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Eser
ist mir zugelaufen wie ein Hund. Dies ist keine sehr respektvolle Art, über
einen Menschen zu schreiben, aber die Redeweise ist zu treffend, um nicht
Gebrauch von ihr zu machen.
Bei meinem allerersten Spaziergang in Diyarbakir ging Eser plötzlich neben mir her. Ein Stück weit folgte er mir die Strasse hinunter, dann drehte er sich zu mir hin, lächelte scheu und fragte dann: "How are you?". Eser besitzt ein wunderbar offenes, jungenhaftes Lächeln. Er hat eine scharf geschnittene Nase, tiefbraune, große Augen, dichte schwarze Augenbrauen und Wimpern und einen schwarzen Haarschnitt, der sich wie eine weiche Kleiderbürste anfühlt. Er ist gross, aber erschreckend dürr. Seine Schultern und sein Brustkorb müssen im Alter von zehn Jahren das Wachstum eingestellt haben. Sein Rücken ist rund und unterhalb des Brustkorbes befindet sich dort, wo sich mein Übergewicht als ein rundlicher Bauch etabliert hat, bei ihm eine scharfe Kante nach innen. Seine Statur, die grossen dunklen Augen, seine phlegmatischen Handbewegungen, das leichte Lächeln, das er im Gesicht trägt, sowie seine unaufgeregte, manchmal zögerliche Art zu reden, geben ihm einen Anflug von Melancholie. Eser scheint nie zu essen. Wann immer ich ihn zum Essen einladen will, wehrt er ab. Selten lässt er sich zu einem Glas Tee einladen. Wenn überhaupt, dann trinkt er klares Wasser. Einmal habe ich in einem Restaurant über seinen Kopf hinweg etwas für ihn bestellt und ihn zum Essen gedrängt. Am nächsten Tag klagte er über Übelkeit und Bauchschmerzen. Einen weiteren Tag später hatte er eine Injektionsnadel in der Hand. Er war beim Arzt gewesen, der Typhus diagnostiziert hätte. Ich habe keine Ahnung, wie man Typhus bekommt, aber es klingt für mich wie eine mittelalterliche Seuche. Wahrscheinlich habe er sich die Krankheit geholt, als er ungewaschenes Obst gegessen habe, behauptet Eser. Auf das Pflaster, das die Nadel in seiner Hand fixierte, hatte er meinen Namen geschrieben. Eser hat nur fünf Jahre lang die Schule besucht. Über seine Familie mag er nicht so recht erzählen und verrät nur, dass er eine fünfzehnjährige Schwester hat. Er selbst ist neunzehn und arbeitet in einer der beiden Wechselstuben der Altstadt. Sein Verdienst beträgt im Monat 100 Millionen TL (200 DM). Eser und ich sprechen Englisch, obwohl sein Englisch sehr
begrenzt ist. Er spricht auch ein paar Brocken Deutsch, aber auf Englisch
scheint die Verständigung leichter zu sein. Eigentlich reden wir
über nichts Besonderes, sondern wir betreiben Wortspiele. Eser gefällt
es, mich mit den "Hello, how are you?" und "Where are you
from?", mit denen ich ständig von Fremden angesprochen werde,
aufzuziehen. Bei allen möglichen Gelegenheiten fragt er "Hello,
how are you?" und "Where are you from?", und imitiert dabei
die drängende Hartnäckigkeit, mit der eine Antwort verlangt
wird. Ich habe angefangen, ihm falsche Antworten zu geben: Ich heisse
Klaus, Udo oder Michael und komme aus Kanada, Schweden oder Dänemark.
Dann haben wir begonnen, die Rollen zu vertauschen. Ich stelle die Fragen
und Eser ist Klaus, Udo oder Michael und kommt aus Kanada, Schweden oder
Dänemark. Eser versucht, mir Türkisch beizubringen. Einer der ersten Ausdrücke, den er mir beigebracht hat, ist Allah korusun (God forbid - Gott möge verbieten). Wir haben den Ausdruck in dem kleinen Englisch-Wörterbuch gefunden, das er mitgebracht hat. Auf die Innenseite des Buchdeckels schrieb Eser "Akadas Martin" (Freund Martin).
Ich glaube, spätestens seit dem dritten Tag verbindet mich mit Eser so etwas wie Freundschaft. Ich mag seine ruhige Präsenz und seine aufmerksame Art. Er passt auf mich auf. Habe ich einen kleinen Kratzer am Arm, untersucht Eser ihn aufmerksam und ist besorgt. Werde ich einem Fremden vorgestellt, erklärt Eser ihm, wer ich bin und korrigiert kleine Fehler und Auslassungen des Dolmetschers. Er begleitet mich wie ein Schatten. Ohne dass wir miteinander verabredet sind, taucht er oft zufällig auf und setzt sich still zu mir. Daneben ist mir aufgefallen, dass er auch von anderen Menschen sofort gemocht wird. Über mich lernt er immer wieder neue Menschen kennen, mit denen er ins Gespräch kommt. Wenn ich neue Verabredungen treffe, werde ich oft gefragt, ob auch Eser mitkommen könne, oder Menschen erkundigen sich nach ihm. Ich bin für Eser "Deutschland", was er völlig akzentfrei ausspricht. "Ich träume Deutschland", sagt er, womit er nicht meint, dass er von Deutschland träumt, sondern dass seine Träume in Deutschland stattfinden. Gelegentlich zählt er aus dem Nichts eine Reihe deutscher Städte auf: "Stuttgart, München, Köln, Bonn, Essen, Dortmund, Esslingen, Bielefeld ..." Er hat eine Tante in Stuttgart, aber die sei "egoistisch". Esers große Angst ist der Militärdienst, der ihm noch bevorsteht. Kurden lehnen generell den Dienst in der türkischen Armee, die sie als Unterdrücker empfinden, ab, aber bei ihm kommt noch eine tiefe Ablehnung gegen den Männlichkeitskult, das Machotum, das in Armeen herrscht, hinzu. Nicht wenige junge Kurden begehen Fahnenflucht, in dem sie ins Ausland gehen.
In den letzten Tagen fragt mich Eser des öfteren, ob ich nach Diyarbakir zurückkehren würde. Ich kann es ihm nicht versprechen. Er macht sich Sorgen, dass mit meiner Abreise auch unsere Freundschaft zu ende sei. Ich schlage ihm vor, er möge mir schreiben, am besten per Email, und er bittet mich, ihm zu helfen, einen Email-Account einzurichten. Gestern kam seine erste Nachricht: "Hello, how are you tomorrow time for you nargileciler tea garden waiting god forbid good night Mr. Eser Uyansýz".
Eyvallah / Xatirete.
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© Martin Ebbing 2001