Wartesaal


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FestivalbesucherSeit heute Abend weiss ich, dass man nach einer Folterung durch Elektroschocks zwei Tage lange keine Flüssigkeit zu sich nehmen darf.

Bevor ich aber diese Information erhielt, auf die ich gern hätte verzichten können, stattete ich der GÖC-DER einen Besuch ab, einer unabhängigen Organisation in der Türkei, die sich um die Unterstützung von Immigranten im eigenen Land bemüht. Der Leiter des neu eröffneten Büros in Diyarbakir ist Serder Talay, ein junger Rechtsanwalt, der seine Sätze mit Bedacht und Vorsicht formuliert.

Die Stadt ist von den Menschen, die ihr Land verlassen mussten, so Talay, überwältigt. Wieviel es genau sind, die in Diyarbakir eine Bleibe gesucht haben, wisse niemand. Vor fünf Jahren habe die Einwohnerzahl nach einigen Angaben etwa 300.000 betragen. Heute werden 2 Millionen geschätzt. Es gebe nicht genug Wohnraum, die Infrastruktur sei für so viele Menschen nicht ausgelegt. So sei die Kanalisation völlig überlastet. Im Sommer komme es immer wieder aufgrund der mangelnden Hygiene zu ansteckenden Krankheiten und das Wasser sei knapp.

Kaum einer der Zugezogenen sei freiwillig nach Diyarbakir gekommen. Viele der Menschen stammten aus Dörfern, die von den Sicherheitskräften während der Auseinandersetzungen mit der Kurdischen Arbeitpartei (PKK), geräumt wurden. Wer in den Verdacht geriet, Sympathisant der PKK zu sein, sei entweder verhaftet oder von seinem Hof vertrieben worden. Viele Dorfbewohner seien vor die Wahl gestellt worden, entweder als bewaffnete Bürgerwehr auf Seiten der Regierung zu kämpfen oder Haus und Hof zu verlieren. Für die meisten der Bauern war ein Kampf gegen ihre ehemaligen Nachbarn oder eigenen Familienmitglieder inakzeptabel. Also mussten sie gehen.

Serder TalayIn der Stadt gibt es aber nicht nur keine Arbeit sondern eine Reihe neuer, ganz ungewohnter Probleme. Familien, Clans oder Dorfgemeinschaften, die über Jahrzehnte bestanden, wurden auseinandergerissen. Das Leben in den engen Hochhauswohnungen war ungewohnt. Die Menschen hatten früher das, was sie zum Leben brauchten, selbst produziert. Nun sollen sie es kaufen und haben dafür nicht ausreichend Geld. In der Stadt wird Türkisch gesprochen, während die Landbevölkerung oft nur Kurdisch spricht. Die Kinder können in der Schule nur schwer folgen, weil nur Türkisch Unterrichtssprache ist.

Seit die PKK vor zwei Jahren einen einseitigen Waffenstillstand erklärt hat und die Kämpfe abgeklungen sind, wollen die Dorfbewohner wieder zurück, aber nur die Regierung entscheidet, wer zurückkehren darf. Ausschlaggebend sind dabei Sicherheitsüberlegungen. Nur wenn die Sicherheitsbehörden davon überzeugt sind, dass die Wiederansiedlung eines Dorfes in Zukunft der PKK keinen Vorteil verschaffen wird, können die Menschen zurück. Bevorzugt werden dabei die Bauern, die sich zuvor den Bürgerwehren angeschlossen haben oder sich neu dazu verpflichten. Oft wird den Rückkehrwilligen auch mitgeteilt, sie könnten nicht in ihr altes Dorf, sondern nur in eines der neu geschaffenen "Stadtdörfer" zurück, die von der türkischen Armee kontrolliert werden. Erschwerend kommt schliesslich hinzu, dass viele Bauern für das Land, das ihre Familien von Generation zu Generation traditionell bewirtschaftet haben, keine rechtlichen Titel besitzen.

So ist Diyarbakir zu einem grossen Wartesaal geworden. Die einen hoffen weiterhin auf die Rückkehr, die anderen versuchen sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren, die dritten ziehen weiter in den wirtschaftlich besser gestellten Westen der Türkei und die ganz Glücklichen schaffen vielleicht den Weg in die reichen Länder Westeuropas.

GÖC-DER versucht mit juristischem Rat und mit Spendensammlungen zu helfen. Von dem Geld werden vor allem Kleider gekauft. Die türkische Regierung verfolgt das Treiben der Organisation. Als vor vier Tagen der Kongress der Sektion in Diyarbakir stattfand, wusste die Polizei es zu verhindern, dass auch der Vorsitzende der Organisation aus Istanbul anreisen konnte.

"Unsere Regierung hört nicht gern auf den Ratschlag von aussen", sagt Talay. "Sie glaubt, sie sei die einzige, die für das Wohl der Bürger sorgen könne, und niemand wisse besser, wie man das tut, als sie." Er zuckt mit den Schultern.

FestivalNach dem Gespräch mit der GÖC-DER warten schon Berna und ein paar Freunde von ihr auf mich. Heute beginnt das 1. Kultur und Kunstfestival in Diyarbakir. Bis zum 3. Juni treten eine Reihe von Sängern auf, werden Filme und Theaterstücke gezeigt, Podiumsdiskussionen veranstaltet und Gedichte gelesen, die meist einen Bezugspunkt zur kurdischen Kultur besitzen. Organisiert wird das Festival von der Stadtverwaltung. Diyarbakir wird von der HADEP, der Partei der Demokratie des Volkes regiert, die für die kurdische Selbstbestimmung eintritt. Ihre Funktionäre werden immer wieder verhaftet und beim Obersten Gericht der Türkei läuft derzeit ein Verfahren zum Verbot der Partei. Vorgeworfen wird ihr, eine Tarnorganisation der PKK zu sein.

Auf einem Platz vor der grossen Befestigungsmauer ist eine Bühne aufgebaut, vor der sich rund 3.000 meist jugendliche Zuschauer versammelt haben. Zwei Hundertschaften Polizei halten sich im Hintergrund, sind aber gut sichtbar. Um einen besseren Blick zu haben, steige ich die Mauer hinauf. Für die Honoratioren der Stadt sind dort ein paar Stühle und Tischchen mit Erfrischungsgetränken aufgebaut. Auch die Polizei nutzt die gute Übersicht und beobachtet von hier oben das Geschehen. Kameramänner der Polizei filmen jede auffällige Bewegung.

Die Stimmung unten ist heiter und ausgelassen. Als Ilkay Akkaya auf die Bühne tritt, wird sie mit brausendem Applaus begrüsst. Akkaya ist Türkin, setzt sich aber seit langer Zeit für die Rechte der Kurden ein und hat deshalb schon mehrfach im Gefängnis gesessen. Zwischen Publikum und Sängerin entspannt sich ein Dialog wie zwischen zwei Freunden, die sich freuen, sich endlich wiederzusehen. Bereits die Anfangsakkorde eines jeden Songs werden vom Publikum bejubelt. Von der ersten Zeile an singen Tausende mit und tanzen. Tanzen ist die Leidenschaft der Kurden. Man nimmt sich bei der Hand, formt so eine Kette und bewegt sich in einem etwas schleppend wirkenden Gleichschritt langsam wie ein Stock, der auf dem Wasser treibt, um den eigenen Mittelpunkt. Als Akkaya die Bühne verlässt, wird sie von Frauen aus dem Publikum begrüsst und in den Arm genommen. Die berühmte Sängerin lässt sich Zeit, sie lässt sich fotografieren, spricht mit denen, die auf sie zukommen, ein paar Worte und begrüsst sie, als sei man schon lange miteinander bekannt.

Polizei auf dem FestivalBerna und ihre Freunde laden mich ein, den Abend bei einem Glas Tee im Kültür Parki ausklingen zu lassen. Berna trifft weitere Freunde und Bekannte, die wiederum neue Freunde und Bekannte an unseren Tisch bringen. Ständig klingelt irgendein Handy und neue Freunde werden so hinzugerufen oder jemand aus unserer Runde wird zu einem Treffen mit Freunden und Bekannten in einer anderen Teestube irgendwo in der Stadt abgerufen. Felat, ein Ingenieur-Student mit einem Kinnbart, einem leicht ironischen Lächeln und äusserst wachen grossen brauen Augen, fragt mich, wie man eigentlich Friedrich Nietzsche korrekt ausspreche. Trotz einiger Anläufe mag ihm das weiche "ch" in Friedrich nicht so recht gelingen. Er verwickelt mich in ein Gespräch, in dessen Verlauf ich tief in meinem Gedächtnis kramen muss, um zu begründen, warum ich kein Nietzsche-Anhänger bin und weshalb Marxismus und Nietzsche, wie ich in einer Nebenbemerkung so leicht hin behauptet hatte, wie Feuer und Wasser sind. Felats Nietzsche-Lieblingszitat ist "Gott ist tot" und ich erfahre, dass zwar alle in dieser Runde islamisch erzogen wurden, sie sich heute aber alle als Atheisten verstehen.

Felat sitzt rechts von mir. Von links werde ich von zwei Studentinnen zur gleichen Zeit interessiert nach den "westeuropäischen Freiheiten" vor allem für die Frauen gefragt. Sie erzählen mir, dass sie zwar jetzt in der Grossstadt leben und nicht mehr der direkten Kontrolle ihrer Eltern unterstehen, aber es sei schwierig, sich von den Vorschriften ihrer Eltern freizumachen. So haben sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie nach 22 Uhr noch allein unterwegs sind. Das gehört sich einfach nicht! "Auf den Ruf zu achten", sei immer noch tief in ihrem Hinterkopf verankert. Mit einem Freund zeige man sich erst dann in der Öffentlichkeit, wenn man auch die feste Absicht habe, zu heiraten. Sex vor der Ehe komme auf keinen Fall in Frage. Nach wie vor werde überprüft, ob eine junge Frau wirklich als Jungfrau in die Ehe gehe, und sollte der Ehemann erfahren, seine Braut war keine Jungfrau mehr, komme es zu "Schwierigkeiten".

Ich deute an, dass es für mich so langsam Zeit sei, in mein Hotel zurück zu kehren, was mit Enttäuschung quittiert wird. Man habe extra noch ein Abendessen vorbereitet und gehofft, ich würde noch ein paar Biere mit ihnen trinken. Bier zu trinken, scheint so etwas wie Ausdruck einer aufgeklärten Haltung zu sein, ein sanfter Protest gegen die Normen der Traditionen und des Islams.

Also ziehen wir in eine Wohnung in der Altstadt um und trinken Bier. Beim Abendessen, das wir nach kurdischer Sitte auf dem Boden sitzend einnehmen, frage ich, ob sie nicht jemanden in Sirnak kennen würden, der vielleicht für mich dolmetschen könne. Ich hätte mir sagen lassen, für jemanden von ausserhalb von Sirnak sei es zu riskant, mit einem Ausländer dorthin zu fahren. Die Runde bestätigt mir, dass die Polizei sofort Schwierigkeiten machen werde. L., ein lang aufgeschossener Ingenieur-Student mit einem etwas fuseligen Bart und einer stillen Freundlichkeit, bietet mir an, er wolle sich mal umhören, aber notfalls würde er auch mit mir nach Sirnak fahren. Er sei schon 25mal verhaftet worden und beginne, sich daran zu gewöhnen.

Nacht in DiyarbakirVerblüfft frage ich ihn, ob er in der Haft schon einmal misshandelt worden sei. Mit einer Stimme, als erkläre er mir die Bedienungsanleitung eines Videorekorders, erzählt L., meist sei es üblich, dass man erst einmal gefoltert und dann verhört werde. Besonders beliebt sei es, zwei Elektroden direkt unter den Augäpfeln anzubringen. Der Stromstoss verursache einen Schmerz, als würde der Kopf zerbersten. Mehrere Tage lang sei man blind und habe entsetzliche Kopfschmerzen. Das schlimmste sei aber, das man zwei Tage lang nach einem solchen Elektroschock nichts trinken dürfe.

Die Runde nimmt von L.s Schilderung kaum Notiz. Sie kennt solche Dinge, sie gehören zu ihrem Leben. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Jeder Ausdruck des Bedauerns oder des Mitgefühls kommt mir lächerlich vor.

Erst als ich wieder um ein Uhr nachts auf der Strasse stehe, kann ich wieder frei durchatmen. Es sind noch viele Menschen auf der Strasse. In einem der fliegenden Restaurants, die aus nicht mehr als einem Grill und ein paar Hockern bestehen, sitzt noch Kundschaft. Im Fenster eines Hotels sind im Gegenlicht zwei Männer zu sehen, die sich miteinander unterhalten.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001