Stiller Krieg


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PolizeirevierIch bemerke, dass der Ablauf des Gespräches mechanisch wird. Ich höre aufmerksam zu, versuche die Schilderung der Ereignisse zu ordnen, frage nach Einzelheiten - aber ich behalte Abstand, konzentriere mich auf das Handwerk und nicht auf die Inhalte.

Ich bin mit drei Opfern polizeilicher Misshandlungen in Diyarbakir verabredet, um von ihnen die Schilderungen ihrer Erlebnisse zu hören. Sehr vorsichtig taste ich mich an das Thema heran, bedanke mich, dass sie gekommen sind, und äussere Verständnis, dass es sicher sehr schwierig für sie sei, über dieses Stück ihrer Vergangenheit noch einmal zu reden. Sie nicken mir dankbar zu. Ob ich ihre Namen nennen könne? Selbstverständlich. Fotos? Aber sicher. Alle drei möchten ihre Geschichte erzählen. "Wir haben nichts Falsches getan, und alle Welt soll erfahren, was hier geschieht," sagt Masum.

Ich bin verblüfft und frage mich, ob er und die anderen wirklich wissen, was sie tun, oder ob es nicht meine Aufgabe ist, sie vor sich selbst zu schützen. Nach meiner bisherigen Erfahrung weiss ich, dass jeder, der mit einem ausländischen Journalisten Kontakt hat, mit Schwierigkeiten mit der Polizei rechnen muss. Was mag passieren, wenn jemand über die dunklen Praktiken eben dieser Polizei berichtet?

Folter ist für mich ein Thema, gegen das sich tief in meinem Inneren etwas sträubt. Ich kann es nicht zu nah an mich herankommen lassen. Es versetzt mich in eine tiefere Panik als beispielsweise der Anblick einer von einem Geschoss getöteten Leiche. Der Schütze hat sein Opfer meist nicht gekannt. Es war eine kurze Begnung, wenn überhaupt. Ein kurzer Fingerdruck auf den Abzug, eine Kugel fliegt los und wird auf irgendein Ziel auftreffen. Ein mehr oder weniger mechanischer Vorgang, aber bei der Folter gibt es einen intensiven und sehr intimen menschlichen Kontakt. Der Täter sieht wie Furcht in seinem Opfer aufsteigt. Das ist genau das, was er zu erreichen versuchen. Er sieht ihn schwitzen und zittern, er hört in schreien und flehen. Das Opfer ist wehrlos und dennoch wird ihm Scherz zugefügt. Es klamert sich an ein paar letzte innere Widerstände, den wenigen Halt, die letzten Krümel Würde. Man kann kaum tiefer in einen Menschen hineinsehen, ihn kaum weiter "öffnen". Wieviel menschliche Barrieren muss man überwinden, um dazu in der Lage zu sein. Kann man sich von dem Individuum, das sich da vor einem windet, distanzieren, in ihm nur einen gefährlichen Terroristen oder vielleicht nur einen Klumpen Fleisch sehen? Gellen die Schreie gar nicht in den Ohren? Spürt man nicht seine eigene Verletzlichkeit, wenn ein Menschen unter den eigenen Händen zerbricht?

Ich habe mir die Zentrale der Sicherheitspolizei in Diyarbakir von aussen angeschaut, der Ort, an dem diese Untaten geschehen. Sie besteht aus einem umzäunten Komplex mitten in einem Wohngebiet mit mehreren unschuldig blau gestrichenen Gebäuden, zu denen auch eine kleine Moschee gehört. Einige der Gebäude wirken ein wenig verwahrlost. Müll und Schutt liegen hinter dem Maschendrahtzaun.

Ich habe mir am Eingang so unauffällig wie es ging die Gesichter der ein und ausgehenden Polizisten angeschaut. Es wra nichts auffälliges zu sehen. Natürlich tragen Folterer die Spuren ihrer Tätigkeit nicht im Gesicht, aber ich würden mir doch wünschen, dass es etwas geben würde, an dem sie zu erkennen sind. Die Normalität macht sie so bedrohlich.

Wenn ich über Folter lese, kann ich, wenn es mich zu sehr berührt, ein paar Zeilen überspringen oder die Lektüre ganz zur Seite legen. Nun sitzen drei leibhaftige Menschen vor mir, die Folter erfahren haben. Sie sind noch verhältnismässig glimpflich davongekommen. Keine Elektroschocks, kein stundenslanges Aufhängen an den auf dem Rücken zusammengebundenen Armen, kein Untertauchen in Wasser bis zur Bewusstlosigkeit. Ihre Schilderungen sind dennoch bedrückend genug.

Ich werde ihnen nicht sagen können, sie sollten die heiklen Stellen einfach überspringen. Ich muss zuhören. Deshalb schalte ich auf Distanz und Skepsis. Ich versuche sorgfältig zu überprüfen, ob ihre Schilderungen auch stimmig sind oder Widersprüche aufweisen. Ich höre zu und lass das Gehört dennoch nicht an mich herankommen.

Dies ist der erste Tag, an dem ich mir wünsche, nicht nach Diyarbakir gekommen zu sein.

Die drei Geschichten:

Masum Bilen.

Masum BilenIch bin Lehramtsstudent hier an der Universität in Diyarbakir und Mitglied der Studentenvertretung.

Vor einer Woche wurde ich verhaftet und sechs Tage lang festgehalten. Diesmal war die Haft nicht so schrecklich wie beim ersten Mal 1995. Die übliche Praxis besteht darin, dass man uns Gefangene hungrig hält, uns möglichst nicht schlafen lässt und dass wir immer wieder geschlagen werden.

Die Verhaftung fand genau zu dem Zeitpunkt statt, als ich mich auf meine Semesterabschlussprüfungen vorbereitete und ich denke, das ist kein Zufall.

Ich denke, meine Verhaftung wurde von einer Spezialeinheit der Polizei durchgeführt. Sie sprachen in einer Art Militärsprache und nannten sich gegenseitig "Kommandant", aber jeder weiss, dass es Polizisten sind.

Ich wurde um sieben Uhr abends festgenommen. Die Männer waren maskiert und trugen kugelsichere Westen. Ich war schockiert, als ich sie sah, und hatte Angst, was sie wohl mit mir anstellen würden. Ich war zuhause und sie stellten die gesamte Wohnung auf den Kopf. Sie warfen alles durcheinander und brachen die Schränke mit Gewalt auf.

Dann brachten sie mich zum Gebäude der Sicherheitspolizei und sperrten mich in eine kleine Zelle. Es gab nur ein kleines Licht durch einen Schlitz oben an der Wand. Es gab jeden Tag nur ein kleines Stück Brot und ein kleines Stück Käse und ich durfte nur zweimal am Tag zu festgesetzten Zeiten zur Toilette. Die ganze Zeit wurde laute Musik gespielt.

Jeden Tag nach Mitternacht fanden die Verhöre statt. Ich wurde geschlagen, vor allem auf den Oberkörper, mit Fäusten, mit einem Kabel oder was sie sonst zur Verfügung hatten. Sie zwangen mich dazu, ein Papier zu unterschreiben, ohne dass ich das Dokument vorher lesen konnte. Ich verlangte es zu lesen, aber sie drohten mir mit Stromstössen oder mich an den Händen aufzuhängen, wenn ich nicht unterschreiben würde.

Während der Verhöre wurde ich immer wieder nach der Studentenvertretung, seiner Arbeit und sonstigen Aktivitäten gefragt. Schlieslich wurde ich vor Gericht gestellt und erst dort erfuhr ich zu meiner Überraschung, dass man mich der Mitgliedschaft in der PKK beschuldigte. Es gab dafür aber keine Beweise. Wie sehr diese Behauptung an den Haaren herbeigezogen war, zeigte sich daran, dass der Staatsanwalt meine sofortige Freilassung beantragte und man liess mich wieder gehen.

Mazlum Öncel

Mazlum ÖncelVon 1993 bis 1996 bin ich mehrfach verhaftet worden und sass dann vier Jahre lang im Gefängnis. Seit meiner Freilassung im letzten Jahr wurde ich bereits zweimal wieder verhaftet, das letzte Mal am 18. März dieses Jahres.

Ich arbeite für die HADEP (die legale kurdische Demokratie-Partei).

Beim letzten Mal kamen sie mitten in der Nacht. Die Klingel schellt ununterbrochen, aber ich habe bis zum Morgen nicht aufgemacht. Ich wollte erst einen Anwalt haben. Deshalb habe ich die IHD (türkische Menschenrechtsorganisation) und das Büro der HADEP angerufen. Erst als die Anwälte kamen, habe ich die Tür geöffnet.

Die Zivilpolizisten haben ihre Ausweise gezeigt und dann das ganze Haus durchsucht. Sie haben alles durcheinander gewühlt und dabei meinen jüngeren Bruder bedroht. Sie haben aber nichts gefunden.

Sie haben die Rechtsanwälte beschimpft und wollten mich zwingen, ein Papier zu unterschreiben, in dem ich bestätigen sollte, ein Gedicht über (PKK-Führer) Abdullah Öcalan und ein Foto von ihm, sei in meinem Besitz gewesen. Ich habe mich geweigert. So haben sie mich zum Gebäude der Spezialeinheit der Polizei mitgenommen.

Auf dem Weg dorthin haben sie mir die Augen verbunden, meinen Kopf auf den Sitz gedrückt und mir gedroht, sie könnten mit mir machen, was sie wollten.

Ich wurde dort 7 Tage festgehalten. Für die Verhöre wurden mir jeweils die Augen verbunden. Auf dem Weg von meiner Zelle zum Verhörraum wurde ich jedes Mal beschimpft und geschlagen. Sie haben mich entweder an meiner Nasenspitze gezogen oder im Nacken gepackt.

Beim ersten Verhör wollten sie, das ich mich auszog (Anm.: das Ausziehen ist meist der Beginn der Folter durch Elektroschocks). Ich habe mich geweigert, weil ich diese Verhöre bereits kenne. Aber dann musste ich mich doch ausziehen, damit mich ein Doktor untersuchen konnte, ob ich nicht schon irgendwelche Verletzungen hatten, bevor ich in Haft kam. Das ist so üblich.

Die Verhöre waren diesmal nicht so schlimm wie in der Vergangenheit, aber ich wurde mehrfach auf den Kopf geschlagen und ständig bedroht. Sie kündigten an, sie würden ein oder zwei Mitglieder meiner Familie herbringen, wenn ich ihnen ihre Fragen über die Aktivitäten meiner Partei nicht beantworten und ihnen nicht sagen würde, was ich weiss. Sie versuchten, mich und meine Familie mit irgendwelchen illegalen Aktivitäten in Verbindung zu bringen.

Aber von den Verhören abgesehen, war alles in Ordnung. Wie üblich gab es jeden Tag ein Stück Käse und ein Stück Brot und man liess mich zweimal am Tag zur Toilette gehen.

Bevor ich entlassen wurde, versuchten sie mich noch dazu zu zwingen, ein Protokoll meiner Aussagen zu unterschreiben, aber meine Augen waren verbunden. Also weigerte ich mich.

Darauf hin brachten sie mich wieder in den Verhörraum, wo das Übliche stattfand: Drohungen, Beschimpfungen, usw. Dann brachten sie mich in einen anderen Raum, wo ich wieder unterschreiben sollte. In diesem Raum war noch eine weitere Person, die ebenfalls eine Erklärung unterschreiben sollte. Als ich mich weigerte, weigerte er sich auch. Darauf hin brachten sie ihn in ein Nachbarzimmer und schlugen ihn. Ich konnte die Geräusche und seine Schreie hören. Mich führten sie wieder in das Verhörzimmer und dort habe ich dann unterschrieben. Später habe ich dann erfahren, dass dort solche Sachen drin standen, dass ich ein Sympatisant der PKK sei und an verbotenen Aktionen teilgenommen habe. Das war natürlich Unsinn.

Aber dieses Unterschrift war ohne Wert. In der anschliessenden Gerichtsverhandlung, habe ich dem Staatsanwalt gesagt, die Unterschrift habe ich nur unter Zwang geleistet. Er hat mich freigelassen.

Obwohl ich nun schon mehrfach verhaftet wurde, kann ich mich nicht daran gewöhnen. An den Tagen beispielsweise, an denen irgendwelche Parteiaktivitäten anstehen, gehe ich aus Angst, wieder festgenommen zu werden, nicht nach Hause. Die Verhaftungen und Verhöre haben einige Spuren an meinem Körper hinterlassen. Die Sehnen in meinen Beinen sind in einem schlechten Zustand. Meine Hoden, die von der Polizei mehrfach gequetscht wurden, ebenfalls. Wenn ich ein Funkgerät höre, schrecke ich zusammen. Meine Familie hat ebenfalls Angst. Meine Schwester hat angekündigt, sie werde vom Dach unseres Hauses springen, wenn die Polizei noch einmal kommen würde.

Man kann sich an so etwas nicht gewöhnen, aber ich habe gemerkt, dass etwas mit mir geschehen ist, dass ich mich geändert habe. Es gibt nur eine einzige vernünftige Haltung diesen Dingen gegenüber: man muss für seine Meinung einstehen.

Deniz Cecik

Deniz CecikIch wurde vor 20 Tagen verhaftet und für 10 Tage da behalten. Ich wurde zu Hause festgenommen. Zuvor hatte die Polizei an meiner Schule schon nach mir gesucht, mich aber nicht gefunden. Es waren vier Polizisten in Zivil. Sie haben mir zwar keinen Durchsuchungs- oder Haftbefehl gezeigt, aber dennoch haben sie die Wohnung durchsucht und mich dann mitgenommen. Ich war zu dem Zeitpunkt alleine zu Hause.

Ich kam zuerst zu einer normalen Polizeiwache, wurde von dort aber in das Gebäude der Spezialeinheit der Polizei gebracht. Im oberen Stockwerk sind dort Zellen. Es waren auch noch andere Leute dort. Eine weibliche Beamtin hat mich durchsucht und dann wurde ich in eine Zelle gesperrt.

Die Verhöre begannen jeweils nach Mitternacht und dauerten bis in den frühen Morgen. Sechsmal wurde ich verhört und jedesmal wurden mir dabei die Augen verbunden. Manchmal wurde laute Musik dabei abgespielt. Öfter wurde mir damit gedroht, man werde mich zwingen, mich auszuziehen.

Auf dem Weg zum Verhörraum kam man an einer Metalltür vorbei. Durch einen kleinen Spalt konnte ich einmal dahinter einen nackten Man sehen. Ich hörte sein Weinen und seine Schreie.

Bei den Verhören wurde ich wiederholt geschlagen und sie zogen mich vor allem an den Haaren. Noch mehrere Tage nach meiner Freilassung konnte ich meinen Hals nicht bewegen. Am dritten Tag meiner Verhaftung bin ich während des Verhörs ohnmächtig geworden. Immer wieder haben sie mir damit gedroht, mich mit einem Polizeiknüppel zu vergewaltigen, oder sie haben mir angedroht, mich "privat" später in meiner Wohnung zu besuchen, oder sie haben sich über mich lustig gemacht. Untereinander haben sie sich beispielsweise scherzhaft gefragt, ob man mir vielleicht etwas Wasser oder ein paar Erfrischungen besorgen sollte.

Die Fragen drehten sich immer wieder um die HADEP und die PKK. Ich bin Mitglied der Studentenorganisation der HADEP. Sie versuchten die Partei mit der PKK irgendwie in Verbindung zu bringen.

Schliesslich wurde ich zu einem Arzt gebracht. In türkischen Gefängnissen ist es üblich, dass ein Gefangener einem Arzt vorgeführt wird, der untersucht, ob der Gefangene Opfer von körperlicher Misshandlung war. Erst musste ich das Verhörprotokoll unterzeichnen, dann wurde mir gedroht, auf keinen Fall dem Doktor etwas über die Schläge zu sagen. Man kommt allein zum Arzt, aber im Zimmer des Doktors ist ebenfalls ein Polizist anwesend.

Ich habe dann die Bescheinigung des Arztes erhalten und bin zum Büro des Staatsanwaltes gebracht worden, wo ich noch mal etwas unterschreiben musste. Dann wurde ich entlassen.

Ich möchte noch etwas hinzufügen: es sind vorher schon einige andere europäische Journalisten hier gewesen. Wir setzen uns für unsere Menschenrechte ein und wir wollen kein Mitleid. Und ich möchte mich bedanken.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001