Koma Amed


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Kurdische FrauenAlle gehen. Also gehe ich auch.

Heute findet das Abschlusskonzert des 1. Kultur- und Kunstfestivals in Diyarbakir statt. Was ich heute vorhabe, fragt mich der Kellner beim Frühstück im Hotel. Zum Festival!, lautet meine Antwort. "Ah, Koma Amed", hellt sich seine Miene auf. Der Mann am Zeitungsstand verkauft mir nicht nur eine Zeitung, sondern hat auch, wie inzwischen üblich, einen kleinen Tipp für den ausländischen Journalisten: Koma Amed. müsse ich einfach sehen.

Koma Amed ist die populärste kurdische Musikgruppe. Amed ist der kurdische Name für Diyarbakir, woher auch zwei Mitglieder der Gruppe stammen, Auftritte in Diyarbakir wurden bislang aber von der türkischen Polizei verboten. Ihre Musik wird nicht im Radio gespielt, in den Zeitungen wird nicht über sie geschrieben, aber ihre Kassetten sind ein grosser Verkaufshit. Auch das Verbot von zwei Kassetten hat diesem Erfolg keinen Abbruch getan, ihn vielleicht sogar noch bestärkt.

Die MengeDie Menschenmenge am Fusse der Mauer ist weit grösser als beim Eröffnungskonzert am Samstag letzter Woche. Ich bin schlecht im Schätzen, aber 30.000, vielleicht auch 50.000 Menschen dürften es sein. Die Organisatoren haben dekorativ für die Fotografen und Kameraleute eine Reihe kurdischer Frauen in ihren traditionellen, farbenfrohen Kostümen zwischen Zuschauermenge und Bühne postiert. An der Seite sitzen auf einer überdachten Tribüne die Honoratioren der Stadt und der HADEP, der kurdischen "Demokratie-Partei des Volkes", die den Bürgermeister in Diyarbakir stellt.

Die Polizei hat das Gelände mit Gittern abgesperrt und ist ebenfalls weit massiver vertreten als am Eröffnungstag. Die Besucher müssen eine Sperre passieren, an der jederman auf Waffen und verbotenes Propagandamaterial abgetastet wird.

FestivalplatzEs ist staubig und die Sonne brennt herab. Wer immer kann, sucht Schutz im Schatten der Mauer, aber der grösste Teil der Menge tanzt und feiert in der erbarmungslosen Hitze. Gelegentlich werden ohnmächtige junge Frauen von Helfern aus der Menge herausgezogen und zum bereitstehenden Krankenwagen gebracht.

Es werden Gedichte kurdischer Dichter vorgetragen und mit brandendem Applaus gefeiert. Der Vorsitzende der HADEP hält eine Rede, in der er demokratische Rechte für die Kurden und eine wirtschaftliche Entwicklung der Region fordert. Die Menge klatscht enthusiastisch.

Der Bürgermeister von Diyarbakir spricht von kurdischer Identität und demokratischen Freiheiten und erhält ebenfalls frenetischen Beifall.

Der Auftritt jedes Künstlers wird mit Jubel und Klatschen begrüsst, bevor er überhaupt eine Note gespielt hat. Jedes Lied wird mitgesungen und mit rhythmischem Klatschen begleitet. In den Pausen skandieren Gruppen aus dem Schutz der Menge heraus immer wieder "Hoch lebe Apo!" (Apo ist der Kosename des inhaftierten und zum Tode verurteilten PKK-Führers Abdullah Öcalan). Die Kamerateams der Polizei haben alle Hände voll zu tun.

RojinVor der Gruppe Koma Amede tritt Rojin auf, eine Sängerin, die eine große äusserliche Ähnlichkeit mit Cher besitzt. Sie gehört zu der Gruppe kurdischer Musiker, die Tradition und Moderne miteinander zu verbinden versuchen. Ihre Musik ist rockig, von elektrischen Gitarren dominiert. Rojin bewegt sich auf der Bühne wie ein Rock-Star, tänzelt, hüpft, skandiert den Beat ihrer Musik mit ihren Armen. Junge Mädchen stehen fasziniert am Bühnenrand und kreischen und winken, wie in Deutschland vielleicht Madonna oder Brittney Spears von jugendlichen Fans umjubelt werden. Am Rande sitzen alte Frauen im Schatten der Lautsprecherboxen und klatschen vergnügt.

Als letzte Gruppe spielt bei Einbruch der Dunkelheit Koma Amed. Die zuvor sehr disziplinierte Menge drängt jetzt nach vorne. Die Veranstaltung gleitet ins sanfte Chaos. Koma Ameds Lieder sind schnörkellos, Adaptionen traditioneller Lieder und Neukompositionen mit schlichten, aber einprägsamen, am Folk orientierten Melodien.

Jedes Wort wird von der Menge mitgesungen. Brennende Pappstreifen werden zu einem Meer kleiner Fackeln in die Luft gestreckt. Die Menge feiert. Sie feiert die fünf Musiker auf der Bühne, aber sie feiert vor allem sich selbst, ihre kurdische Kultur, ihre kurdische Identität.

FackelnNach Ende des Konzertes drängen sich Zuschauer um die Musiker, umarmen sie und bitten sie darum, gemeinsam mit ihnen für das Familienfotoalbum zu posieren. Die Mitglieder von Koma Amed fügen sich bereitwillig diesem Ansturm ihrer Fans.

Die Menge verläuft sich bald. Einzelne Gruppen ziehen durch die Strassen und skandieren weiterhin, übermütig geworden vom Trubel, "Hoch lebe Apo!". Die Polizei hat auf diese Gelegenheit nur gewartet und bestraft die Unbotmässigkeit mit niederprasselnden Knüppeln.

Ich bin mit Koma Amed zu einem Interview im "Class Hotel" verabredet. Dieses Hotel ist das erste Haus am Platz, ein Gebäude aus Marmor und Stahl, in dem die Angestellten wie CIA-Agenten kleine Mikrophone am Revers und einen Knopf im Ohr tragen.

Mein Dolmetscher ist im Abschlusstrubel des Festivals verloren gegangen und bis der Manager von Koma Amed einen Ersatz herbeigeschafft hat, werde ich zum Abendessen eingeladen. Im Restaurant im obersten Stockwerk sind lange Tische gedeckt, an denen sich Mitarbeiter des Festivals, Musikmanager, einige Schriftsteller und Dichter und andere Kulturprominenz eingefunden haben. Ataol Behramoglu, einer der bekanntesten Schriftsteller der Türkei und Kolumnist für die liberale Tageszeitung "Hürriyet", bietet sich mir als Dolmetscher an, aber Serap Sönmez, die Sängerin und Sprecherin von Koma Amed, lehnt ab. Es ist ihr unangenehm, einen so bekannten Mann für eine solch schnöde Tätigkeit wie Dolmetschen zu benutzen.

Aus dem Fenster des Restaurants heraus kann man auf die nächtliche Stadt blicken. Von hier oben aus ist man meilenweit von der Hitze, dem Staub, den Gerüchen, dem Schweiss, der Unruhe und der Armut dort unten entfernt, und auch die Abendgesellschaft hier oben, hat wenig mit den rackernden, schuftenden, bedrängten Menschen dort unten zu tun. Ich bin mitten in Diyarbakir in die weltoffene, westlich orientierte Kulturschickeria Istanbuls geraten, und sitze nun mit durchschwitztem Hemd, sonnenverbrannt und mit staubigen Schuhen an ihrem Tisch.

FackelnIstanbul ist das Medien- und Kulturzentrum der Türkei. Dort sind die Film- und die Musikstudios. Auch Koma Amed leben dort. Sie würden zwar über einen Wechsel nach Diyarbakir nachdenken, erklärt mir der Flötist der Gruppe, aber hier seien "die Möglichkeiten" einfach nicht gegeben.

Der Schriftsteller und Kolumnist Behramoglu, mit dem ich über seine jüngste Reise nach Karbadino-Balkaria, die Russen und die Verhältnisse im Kaukasus plaudere, eröffnet mir, es gebe ein kleines Problem. Das Management des Hotels weigere sich, Alkohol auszuschenken, weil heute ein islamischer Feiertag, der Geburtstag des Propheten Mohammed, sei. "Dies ist eine prinzipielle Frage", unterstreicht Behramoglu mit fester Stimme. Ein für mich unübersichtlicher Disput entsteht, an dessen Ende die gesamte Abendgesellschaft an den verwundert dreinschauenden Kellnern vorbei das Restaurant verlässt.

Wir ziehen ein paar Meter die Strasse hinunter in die Karawanserei. In Windeseile werden dort Tische im Innenhof zusammengestellt, Teller, Besteck, Gläser, Brot und Vorspeisen für die mehr als 50 Gäste aufgetragen und neben jedes Glas mit Wasser gesellt sich ein Glas mit Raki. Die Sängerin Rojin, perfekt geschminkt und in einem durchsichtigen roten Pullover, unter dem sie einen schwarzen BH trägt, kommt mit ihren Musikern und ihrer Gefolgschaft hinzu und schliesslich ist auch ein neuer Dolmetscher gefunden.

Ich frage Serap von der Gruppe Koma Amed, ob ihr erster Auftritt in Diyarbakir ein Zeichen für eine grössere Toleranz der türkischen Regierung oder ein Zeichen der Stärke der kurdischen Kulturbewegung sei. Sie antwortet mit einer etwas schleppenden Stimme. Die Hitze, die Anstrengungen des Tages und wohl auch wenig Raki zeigen ihre Spuren. Die türkische Regierung habe nicht die Erlaubnis für ihren Auftritt gegeben, sondern sie hätten sich diese Freiheit genommen, teilt sie mit, und im Moment halte die Regierung still. Zudem sei ein solcher Auftritt ihr Recht und Ankara habe dieses Recht nicht zu gewähren.

Koma Amed verständen sich als eine Brücke zwischen der Vergangenheit der Kurden, den Traditionen und der Gegenwart, erklärt sie mir, um zu meiner Verblüffung hinzu zu fügen, die Kurden hätten den Krieg nach eigenem Willen abgebrochen. Nach meinen Kenntnissen hatte PKK-Führer Öcalan nach seiner Inhaftierung seine Kämpfer aufgefordert, die Waffen niederzulegen, weil diese Strategie falsch sei. Diese plötzliche Erleuchtung, als ihm die Handschellen umgelegt wurden, war verblüffend, und es fiel schwer, darin etwas anderes als einen hilflosen Versuch zu sehen, die eigene Haut zu retten.

Serap SönmezDie Kurden kämpften jetzt mit ihrer Musik, und nein, antwortet sie auf meine Gegenfrage, einen separaten kurdischen Staat habe man nie gewollt. Nun, ich habe anderes gelesen.

Seraps Verbundenheit mit der PKK ist schwer zu überhören, was sie für mich weder sympathischer noch unsympathischer macht und sicher nicht notwendig eine Rechtfertigung für Auftrittsverbote ist.

Da Musiker meist schlechte Politiker sind, versuche ich das Gespräch auf das Thema kulturelle Traditionen zu lenken. Sie wolle eine Musik, die ihre Wurzeln in der Vergangenheit habe, in der Gegenwart lebe und in die Zukunft weise, erläutert Serap mir und klingt doch mehr wie eine Politikerin. Was sie von ihrer Kollegin Rojin halte, die traditionelle Musik mit moderneren Formen zu verschmelzen versuche? Das sei mit Sicherheit keine traditionelle Musik, meint Serap. Es sei vielleicht authentisch, aber sie wolle ihre Kollegin nicht kritisieren. Für sie sei es aber nicht akzeptabel, dass Rojin kurdische Lieder auf Türkisch gesungen habe.

Solche harschen Standpunkte und ein Mangel an Offenheit provozieren bei mir gern den Wunsch, auf die Schwächen meines Gegenüber hinzuweisen. Sorry - was ihr Leben in Istanbul eigentlich noch mit dem durchschnittlichen Leben einer jungen Frau in Diyarbakir gemein habe, die in die Normen traditioneller Lebensweisen eingezwängt sei? Sie versuche auch in Istanbul der Lebensweise ihrer Heimat verbunden zu bleiben, antwortet Serap. Ah ja? Natürlich gebe es Unterschiede, schiebt meine Gesprächspartnerin nach, und nicht alle Traditionen seien erhaltenswert. Die Frage, welche Traditionen sie als überaltert ansieht, lässt sie unbeantwortet, und redet dagegen von der Notwendigkeit, eine Revolution gegen die falschen Traditionen zu starten. Ob sie sich selbst als Vorbild für junge kurdische Frauen ansehe? Die Frage macht sie verlegen. Nein, es gebe andere, die bessere Vorbilder abgeben würden.

Wir schütteln uns die Hände und sind wohl beide ein wenig froh, dass sich unsere Wege wieder trennen. Ich trinke noch einen Raki und stelle fest, dass ich davon nur noch mehr Durst bekomme.

Es ist noch dunkel, als ich schliesslich gehe. Die Luft ist immer noch warm, aber eine kleine Brise ist aufgekommen. Katzen wühlen im Müll. Neben dem Eingang zur Karawanserei steht ein Renault. Aus dem Inneren fiepsen Walkie-Talkies.

 

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001