Bitterer Geschmack


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RöstmaschineWas ist mit dem türkischen Kaffee passiert? Vielleicht ist dies nicht so eine furchtbar drängende Frage, aber wer seinen Tag gern mit einer guten Tasse Kaffee beginnt, mag sich darüber Gedanken machen.

Dass Türken in der Mehrzahl lieber Tee als Kaffee trinken, steht auf einem Blatt. Es gab aber eine Zeit, da schwärmte man nicht nur im ganzen, mächtigen Osmanischen Reich sondern auch in den Kaffeestuben Wiens vom "türkischen Mokka". Man könnte sich sogar zu der Aussage hinreissen lassen, die Ottomanen waren dank der Qualität ihres Produktes weit erfolgreicher darin, den Rest Europas zu Kaffeetrinkern als zu Moslems zu bekehren.

Türkischer Kaffee, auf dem Herd in einem kleinen Kupfertopf mit langem Stil aufgekocht, wird immer noch gern auf dem Balkan und in Armenien getrunken (wo er allerdings aus politischen Gründen "armenischer Kaffee" genannt wird). Fragt man aber in der Türkei nach einem Kaffee, erhält man ein Instant-Gebräu, das mit Kaffee soviel zu tun hat, wie Orangenlimonade mit Orangensaft.

Mein Reiseführer, ansonsten sehr verlässlich, bietet als Erklärung die gestiegenen Preise für den Rohkaffee an. Der Konsument sei einfach gezwungen, zur billigeren Alternative Tee zu greifen.

"Unfug", sagt dagegen Cem. Er ist ein Englischlehrer, der mir als Dolmetscher aushilft, und ein guter Kenner der regionalen Küche. Dass er gleichzeitig verschiedenen absurden Diäten frönt, tut diesen Kenntnissen keinen Abbruch, ja, mag vielleicht sogar die Ursache sein, warum ihn alles interessiert, was mit Essen und Trinken zu tun hat.

Unsinn sei auch, so Cem, dass man den türkischen Kaffee in türkischen Cafes kaum noch bekommen würde. Als Probe aufs Exempel winkt er den Kellner in dem Cafe am DagKapi, dem Bahnhof für die Kleinbusse in Diyarbakir, heran, in dem wir uns getroffen haben und bestellt einen Turkiye Kahve. In der Tat wird mir wenig später eine kleine Tasse cremiger Mokka stilgerecht mit einem Glas Wasser und einer senkrecht aufgefalteten Serviette auf einem Silbertablett gebracht.

Herr Abid OsmosIch gebe mich noch nicht geschlagen, sondern beharre darauf, dass in den allermeisten Fällen meine Bitte um einen türkischen Kaffee mit einem bedauernden Achselzucken quittiert werde. Ich muss aber eingestehen, dass ich es auch gar nicht mehr versuche.

Um mich davon zu überzeugen, dass die stolze türkische Kaffeetradition noch nicht untergegangen ist, führt Cem mich zu Abid Osmos. Der ist ein älterer, schmaler Herr, der die grossväterliche Ausstrahlung erfunden haben könnte. Seit fünf Jahren besitzt Osmos eine kleine Kaffeerösterei in der Altstadt von Diyarbakir, die vorher bereits 35 Jahre lang ein Familienbetrieb war. Nein, nein, türkischer Kaffee sei nach wie vor sehr beliebt, versichert er mir. Natürlich werde auch oft Instant-Kaffee getrunken, aber - so formuliert Abid Osmos sehr diplomatisch - das sei eine Frage des Geschmackes. Hinter ihm auf dem Regal sind gleich zwei Dutzend Nescafe-Gläser aufgereiht, die allerdings ein wenig Staub angesetzt haben.

Der kleine Raum vor der Theke wird gefüllt durch Säcke mit gerösteten und mit ungerösteten Kaffeebohnen. Kaffeearoma füllt die Luft. Eine große Maschine nimmt die rechte Seite des kleinen Raumes ein. In ihr wird der Rohkaffee geröstet und gemahlen.

Bei Abid Osmos gibt es nur eine Sorte, aber die sei weithin für ihre gute Qualität bekannt. Sogar aus Deutschland kämen Kurden, um gleich mehrere Kilo zu kaufen. Seine Bohnen kommen aus Brasilien. Das Geheimnis bestehe darin, wie sie geröstet und wie sie gemahlen werden. Mit einer Schaufel greift er in einen Sack mit fertig gemahlenem Kaffee und fordert mich auf zu schnuppern. Mein genüssliches Einsaugen der Luft quittiert er mit einem stolzen Lächeln.

Kaffeladen in der AltstadtDer Geruch seines Kaffees, der kleine Laden mitten in dem Labyrinth der Gassen in der Altstadt, erinnere mich an verlorene Zeiten, versuche ich ihm weiter zu schmeicheln und der Stolz leuchtet in seinem Gesicht. Ein Geschäft in der Neustadt, dort, wo viele Passanten vorbeikommen, wäre sicher besser für das Geschäft, holt Abid Osmos mich aber wieder sanft auf den Boden der Realität zurück. Allerdings könne er sich die Mieten dort leider nicht leisten.

Der Aufenthalt beim freundlichen Herrn Osmos hat länger gedauert als beabsichtigt und deshalb kommen Cem und ich ein wenig zu spät zu unserer Verabredung mit Osman Baydemir, dem Leiter des Büros der Insan Haklari Dernegi in Diyarbakir. Die IHD ist die angesehenste türkische Menschenrechtsorganisation. Eine halbe Stunde vor uns war allerdings schon die Polizei da, und hat Baydemir verhaftet. Gründe sind nicht bekannt. Diese Verhaftung scheint Hanefi Isik, der sich anstelle von Osman Baydemir meiner annimmt, nicht ausserordentlich zu beunruhigen. Dies komme gelegentlich vor und gehöre zu der Einschüchterungskampagne, die die türkische Polizei gegen die Menschenrechtsorganisation betreibe.

Die Stadt Diyarbakir war bis vor zwei Jahren nicht nur das Zentrum der gewaltsamen Konflikte zwischen den türkischen Sicherheitskräften und der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK). Das dortige Gefängnis galt als Zentrum der Folter und nahm willkürlich Verhaftete auf.. Wer im Verdacht stand, mit der PKK zu sympathisieren, konnte ohne weiteres erschossen werden oder spurlos aus dem Polizeigewahrsam verschwinden.

Ich will von Isik wissen, ob sich die Situation in den letzten zwei Jahren, seit die PKK einen Waffenstillstand erklärt hat, verändert habe. Auf der einen Seite, so seine Antwort, haben die willkürlichen Tötungen und das Verschwinden von Verhafteten abgenommen, aber in den Gefängnissen werde weiterhin gefoltert. Von einer normalen Situation könne nicht die Rede sein.

Folter sei ein allgemeines Problem in der Türkei, aber durch das Ausnahmerecht, das immer noch in Diyarbakir herrscht, seien die Bedingungen verschärft. Verhaftet und misshandelt würden vor allem junge Leute. 227 Menschen wurden allein in den letzten drei Monaten aus politischen Gründen in der Region Diyarbakir verhaftet.

Viel tun könne die Menschenrechtsorganisation IHD gegen die Misshandlungen und die Folterungen nicht. Sie würde die Fälle dokumentieren und die höhergeordneten Stellen davon informieren, aber verhindern könne die IHD nichts. Der Grund liegt darin, dass die Polizei selbst und keine unabhängigen Stellen die Vorwürfe von Folter untersuchen. Das Gesetz müsse entsprechend geändert werden. Ihm sei kein Fall in der gesamten Türkei bekannt, in dem ein Folterer bestraft wurde.

Hanefi IsikIch frage ihn, ob er mich mit einigen Personen bekannt machen könne, die in jüngster Zeit verhaftet und missbraucht wurden. Er werde sich darum kümmern, verspricht mir Isik. Ob ich die Möglichkeit habe, vielleicht einmal nach Sirnak fahren zu können, fragt er. Seit Januar 2001 seien dort zwei junge Männer aus dem Polizeigewahrsam spurlos verschwunden. Wenn ein ausländischer Journalist Fragen stellen würde, könne dies vielleicht etwas bewirken. Obwohl ich Sirnak von meinem Aufenthalt im letzten Jahr nicht in bester Erinnerung habe, verspreche ich, dorthin zu reisen.
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Ob mich jemand begleiten könne, der mir hilft, mich in Sirnak zu orientieren und der dolmetschen kann? Das sei nicht einfach, meint Isik, weil dort die Situation äusserst extrem sei. Jeder Fremde erwecke sofort den Verdacht der Sicherheitskräfte und müsse mit Schwierigkeiten rechnen. Ob man mir in Sirnak jemanden besorgen könne? Nein, denn solch eine Person würde mit grosser Wahrscheinlichkeit sofort verhaftet. Und die Familie? Sie seien verängstigt.

Wir vereinbaren, dass Isik noch einmal darüber nachdenken werde, was man tun könne. Zum Abschied sagt er mir, er habe gerade erfahren, dass Osman Baydemir, der Leiter des Büros, wohl noch heute Abend von der Polizei mit der Auflage freigelassen wird, sich morgen bei einem Richter zu melden.

Als Cem und ich den Fahrstuhl im Erdgeschoss verlassen, mustert uns aufmerksam ein Mann, der alle Anstrengungen unternimmt, unsichtbar zu sein. Cem und ich sind uns einig: Polizei.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001