Splitter


Die Reportagen
Radio
Die Reise

Email


CemEin Tag ohne ein Oberthema oder einen roten Faden, mehr eine Sammlung von Splittern und Eindrücken.

Der Portier an der Rezeption des Hotels in Diyarbakir erzählt mir, er werde jetzt wohl das Rauchen aufgeben müssen. Eine Schachtel Markenzigaretten ist über Nacht über 50 Prozent teurer geworden. Eine Packung Marlboro kostet jetzt statt 1 Millionen 1,5 Milionen türkische Lira (3 DM). Ende letzten Jahres rutschte die türkische Wirtschaft in die Krise. Anlass war ein Streit zwischen dem Präsidenten und dem Premierminister, in dem der erste dem zweiten vorwarf, nicht energisch genug gegen die Korruption in Regierung und Verwaltung vorzugehen. Dieser offene Disput führte zu Unruhen am Devisenmarkt. Die türkische Regierung sah sich gezwungen, den bislang fixierten Wechselkurs freizugeben und die türkische Lira sank seither um mehr als 50 Prozent. Gleichzeitig schossen die Zinsen in die Höhe, was viele kleine Selbständige an den Rand des Ruins getrieben hat, weil sie die hohen Raten auf ihre Kredite nicht mehr zahlen können. Ein neuer Finanzminister wurde bestellt, der zuvor lange bei der Weltbank gearbeitet hat. Ihm gelang es, neue internationale Kredite zu beschaffen. Gleichzeitig bemüht er sich um die Erhöhung der Staatseinnahmen, um die leeren Kassen wieder zu füllen. Die Erhöhung der Zigarettensteuern ist eine der Massnahmen.

Meine Stippvisite bei Izzet Ibrikcioglu vom Presse-Zentrum brachte nicht mehr ein als den Austausch meines provisorischen Presseausweises gegen eine rot-gelbe Plastikkarte. Nein, es gebe noch keine Neuigkeiten vom Bürgermeister, der aber jetzt wieder in der Stadt sei. Auch vom Polizeichef habe er noch nichts gehört. Wenn es aber Neuigkeiten gebe, werde er sich bei mir melden.

NohutCem, der für mich dolmetscht, amüsiert sich über meine Neugier. Ich löchere ihn nach der Herkunft der grünen Nüsse, die von Händlern überall in der Stadt auf Holzwagen verkauft werden. Für umgerechnet 20 Pfennig kauft man ein Büschel, an dem noch die Wurzeln sind und pult die unreifen Früchte aus einer Kapsel. Die Früchte schmecken, wie nicht anders zu erwarten, ein wenig fad und unreif. Dennoch erfreuen sich diese Nohut grosser Beliebtheit. Der Händler erzählt mir, dass die Nüsse nur im April, Mai und Juni verkauft werden. Gemeinsam versuchen wir herauszufinden, wie diese Nüsse wohl auf Deutsch heissen mögen und erstmals muss Cem eingestehen, das auch er nicht genau weiss, was für eine Frucht es ist. Wir einigen uns schliesslich darauf, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach Hirse ist.

SerbetiWährend ich mich noch darüber wundere, dass man davon grössere Mengen essen kann, ohne krank zu werden, versucht Cem mir auszureden, Meyan Serbeti zu trinken. Dieses Getränk ist eine Eigenart der Region und wird von fliegenden Händlern verkauft. Auf der linken Seite tragen sie einen kleinen Behälter, in dem die Grundsubstanz ist, die mit Eiswasser, das sie in einem Kanister auf dem Rücken tragen, verdünnt wird. Ausgeschenkt wird in kleinen handverzierten Kupferbechern, die wie helle Glocken klingelnd aneinanderschlagen, wenn die Händler durch die Strassen ziehen. Woraus Meyan Serbeti genau besteht, können wir wieder nicht ausmachen: aus kleingehackten Kräutern, okay, aber aus welchen genau? Cem vermutet, dass auch Cola aus einer ähnlichen Substanz hergestellt werde. Auf jeden Fall, warnt er mich, solle ich vorsichtig sein. Nicht jeder könne das Getränk vertragen. Ich frage den Händler, wie das Geschäft so gehe und er wippt mit der Hand waagerecht in der Luft. Halt so lala. Es sei ein saisonales Geschaft. Meyan Serbeti werde nur in der warmen Jahreszeit getrunken. Im Winter sei er arbeitslos. Wieviel er am Tag verdiene? 3 Millionen TL (6 DM), antwortet er, um sich nach Cems skeptischem Blick dann auf 5 Millionen TL zu korrigieren.

Das Getränk ist tiefschwarz und ähnelt im Geschmack einem bitteren, leicht verdünnten Kräuterschnapps, nur ohne Alkohol. Die nächste Stunde spüre ich ein angenehmes warmes Gefühl in meinem Magen. Sonst keine weiteren Vorkommnisse.

Gülistan von GÖC-DERNach einem Besuch bei der GÖC-DER, einer Organisation, die sich um die Integration der Landbewohner bemüht, und wo wir einen Gesprächstermin für morgen vereinbaren, schlendern Cem und ich durch die Altstadt. Wieder wundert Cem sich über meine Neugier, als ich an fast jedem Nussgeschäft stehen bleibe, um die Auslagen zu bewundern. In grossen Säcken stehen hier Hirse, Mandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Pistazien aus den unterschiedlichen Regionen zur Auswahl. Pistazien, so weiss Cem beizusteuern, würden vor allem in der benachbarten Region um Sanliurfa angebaut, die Haselnüsse kämen dagegen von der Schwarzmeer-Küste.

Ich kaufe bei einem anderen Händler eine Packung mit getrockneten Aprikosen. Cem zeigt mir Hasan Pasa Hani, eine alte Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert, die ein wenig dem Verfall anheim gegeben ist. Ein Teppichhändler und ein paar andere kleine Souvenir-Geschäfte haben sich hier eingerichtet. Mir fällt in einem Schaufenster eine kleine Silberdose auf, die mit einem persischen Motiv bemalt ist. Ich lasse mir die Dose von dem Händler zeigen. Wie teuer? Die Antwort fällt eigenartig lang aus. "80 Millionen TL (160 DM) seien für ihn, sagt er, aber wenn ich mehr herausschlage, könne ich den Rest in meine eigene Tasche stecken, hat er mir angeboten", verrät mir Cem, um mir dann zu gestehen, dass er sich früher, als er als Student als Touristenführer gearbeitet habe, auch immer so sein Geld verdient habe.

NüsseIch bedanke mich und gebe die Dose zurück, aber Cem versucht mich für die Gebetsketten zu interessieren, die ebenfalls im Schaufenster hängen. Er hält mir einen längeren Vortrag über die unterschiedlichen Materialien, aus denen die Ketten gefertigt werden, und worauf man beim Kauf zu achten habe. Er selbst habe sich erst jüngst bei einem Freund eine Kette mit Steinen aus Erzurum, die besonders gut in der Hand lägen, gekauft. Ob mich das interessiere? Konnte ich nein sagen? So besitze auch ich nun eine schwarze Gebetskette mit Steinen aus Erzurum, von Cems Freund sorgsam für mich ausgewählt, für 3,5 Millionen TL.

Cem führt mich durch das Schreinerviertel in der Altstadt, wo per Hand die kleinen Hocker gefertigt werden, die zum Mobiliar einer jeden klassischen Teestube gehören. Er zeigt mir eines der letzten Lokale, in denen Wasserpfeifen geraucht werden. Ob ich mal probieren wolle? Im Moment nicht.

WasserpfeifensalonUnser Weg führt uns an der Kasim Padisah Camii Moschee vorbei, deren architektonische Besonderheit darin besteht, dass das Minarett etwas abseits vom Hauptgebäude auf vier Säulen gebaut wurde. Cem will mir die alte armenische Kirche zeigen. Wir hatten schon einmal über die Armenier in der Türkei gesprochen. Er ist einer der ersten Türken (pardon, Kurden), die ich getroffen habe, die sehr genau um den Völkermord an der armenischen Minderheit in den Jahren nach 1915 informiert sind. Die Kirche liegt hinter einer hohen Mauer und besteht im wesentlichen nur noch aus den Seitenwänden und den Bögen im Inneren, die einst das Dach getragen haben. Das Dach ist eingefallen oder zerstört worden. Zu seiner Zeit als Touristenführer vor knapp 20 Jahren, erzählt Cem, habe es das Dach noch gegeben. Die Seitenfenster der Kirche sind zugemauert worden und die Tore sind verschlossen. In den Nebengebäuden haben ein paar kurdische Familien vom Land eine Bleibe gefunden. Gackernd stolzieren Hühner über den Hof. Diese Kirche sei einst die grösste christliche Kirche in Anatolien gewesen, sagt Cem. Wieviel Armenier in Diyarbakir vor ihrer Vertreibung und Ermordung gelebt haben, weiss er nicht, aber heute sind es höchstens noch zwei Familien.

Armenische LircheWir beenden den Tag mit einem Essen in einem Mini-Restaurant neben dem Goldmarkt. Cem will mir eine kurdische Spezialität zeigen. Kleingehacktes Lammfleisch wird gegrillt und dann mit gedünsteten Auberginen vermischt und diese Mischung in Brot eingerollt. Das Gemüse fügt dem zarten Lammfleisch eine angenehme Süsse hinzu.

Ich bin papp-satt. Und ich bin müde.

Eyvallah / Xatirete.

 

[top] [vorheriger Tag] [Übersicht Diyarbakir] [nächster Tag]

 

 

© Martin Ebbing 2001