebäude von Diyarbakir. In der Fassung von Sihali Yalciner ist dieses Epos von der Menschwerdung und der Vergänglichkeit des Menschen zu einem Einpersonenstück geworden, in dem der Autor selbst die Hauptrolle spielt. Yalciner mischt dabei Anlehnungen an den überlieferten Originalstoff mit Anekdoten über seine Erfahrungen als Kurde in Amsterdam, die vom Publikum mit Lachen und Szenenapplaus als zum Teil eigene Erfahrungen begeistert aufgenommen werden.

"Gilgamesch" in Diyarbakir aufzuführen, hat seinen besonderen Sinn. Der Text, der etwa 2700 v.Chr. in Mesopotamien entstanden ist, ist die älteste schriftlich überlieferte Erzählung der Menschheit. Kurden stellen sich gern als Nachfahren dieser sumerischen Kultur und damit als Nachfahren eines der ältesten Völker der Geschichte dar. Literatur über diese Frühzeit steht hoch im Kurs, kurdische Kulturvereine werden gern "Mesopotamien" genannt.

Das Festival habe drei Ziele verfolgt, sagt Serif Baltas. Zum einen habe es das Publikum mit Sichtweisen von aussen bekannt machen wollen. Dazu seien beispielsweise türkische Schriftsteller zur Diskussion eingeladen worden, die zum Teil selbst erstmals die Chance genutzt hätten, sich selbst einen eigenen Eindruck von kurdischer Kultur zu verschaffen. Zum zweiten habe man ein Forum zur Präsentation kurdischer Kultur schaffen wollen. Zum dritten schliesslich habe man dem Publikum die Gelegenheit geben wollen, seine eigene Identität zu feiern.

Ob er bei der Organisation der Veranstaltung Einschränkungen der Regierung habe berücksichtigen müsse, frage ich ihn. Das sei eine schwierige Sache. "Es gibt keine klaren Richtlinien, was erlaubt ist und was nicht. Wir versuchen es halt und schauen, was passiert."

So ist theoretisch nach türkischem Gesetz der Gebrauch der kurdischen Sprache nicht verboten, aber dennoch werden immer einmal wieder Stücke oder Bücher aus diesem und jenem Grund verboten und kurdische Radiostationen oder Zeitungen erst gar nicht zugelassen. Die Stadt habe erst jüngst eine Zeitschrift herausgegeben, in der auch über das traditionelle kurdische Frühlingsfest Newroz, das in diesem Jahr zum zweiten Mal frei in Diyarbakir stattfinden konnte, berichtet wurde. In dieser Publikation wurde Newroz nach kurdischer Schreibweise mit "w" geschrieben. Im türkischen Alphabet gibt es aber kein "w", Newroz wird im Türkischen "Nevroz" geschrieben. Deshalb sei der Stadt die Verbreitung der Publikation verboten worden. Oder ein anderes Beispiel: die Stadt Diyarbakir habe immer wieder versucht, Jugendclubs zu gründen, um die Jugendlichen von der Strasse zu holen. Die türkische Polizei habe die Clubs dann wieder geschlossen.

Möglich wurde das Festival, das etwa 150.000 Euro gekostet hat, nur durch die Förderung der Europäischen Union in Höhe von 10.000 Euro. Bis heute sei aber nicht klar, ob die Regierung der Türkei in Ankara diesen Zuschuss auch freigeben würde.

Das Festival habe aber verhältnismässig unbehindert stattfinden können. Nur einmal habe die Polizei ein Buch an einem Bücherstand beschlagnahmt.

Ob er eine grössere Toleranz der türkischen Regierung, eine grössere Bereitschaft, die Zügel zu lockern, feststellen könne? Festival-Mitorganisator Serif Baltas: "Das bleibt noch abzuwarten."

TheatergruppeVon einem städtischen Chauffeur lässt er mich in einem Dienstwagen zum alten Rathaus im Zentrum der Altstadt bringen. Im zweiten Stock des Gebäudes befindet sich ein Raum mit sechs Computern, an denen Jugendliche aus der Nachbarschaft kostenlos Unterricht in verschiedenen Programmen bekommen können. Nebenan probt eine Kindertheatergruppe ein Stück, das auf dem übermorgen beginnenden fünftägigen Kinderfestival zur Uraufführung kommen soll.

Aufgeregt warten die Acht- bis Zwölfjährigen auf den ausländischen Gast, der ihnen angekündigt wurde. Es gibt das übliche "Hello, how-are-you?", "What's your-name?", aber dann ruft die Lehrerin, eine junge Schauspielerin, die Truppe mit ein paar Trommelschlägen zur Ordnung. Der Gast erhält einen Stuhl in der ersten Reihe.

Die Handlung des Stückes habe ich nicht richtig verstanden, aber es kommen ein Esel und ein Hund, tanzende Blumenfrauen, ein grossartiger, mähender Schafschor, gackernde Hühner sowie eine lebensgefährliche Operation, bei der ein Kind von einem verschluckten Teddybären, einem Kabel und einer grossen Decke befreit werden muss, darin vor. Das ganze hat Witz und Tempo, und das Kind in mir ist begeistert. Nur einmal verpatzten die Hühner ihren Einsatz, aber das wird sich bis zur Premiere noch beheben lassen.

Kinder der TheatergruppeIch klatsche und ich bedanke mich bei jedem einzelnen Darsteller. Einer der Jungen kommt auf mich zu, schaut mir in meine blauen Augen und sagt: "I love your eyes!" Die anderen stimmen ihm lebhaft zu, klatschen ihm für seine mutige Tat anerkennend auf die Schultern und stellen schliesslich gemeinsam fest, meine Augen seien "wie das Meer".

 

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001