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Haben
unverheiratete türkische Männer Sex? Theoretisch nein. Die strengen,
auf dem Islam basierenden Sitten schreiben vor, dass ein Geschlechtsverkehr
nur in der Ehe stattfinden darf. Ehebruch ist selbstverständlich auch
verboten. Nun, die Mathematik ist einfach.
Es ist Freitagabend, der Tag in der Woche, in der der männliche Hormonspiegel gewöhnlich zu steigen beginnt. G., E., ein Freund von G., und ich sitzen im Teegarten, essen Nüsse und fragen uns, was wir unternehmen können. Besser: ich frage, ob wir nicht etwas anderes unternehmen können, als Tee zu trinken, an Nüssen zu knabbern und mit unseren Handies zu spielen. Wir diskutieren für kurze Zeit verschiedene Brettspiele, aber schliesslich ist eben Freitag. Ich frage nach einer Diskothek oder einem Club, irgendwas mit Musik, wo man trinken und Leute kennenlernen kann. Es gibt wohl eine Diskothek in Diyarbakir, aber G. und E. winken ab. Zu teuer. Ob die denn nichts mit ihren Freundinnen unternehmen wollen? E. und G. haben keine Freundinnen, zumindest keine Freundin "in dem Sinne", womit das Gespräch unvermeidbar in die Richtung driftet, wo Männergespräche gern bei hohem Hormonspiegel landen. Wann ich meine ersten sexuellen Erfahrungen gesammelt habe, fragt G. Er habe das erste Mal mit 15 Jahren Sex gehabt, gesteht E. Wie das bei den strengen Sitten in der Türkei denn möglich sei? Nun, er habe damals eine Freundin gehabt, die damit einverstanden war. Was aus der Freundin geworden sei? Er habe sie aus den Augen verloren.
Und?, lasse ich eine Frage wie einen Wackerstein in einen trüben Ententeich fallen. Ich blicke in müde, resignierte Gesichter. Es gebe natürlich immer noch das "Common House", erwähnt G. . Ich werde das türkische Wort für "Bordell" in meinem Lexikon nachschlagen, aber kann keinen Eintrag finden. "Gemeinschaftshaus" erscheint mir eine sehr wertneutrale Beschreibung. Irgendwo habe ich einmal gelesen, dass eine Bordellbesitzerin die grösste Steuerzahlerin der Türkei sei. Sowohl E. wie auch G. haben dem "Common House" in der Vergangenheit schon mal einen Besuch abgestattet. Ich frage nicht nach Einzelheiten, aber mein Interesse ist geweckt. Ein Freund mit einem Auto wird herbei telefoniert und wir machen uns auf den Weg. Das "Common House" liegt gut drei Kilometer ausserhalb von Diyarbakir an der Strasse nach Mardin. Ein unbefestigter Seitenweg führt zu einer Anlage, die in der Dunkelheit wie eine alte Polizeikaserne aussieht. Eine hohe Mauer mit Stacheldraht und Scheinwerfern umfasst den Sündenpfuhl. Davor ist ein grosser, asphaltierter Parkplatz angelegt worden, auf dem auch die Taxis warten. Das Licht eines kleinen Supermarktes mit Erfrischungen und Knabberzeug erleuchtet den Eingang.
G. erzählt mir, vor einem knappen Jahr sei ein religiöser Eiferer hier mit einem Maschinengewehr eingedrungen und habe zahlreiche Personen verletzt. Beim Sex niedergemetzelt zu werden? Kein schöner Gedanke. Mich mag der Polizist allerdings nicht hineinlassen. Ich zeige ihm meinen Presseausweis, aber er schüttelt den Kopf. Ausländern sei der Zutritt nicht erlaubt. Wir diskutieren, sein Vorgesetzter wird geholt, der wiederum mit seinem Vorgesetzten telefoniert. Ich kann gehen, muss Kamera und Recorder aber abgeben. Das "Common House" besteht aus vier langgestreckten Häusern, von denen jedes an der Strassenseite große vergitterte Fenster hat, durch die die Kundenanbahnung stattfindet. Durch die Fenster sieht man die Frauen, die miteinander schwatzen, Körperpflege betreiben oder lachend tanzen. Sie tragen leichte, eng anliegende Kleidung, aber ausser Beinen und Kopf bleiben alle Körperteile bedeckt. Männer schieben sich an den Fenstern entlang, um die Frauen zu begutachten, oder stehen rauchend zur Seite. Die Frauen rufen uns hinterher. Wer einig geworden ist, geht durch einen Gang in einen überdachten Innenhof, wo ein Aufseher seinen Schreibtisch stehen hat. Dienstleistungen gibt es nur nach Vorkasse. Danach gehen beide nach oben.
Askin dürfte Mitte Dreissig sein. Ihr Haar ist strohblond gefärbt, ihre Lippen sind grell geschminkt. Lippenstift schmiert an ihren vorderen Schneidezähnen. Ihre Haut wirkt unter dem bunten Neonlicht welk und während unserer Unterhaltung wandert eine Zigarette nach der anderen von einem Mundwinkel in den anderen. Ob viele junge Männer zu ihr kommen würden, um hier ihre ersten sexuellen Erfahrungen zu sammeln, will ich wissen. Es komme vor, sei aber eher selten. Junge Männer gingen eher zur Konkurrenz in der Stadt. E. und G. sind verblüfft. Von Prostitution in der Stadt haben die beiden noch nie etwas gehört. Doch, doch, versichert Askin, sie sei nur versteckter. Man müsse halt wissen wo. Also stimme es nicht, dass die Prostituierten in der Türkei die ersten Unterrichtsstunden in Sachen Sex geben würden, hake ich nach. Askin lässt die Frage unbeantwortet und klagt statt dessen darüber, dass die Männer in Diyarbakir wie rohes Vieh seien. Sie würden die Frauen schlecht behandeln und hätten von Sex keine Ahnung. Sie werde bald woanders hingehen. Ich erfahre, dass sie als eigenständige Unternehmerin arbeitet. Kein Zuhälter, sie müsse nur die Miete für das Zimmer bezahlen. Ob sie als Prostituierte nicht schlecht angesehen würde? Mit einem "Pah" und einer abwertenden Handbewegung stösst sie eine große Rauchwolke aus. Ihre Familie wisse Bescheid, die Nachbarn wüssten auch Bescheid. Es sei kein Problem.
"Sag mir, was wir tun sollen?", fragt G. fast bittend. Wir lassen den Abend bei einem Bier in einem Restaurant in der Altstadt ausklingen. Unser durchschnittlicher Hormonspiegel ist weit unter Meeresniveau gefallen. Deshalb geht es auch nicht mehr um Sex, sondern um die Zukunft. "Auf der einen Seite haben wir Internet und Zugang zu allen Informationen, wissen, wie man in Europa lebt. Auf der anderen Seite stecken wir tief in alten Traditionen und nichts bewegt sich", beschreibt G. die Situation vieler junger Männer im Osten der Türkei. E. erzählt mir von den Selbstmorden junger Frauen in Batman, der 85 Kilometer entfernten Nachbarstadt. Das Leben dort sei noch provinzieller, werde noch stärker von Eltern und Traditionen reguliert. So sei es den jungen Frauen verboten, allein das Haus zu verlassen und bei Anbruch der Dunkelheit schon gar nicht. Auf der anderen Seite könnten sie im Fernsehen sehen, wie die Menschen in Istanbul oder in London oder in Paris leben. Vor Verzweifelung nähmen sie sich das Leben. Ja, mein Gott, was soll ich sagen?
Eyvallah / Xatirete.
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© Martin Ebbing 2001