Auf der Mauer


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Die MauerDie Tage füllen sich langsam mit Verabredungen und Terminen. Dies könnte eine Entschuldigung sein, aber wahrscheinlich ist es nur wieder mein Starrsinn.

Es ist ein stechend heisser Sonntag in Diyarbakir im Südosten der Türkei mit einer erbarmungslosen Sonne. Berna und Eser schauen mich ungläubig an, als ich darauf beharre, wie verabredet einen Spaziergang über die Festungsmauer zu unternehmen. Eser arbeitet in einer der beiden Wechselstuben in der Altstadt. Er hatte mich auf der Strasse angesprochen: "Where are you from?" "What is your name?" "What do you do?". Seither ist er, soweit es ihm seine Arbeitszeit erlaubt, so etwas wie mein treuer Begleiter geworden.

Berna schlägt vor, ob wir vielleicht nicht erst ein paar Freunde besuchen sollten, um dann etwas später, wenn es nicht mehr so heiss ist, zu unserem Spaziergang aufzubrechen, aber nein, der ignorante Ausländer bleibt dickköpfig. Er hat am Abend schon etwas vor.

Der BräutigamSo kaufen wir ein paar frische Aprikosen, die Eser auf dem Hof einer Moschee wäscht, und eine große Wasserflasche. Berna und Eser meinen, der beste Ausgangspunkt für unser Unternehmen sei das Mardin Tor an der Südseite der Mauer. So könnten wir langsam zu unserem Ausgangspunkt am Nordende zurückgehen. Eine komplette Umrundung der Anlage, die sechs Kilometer lang ist, wäre an einem Tag sowieso nicht möglich.

Wir gehen die Gazi Cadde, die Hauptverkehrsstrasse, die die Altstadt in Nord-Süd-Richtung teilt, entlang. Irgendwo von der Seite sind ein paar Fetzen Musik zu hören. Als seien es die Flötentöne des Rattenfängers von Hameln folgen Berna und Eser der Musik durch die engen Gassen. Auf einem staubigen kleinen Platz wird eine kurdische Hochzeit gefeiert. Traditionell dauern diese Feiern mindestens zwei Tage und bestehen aus drei Festen: einer Feier der Familie des Bräutigams, einer Feier der Familie der Braut und schliesslich einer gemeinsamen Feier beider Familien und des Brautpaars.

Tanzende HochzeitsgästeDies ist die Feier des Bräutigams. Bekannte, Freunde und die Nachbarschaft sind zusammengekommen, um ihn ins Eheleben zu verabschieden. Der schmächtige Mann steht in der Mitte eines Pulks von Frauen und nimmt das Startgeld in die neue Zukunft entgegen. Eine Frau heftet ihm mit Nadeln Geldscheine an die Jacke, die von den Umstehenden gespendet werden. Jeder grössere Betrag wird von juchzenden Schreien der Frauen begleitet. Der Bräutigam macht einen seltsam leblosen Eindruck. Seine Arme hängen schlaff herunter und sein Gesichtsausdruck ist völlig leer, als werde er jeden Moment in Ohnmacht fallen.

Und es wird getanzt. Überall wo kurdische Musik gespielt wird, nehmen sich die Menschen bei der Hand und bewegen sich im Gleichschritt, Schulter an Schulter, in immer länger werdenden Ketten. Wir werden eingeladen, uns zu setzen oder vielleicht auch mitzutanzen, aber ich lehne dankend ab. Die Mauer ruft...

Deliller HaniKurz vor dem Mardin Tor liegt auf der linken Seite eine alte Karawanserei aus dem 14. Jahrhundert, die heute als Hotel dient. Ein rechteckiges Gebäude aus schwarzen und weissen Steinen umschliesst einen schattigen Innenhof mit einem Brunnen und Bäumen, die Schatten spenden. Durch ein Tor gelangt man auf der Südseite zu einem Swimmingpool und einer kleinen Bühne. Bei der Restaurierung hat man sich sehr erfolgreich darum bemüht, den ursprünglichen Charakter dieses Ortes zu erhalten. Die Gewölbe sind sorgsam ausgebessert worden, die modernen Einrichtungen wie die Bar, die Sauna oder der Friseursalon fügen sich unauffällig ein.

Berna und Eser sind ein wenig befangen. Dieses Hotel entspricht nicht ihrem üblichen Lebensstil. Meinem zwar auch nicht, aber ich bin von Luxus leicht zu verführen und schlage vor, dies sei doch der geeignete Ort für eine letzte Erfrischung vor unserem grossen Unternehmen Stadtmauer. Der Portier drückt mir zwar einen bunten Prospekt in die Hand, murmelt dann aber etwas davon, wir sollten die Gäste nicht stören. Nun dann, der Gedanke, vielleicht für ein, zwei Nächte hier zu übernachten, ist wieder gestrichen.

TouristenWir sind nicht die einzigen, die der heutigen Hitze trotzen und entlang der Festungsmauer spazieren wollen. Am Fuss der Mauer treffen wir auf drei Reisebusse mit türkischen Touristinnen. Der Konvoi wird von einem Streifenwagen, einem Polizeimotorrad sowie zwei PKWs mit Polizisten in Zivil begleitet. Die Touristinnen klettern die Treppe an der Mauer hinunter, wir klettern hinauf.

Gebaut wurden die ersten Ansätze zu diesem Bollwerk bereits von den Römern, die hier etwa 200 n.Chr. einen Aussenposten unterhielten. Zwischen 300 und 500 n.Chr. wurde die Anlage dann zu ihrer jetzigen Grösse ausgebaut. Ich habe keine Angaben darüber gefunden, wie hoch die Mauer ist, aber nach meiner Vorstellung dürften es gut 20 Meter sein. Oben ist sie etwa drei Meter breit und wird von 72 Türmen unterbrochen. Durch vier Tore konnte man damals von Norden, Westen, Süden und Osten die Stadt betreten. Heute fehlen einige Teile der Stadtmauer. Einige Abschnitte dürften wohl in der Vergangenheit von Angreifern zerstört und nicht mehr aufgebaut worden sein, andere hat man zugunsten des Strassenverkehrs abgerissen.

Im Süden folgt die Mauer der Linie des Steilhanges, über dem sie steht, und formt eine Ausbuchtung. Von hier kann man deshalb von oben einen Teil des Verlaufes von aussen betrachten. Richtung Süden liegt der Tigris, von dem man nur ein schmales, glitzerndes Band sehen kann. Davor fallen frisch gepflügte Felder in sanften Stufen zum Tal ab.

FelderMein Dolmetscher Cem hatte mir erzählt, im Tigristal seien früher Wassermelonen angebaut worden. Deshalb sei auch eine Wassermelone im Stadtwappen von Diyarbakir zu finden. Aber die Melonenwirtschaft habe man weitestgehend eingestellt. Nur einmal im Jahr finde noch ein Festival statt, bei dem die grössten und schwersten Exemplare prämiert werden.

Schweigend machen wir uns auf den Weg. Ich halte mich von den Rändern ein wenig fern, da der Blick nach unten bei mir leichte Schwindelgefühle auslöst. Am Fuss der Mauer spielen im Schatten Jungen Fussball. Vereinzelte Schafe grasen unter den Bäumen. Die Altstadt präsentiert sich als Gewimmel verschachtelter Häuser, aus denen steil die Minarette herausragen.

Auf der MauerBei einer Pause im Schatten sinnieren Berna und ich darüber, wieviel Menschen wohl benötigt wurden, um von dieser Festungsmauer herab die Stadt zu verteidigen, und wie gross wohl die Heere gewesen sein mussten, um Diyarbakir einnehmen zu können. Gelungen ist dies Arabern, Persern, Hunnen und Ottomanen mehr als einmal. Wir kommen zu dem Schluss, dass wir beide nicht die geringste Vorstellung von der Zahl der Verteidiger und der Zahl der Angreifer haben.

Wir können bereits die Nordseite der Mauer in einiger Entfernung sehen, als sich plötzlich an Bernas Schuh der obere Teil vom unteren löst. Der Kleber, der beide Teile zusammenhielt, muss sich wohl in der Hitze aufgelöst haben. Ohne Schuh ist unser Spaziergang zu Ende.

Die Sonne hat gewonnen.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001