Die Polizei greift ein


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Eigentlich hatte ich heute mit dem Gedanken geliebäugelt, einmal einen Ruhetag einzulegen, ein wenig die Seele baumeln zu lassen und zu versuchen, wieder mehr Abstand zu gewinnen. Aber dann meldete sich Cem, einer meiner Dolmetscher, bei mir im Hotel.

Heute morgen war die Polizei bei ihm an der Schule erschienen und hatte Erkundigungen über ihn eingezogen. Da er offensichtlich in das Blickfeld der Polizei geraten sei, müsse er nun befürchten, demnächst verhaftet zu werden. Er persönlich sei bereit, dieses Risiko zu tragen, aber er wisse nicht, wie er einen solchen Vorfall an der Schule erklären solle. Zudem mache sich seine Familie furchtbare Sorgen um ihn und deshalb könne er leider nicht weiter für mich als Dolmetscher arbeiten.

Nach dem, was wir gestern gehört hatten, war Cems Angst, irgendwann in der Nacht abgeholt, in eine Zelle geworfen und dort misshandelt zu werden, mehr als begründet.

Seine Schilderung löste bei mir sowohl Schuldgefühle wie Wut aus. Schuld, weil durch mich ein Mensch in solch eine Lage geraten war. Ich hätte es Cem nicht verübelt, wenn er den Tag verflucht hätte, an dem er mich kennengelernt hatte. Wut, weil ich empört darüber war, dass die Polizei nicht davor zurückschreckte, einen Menschen anzufassen, für den ich mich verantwortlich fühle, Wut über diese Dreistigkeit und Wut über diese unverhüllte Drohung.

Was tun?

Als erstes rief ich die Telefonnummer an, die mir die Polizei am Tage meiner Ankunft für den "Notfall" überlassen hatte. Auf der anderen Seite der Leitung konnte ich das Fiepsen und Knacken von Walkie-Talkies hören. Ich war also richtig verbunden, aber mein Gesprächspartner verstand kein Englisch. Ich versuchte es mit ein paar Brocken Türkisch, was auch nicht weiterhalf. Cem mochte ich nicht übersetzen lassen. Erst als ich das "Otel Turistik" erwähnte, antwortete mir die Stimme mit "Yes, yes. Come." Aber niemand kam.

Als nächstes wurde ein Mitarbeiter des Pressezentrums der Regierung, der für die Betreuung ausländischer Journalisten in Diyarbakir zuständig ist, Opfer meines Zorns. Sein Büro liegt gleich neben meinem Hotel. Ich war laut, ich war ungehalten, ich war aufsässig. Ich sprach von "Behinderung der Presse", einem "Vorgang, den ich nicht hinnehmen werde und nicht hinnehmen kann", forderte Schutzgarantien für Dolmetscher Cem und alle weiteren Personen, mit denen ich in Diyarbakir Kontakt hatte und noch haben werde. Der Mitarbeiter des Pressezentrums, den ich bequem zurück gelehnt hinter seinem Schreibtisch beim Fernsehen überrascht hatte, nickte nur immer mit dem Kopf und sagte "I understand, I understand."

Zurück im Hotel schickte ich den verwirrten Freund Eser, der auf einen Tee vorbeigekommen war, wieder fort, weil ich befürchtete, das vielleicht doch noch die Polizei auftauchen würde.

Danach rief ich die Leiterin der Pressestelle der Regierung in Ankara, Frau Ozkut, an. Ich schilderte ihr den Vorgang und liess sie wissen, dass solche Praktiken in meinen Augen nicht mit einem demokratischen Rechtsstaat vereinbar seien. Frau Ozkut klang peinlich berührt und ein wenig erschrocken. Sie bat um ein Fax, in dem ich die Vorgänge noch einmal schildern solle und versprach eine Prüfung.

Schliesslich telefonierte ich mit bzw. schrieb Emails an meine Agentur in New York, für die ich arbeite, sowie an Radio Bremen und an das Internet-Reisemagazin www.schwarzaufweiss.de, die allesamt an diesem Projekt beteiligt sind. Alle drei versprachen, sich per Fax an die Pressestelle der türkischen Regierung in Ankara und an andere kompetente Stellen zu wenden.

Ich habe keine Ahnung, ob all diese Aufregung viel erreichen wird. Die Hoffnung besteht darin, dass eine demokratische türkische Regierung, die den Anschluss an die Europäische Union sucht, es sich nicht leisten wird, unter den Augen der ausländischen Presse solche eklatanten Rechtsbrüche zuzulassen. Auf der anderen Seite ist Cems Fall in diesem Land einer unter hunderten, vielleicht tausenden.

"So lange du hier bist, wird sich die Polizei zurückhalten, aber was passiert, wenn du weg bist?", fragte C. (in der Zukunft verwende ich besser nur noch Initialen für meine Gesprächspartner) zu Recht. Er hatte bereits von der Geschichte erfahren. Dass jeder Kontakt mit mir die Aufmerksamkeit der Polizei und damit eine drohende Verhaftung mit sich bringen kann, hat sich schnell herumgesprochen. Ich treffe mich mit C. zu einem Tee und verspreche ihm, dass ich auch nach meiner Abfahrt aus Diyarbakir weiter mit ihm und allen anderen Kontakt zu halten versuchen werde. Wir beide sind uns nicht sicher, wieviel Schutz eine solche Abmachung tatsächlich gewährt.

Auf dem Rückweg ins Hotel treffe ich auf eine Gruppe deutscher Touristen. Sie seien aus Köln und unternähmen eine vierzehntägige Türkei-Rundreise, erklären mir die älteren Damen. Ja, es gefalle ihnen ausgesprochen gut. Die Landschaft, die alten Bauwerke, die Atmosphäre, ja, das sei doch alles grossartig.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001