Tigris


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ElifBerna möchte mir ihre Freunde vorstellen. Oder vielleicht besser: sie möchte mich ihren Freunden vorstellen, denn ganz ohne Vorankündigung führt sie mich in der Nähe der Universität in ein Gebäude und bevor ich noch recht fragen kann, was sie vorhat, streckt mir eine Gruppe Studenten freundlich lächelnd die Hände zur Begrüssung entgegen, bietet mir einen Platz an und fragt, ob ich lieber einen Tee oder einen Kaffee trinken möchte.

In einer leerstehenden Wohnung hat sich die Redaktion der Zeitschrift "Tigris" einquartiert, an der auch Berna mitarbeitet. Das Mobiliar ist spärlich und die Wohnung wirkt kahl. "Tigris" hat eine Auflage von 2.500 Exemplaren und berichtet, so Elif, die das Wort übernimmt, über alle Themen, die für kurdische Studenten relevant sind. An der Dicle Universität in Diyarbakir sind fast alle Studenten Kurden, es darf aber nicht auf Kurdisch unterrichtet werden und auch "Tigris" darf nicht auf Kurdisch erscheinen. Bis vor wenigen Jahren war es sogar verboten, auf der Strasse untereinander Kurdisch zu sprechen. Diese Vorschrift wurde aber gelockert.

Dicle ist der türkische Namen für den Tigris. Mit der Namenswahl will die Zeitschrift daran erinnern, dass diese Region nicht immer von den Türken beherrscht wurde. In der aktuellen Ausgabe befinden sich u.a. ein langer Artikel über das kurdische Neujahrsfest Newroz, das erstmals in diesem Jahr wieder öffentlich gefeiert werden durfte, ein Portrait eines kurdischen Musikers, ein Aufsatz zur Geschichte Mesopotamiens sowie einige Gedichte und Kurzgeschichten. Finanziert wird das Magazin aus der eigenen Tasche und durch die Einnahmen des Verkaufes.

Relevant ist für die kurdischen Studenten alles, was es an Schwierigkeiten in der Gesellschaft gibt, und alles, was mit ihrer eigenen kulturellen Identität zu tun hat, sagt Elif. Der "Kapitalismus" schaffe viele Probleme. Es sind aber nicht diese linksorientierten politischen Ansichten, die die Aufmerksamkeit der Polizei erregen, sondern es ist die "kurdische Frage". Immer wieder werden Mitarbeiter der Redaktion bei der Polizei, die in der Universität ein eigenes Büro unterhält, vorgeladen, verhört und beschimpft. "Es kann gut sein, dass sie uns irgendwann verbieten", fügt Sirin hinzu, der mit einer solch leidenschaftslosen Stimme spricht, als rede er nicht von sich und seiner Zeitschrift, sondern von irgendeinem fernen Ereignis, das ihn sehr ermüdet hat. Dennoch hat die Zeitschrift ein ordentliches Impressum und alle Artikel sind mit Namen gezeichnet.

SirinOb es für ihn denn persönlich nicht gefährlich sei, frage ich. Elif studiert Medizin, Sirin Soziologie. Die Mitarbeit an einer politisch so riskanten Zeitschrift dürfte für ihre berufliche Karriere kaum förderlich sein. Sie denke nicht an das Risiko, die Sache selbst sei ihr wichtiger, antwortet Elif. Unser Gespräch hat eine atmosphärische Wende genommen. In dem kleinen Raum herrscht plötzlich eine solch dichte Ernsthaftigkeit, als würde ein Mordanschlag auf den König im Dienste der heiligen Sache geplant. Mein aufkommender Verdacht, ich sei vielleicht in die Hände einer radikalen Splittergruppe oder einer Sekte geraten, wird noch durch Elifs Klage verstärkt, dass sich leider eine große Gruppe ihrer Kommilitonen von den wichtigen Fragen viel zu leicht ablenken lasse. Was sie damit meine? "Na, Fussball beispielsweise." Eine Gruppe, die ihren Mitmenschen den Spass am Fussball übel nimmt, ist mir suspekt.

Seit meiner Ankunft in Diyarbakir ist mein Urteilsvermögen ein wenig aus dem Gleichgewicht geraten. Kein Zweifel, es gibt ein Verbot der kurdischen Sprache. Kein Zweifel, die türkischen Sicherheitskräfte unterdrücken mit unverhältnismässiger Härte und teilweise brutal jeden Ausdruck kurdischer Identität. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Eifer, die Ernsthaftigkeit, mit der mir von meinen Gesprächspartnern oft die Notwendigkeit vorgetragen wird, für die kurdische Identität und vielleicht sogar einen unabhängigen Staat kämpfen zu müssen, wirklich eine weitverbreitete Haltung oder allein die Auffassung politischer Aktivisten ist. Die Sprachbarriere ist ein Hindernis, dieser Frage nachzugehen. Hinzu kommt die Angst, öffentlich den Namen des inhaftierten Führers der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK), Öcalan, oder die PKK selbst beim Namen zu nennen. Hören die falschen Ohren mit, kann man als vermeintlicher "Terrorist" in Schwierigkeiten geraten. Der Kern meiner Skepsis besteht auf der anderen Seite darin, dass ich immer wieder über die Heftigkeit erschrocken bin, die das Thema bei meinen Gegenübern entfacht.

Beispielsbeise bei A. Einfach A., kein Name und auch kein Foto, weil beides ihn in Schwierigkeiten bringen könnte. Ich habe ihn gestern beim Abendessen kennengelernt. Er sass am Nachbartisch, fragte mich woher ich komme, und es entspann sich das übliche Aufwärmgespräch entlang der beiden Schlüsselthemen: Fussball und wie gefällt es Ihnen in Diyarbakir? Dann bedankte sich A. bei mir für die Unterstützung, die internationale Nichtregierungsorganisationen den Kurden gewähren, um gleichzeitig darüber zu klagen, dass die europäischen Regierungen nicht bereit sind, sich für einen unabhängigen kurdischen Staat einzusetzen.

Offensichtlich sah er in mir, dem ausländischen Journalisten, den Botschafter, der das, was er schon lange sagen wollte, in die Welt hinaustragen wird, und er war fest entschlossen, von dieser seltenen Gelegenheit ausführlich Gebrauch zu machen.

MusikerEingehend referierte er die lange Geschichte des kurdischen Volkes, aus der er den Anspruch auf einen eigenen Staat herleitete. Immer wieder seien sie in der Geschichte darum betrogen worden. Auf meine Einwände, ob der bewaffnete Kampf, wie ihn die PKK bis zur Verhaftung von Öcalan geführt habe, wirklich der richtige Weg zur Erreichung dieses Zieles sei, antwortete er mit einer ausführlichen Darstellung der Strategie der Kurdischen Arbeiterpartei und einer Würdigung von Öcalan, der es verstanden habe, den Kurden ein Bewusstsein für ihre eigene Identität zu vermitteln. Das "wir" in Sätzen wie "Wir werden als Terroristen bezeichnet, aber .." oder "Wir haben keine Alternative .." verrieten, dass er mehr als ein unbeteiligter Beobachter war. Nur meine Vorhaltungen, dass die Erpressung von "Steuern" oder die Ermordung von Dissidenten, was die PKK auch in Deutschland praktiziert hat, für mich keine akzeptablen Methoden seien, bremsten ein wenig seinen Überzeugungseifer.

Mitten im Gespräch wurde mir bewusst, dass irgendwo in der Nähe ein Walkie-Talkie quakte. Am Tisch gegenüber sass ein Mann in Zivil und rührte gelangweilt in seinem Tee. Neben der Tasse lag das Funkgerät. Ein Polizist. War er zufällig da? Beobachtete er uns? Konnte er unsere auf Englisch geführte Unterhaltung verstehen? Und was war mit A.? War es eine zufällige Begegnung? Zu oft war es mir in der Vergangenheit schon passiert, dass die kurdischen Flüchtlinge, die ich beispielsweise in Deutschland interviewt hatte, mir von der PKK vorgeführt worden waren. Allerdings fiel mir das meist erst im Nachhinein auf.

Ein Polizeistaat schafft ein Klima des Misstrauens und auch ich spüre, wie sich diese Paranoia einschleicht und die eigene Urteilsfähigkeit ins Wanken bringt.

MusikerDie Studenten von "Tigris" scheinen aber von meiner Verunsicherung nichts zu spüren. Sie führen mich in ein Nachbarzimmer, wo eine Gruppe junger Musiker bereits auf mich wartet. Sie wollen mir, dem ausländischen Gast, ein paar Beispiele kurdischer Musik vorführen. Etwas nervös machen sie sich ans Werk. Aus den Augenwinkeln heraus beobachten sie aufmerksam beim Spielen meine Reaktionen.

Sie spielen drei traditionelle Volkslieder, bei denen sie die Instrumentalisierung durch den Einsatz einer Gitarre ein wenig modernisiert haben. Die Lieder handeln von der Schönheit und Sehnsucht nach der kurdischen Heimat. Der Vortrag ist nicht perfekt, aber eine Leidenschaft, eine Inbrunst, eine intensive Ernsthaftigkeit ist zu spüren.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001