Die Kinder von Diyarbakir


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MädchenDiyarbakir ist eine Stadt voller Kinder. In der Altstadt laufen sie jedem Ausländer hinterher. "What's your name?" "Where are you from?". Kinder spielen in den Gassen und auf staubigen Plätzen Fussball mit abgetretenen Bällen. Sie laufen mit Tabletts voller Tee über die Strasse und beliefern ihre Kunden. Sie verkaufen kleine Schalen mit Maulbeeren, Papiertaschentücher oder Feuerzeuge. Manche haben einen kleinen Stand mit Musikkassetten und allerlei Krimskrams auf dem Bürgersteig. Sie putzen Schuhe, reparieren Schuhe, kellnern, haben kleine Jobs in einem Geschäft oder in einer Werkstatt.

Alle diese Kinder sind arm und auf das Geld angewiesen. Ihre Eltern stammen meist vom Land und sind während des Krieges zwischen den türkischen Sicherheitskräften und der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) vertrieben worden. Die Väter haben in der Landwirtschaft gearbeitet und finden sich der Stadt nur schwer zurecht. Wenn sie überhaupt eine Arbeit finden, ist sie in der Regel schlecht bezahlt.

Die Kinder sind Fremden gegenüber anfangs meist scheu, es gefällt ihnen aber, fotografiert zu werden. Sie mögen es zu posieren und schnell kommen ein paar Freunde hinzu und wollen auch vor der Kamera stehen. Das Mikrophon macht ihnen aber ein wenig Angst.

GürkanGürkan ist vierzehn. Seien Familie stammt aus Lice, einem Ort in der Nähe von Diyarbakir, der als vermeidliche Hochburg der PKK völlig zerstört wurde. Er verkauft Sesamringe.

Hast du noch Brüder und Schwestern? - Ja. - Wie viele? - Fünf. - Wie alt sind sie? - Einer ist zehn, einer neun, einer fünf, einer achtzehn und der andere sechs. - Bist du der einzige in der Familie, der arbeitet? - Nein, mein älterer Bruder arbeitet auch. - Welche Arbeit macht er? - Er arbeitet in einem Cafe. - Und was macht dein Vater? Arbeitet er? - Nein, er kann keine Arbeit finden. - Und deine Mutter? - Sie ist zuhause. - Habt ihr eine schöne Wohnung? - Nein. - Würdest du sagen, dass ihr arm seid? - Ja. - Dein Bruder und du, ihr verdient also das Geld für die Familie? - Ja. - Wieviel Geld verdienst du am Tag? - 5 Millionen TL (10 DM). - Bleibt da noch Zeit, in die Schule zu gehen? - Ich gehe morgens in die Schule und am Nachmittag arbeite ich. - Magst du deine Arbeit? - Ja. - Bist du stolz darauf, Geld zu verdienen? - Ja. - Was willst du denn einmal werden? - Ich möchte Lehrer oder ein Doktor werden.

MasallahMasallah sagt, sie sei zwölf. Sie sieht aber jünger aus. Ihre Eltern stammen aus Silvan. Sie verkauft Kaugummis für fünf Pfennig das Stück.

Warum verkaufst du Kaugummi? - Ich langweile mich zuhause und deshalb möchte ich etwas verkaufen. - Kann man mit Kaugummi viel Geld verdienen? - Am Tag etwa 2,5 Millionen TL (5 DM). - Kannst du das Geld behalten oder musst du es abgeben? - Ich gebe es meiner Mutter. - Hast du eine reiche Familie? - Nein. - Was macht dein Vater? - Er ist Scherenschleifer. - Wieviel Geld verdient er? - Er verdient am Tag 3 Millionen TL. - Hast du noch Geschwister? - Einen jüngeren Bruder und drei Schwestern. Eine ist sechs, eine drei und die andere ein Jahr alt. - Gehst du zur Schule? - Nein. - Warum nicht? - Mein Vater wollte mich zu einer Schule in der Nähe von unserer Wohnung schicken, aber der Direktor der Schule hat das abgelehnt. Meine Eltern wollen mich nicht zu einer Schule weiter weg schicken. - Was möchtest du einmal werden, wenn du gross bist? - Eine Lehrerin. - Was für eine Lehrerin? - Das weiss ich nicht. - Gefällt es dir, Kaugummi zu verkaufen? - Ja. - Möchtest du nicht auch etwas anderes tun? - Im Winter verkaufe ich Papiertaschentücher.

RemziRemzi ist ein kleiner, magerer, verdreckter Junge. Er sagt, er sei zehn Jahre alt. Auch seine Eltern stammen vom Land, aber Remzi weiss den Namen des Ortes nicht. Auch er verkauft Kaugummi.

Warum verkaufst du Kaugummi? - Für Geld. - Wieviel Geld verdienst du denn? - 500.000 TL am Tag (1 DM). - Warum brauchst du das Geld? - Für Brot. - Kauft dir denn dein Vater kein Brot? - Doch. - Ist deine Familie arm? - Ja. - Hast du Geschwister? - Ja, eine Schwester und drei Brüder. - Wie alt sind deine Brüder? - Einer ist ein Jahr, einer dreizehn und einer fünf. - Und die Schwester? - Ein Jahr. - Verkaufen die anderen Brüder auch Kaugummi? - Ja. - Alle verkaufen Kaugummi? - Einige verkaufen Kaugummi, die anderen Papiertaschentücher. - Gehst du zur Schule? - Ja. - In welche Klasse? - Erste Klasse - Aber du bist doch schon zehn Jahre alt. - Ich wurde nicht versetzt. - Weil du so viel arbeitest? - Ja. - Was willst du einmal werden, wenn du gross bist? - Vielleicht ein Fussballspieler, ein Lehrer oder ein Doktor.

TurgutTurgut ist zwölf. Seine Familie stammt ebenfalls aus Lice und auch er verkauft Sesamringe.

Warum verkaufst du Sesamringe? - Um meine Familie zu unterstützen. - Wieviel verdienst du denn am Tag? - 2 bis 3 Millionen TL (4 bis 6 DM). - Warum musst du die Familie unterstützen? - Sie braucht Geld. - Warum braucht deine Familie Geld? - Ich muss verkaufen, weil wir kein Geld haben. - Was macht dein Vater? - Mein Vater ist ein Kellner in diesem Teegarten hier. - Wieviel Geld verdient dein Vater? - 5 Millionen TL am Tag - Dann verdienst du ja fast so viel Geld wie dein Vater. - Ich verdiene 2 bis 3 Millionen, aber mein Vater verdient 5 Millionen TL - Kannst du von dem Geld etwas für dich behalten? - Ich gebe alles meiner Familie, aber sie kauft für mich Kleidung und Schulbücher. - Du gehst also zur Schule? - Ja. - In welche Klasse? - In die erste Klasse der Hauptschule. - Bist du ein guter Schüler? - Durchschnittlich. - Wieviel Brüder und Schwestern hast du? - Ich habe drei Schwestern und fünf Brüder. - Sind sie älter oder jünger als du? - Einige sind älter. Die anderen sind jünger. - Arbeiten sie alle? - Nein, sie arbeiten nicht. Zwei sind verheiratet und leben nicht mehr mit der Familie. - Bist du stolz darauf, Geld für deine Familie zu verdienen? - Ja, darauf bin ich sehr stolz. - Was willst du später einmal werden? - Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Ich möchte eine Arbeit haben. - Irgendeine Arbeit? - Es ist nicht so wichtig, aber vielleicht werde ich ein Lehrer.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001