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Press CenterPflichtbesuch: fast überall auf der Welt muss man sich bei der zuständigen Regierungsstelle als ausländischer Journalist akkreditieren. In der Türkei ist dies nicht anders und ich habe in Ankara meinen Akkreditierungsantrag eingereicht. Der Presseführer der "Informationsabteilung des Generaldirektorates für Presse und Information" verlangt ultimativ, der ausländische Journalist "hat bei der Ankunft unmittelbar Kontakt aufzunehmen" mit der zuständigen Zweigstelle in der Region. Ich nehme es mit solchen Vorschriften gemeinhin nicht auf den Buchstaben genau, aber zum einen ist das Büro direkt um die Ecke von meinem Hotel und zum zweiten muss ich noch meinen Presseausweis abholen, der in Ankara nicht rechtzeitig fertig geworden ist.

Ich hatte es gestern bereits versucht. Die Eingangstür war offen, aber es war in den Büros, in denen die Computer leise vor sich hin summten, keine Menschenseele zu sehen. In der Türkei wird die Mittagspause nict weniger ernst genommen als in deutschen Amtsstuben. Heute komme ich zwar später, aber wieder ist niemand zu sehen. Stimmen locken mich aber in das obere Stockwerk, wo ich in einer Art Wartezimmer zwei Männer, die mich nahezu unterwürfig begrüssen. Der eine verschwindet für einen Moment und führt mich dann in das grossräumige Büro des Direktors.

Izzet Ibrikcioglu ist etwa Ende Dreissig, hat eine kompakte Statur, einen eckigen Kopf, trägt einen dunklen Anzug mit einem blendend-weissen Hemd, spricht passables Englisch und strahlt das Flair eines Mannes aus, der sich am Mittagstisch bei der Familie am wohlsten fühlt. Er bietet mir einen Platz vor seinem aufgeräumten Schreibtisch an.

"Es tut mir leid, aber Ihr Presseausweis ist leider noch nicht eingetroffen. Ich habe bereits Nachricht aus Ankara erhalten, aber es wird noch daran gearbeitet."

Ich versichere ihm, dass dies kein Beinbruch sei, aber er besteht darauf, dass er mir einen provisorischen Ausweis aussellen werde. Ich fülle noch einmal alle Formulare aus, die ich schon in Ankara ausgefüllt habe. Mein Pass wird noch einmal fotokopiert, und ich erhalte einen Ausweis mit einem wichtig aussehenden Stempel in einer Plastikhülle und einer Kette, damit ich das Dokument um den Hals tragen kann. Ich bedanke mich, verzichte aber auf die Kette.

Ob er einen Vorschlag habe, was ich mir in Diyarbakir anschauen sollte. Izzet Ibrikcioglu denkt einen kleinen Moment nach. "Auf jeden Fall die Altstadt und die alten Moscheen."

Natürlich. Aber ausser den touristischen Sehenswürdigkeiten, gibt es da vielleicht etwas, was für die Stadt typisch sei und den Charakter von Diyarbakir präge?

Wieder einen Moment Nachdenken. "Fahren Sie nach Batman."

Batman ist die 85 Kilometer entfernte Nachbarstadt von Diyarbakir. Ich habe eigentlich mehr an etwas hier gedacht, schliesslich wolle ich über Diyarbakir und nicht über eine andere Stadt schreiben.

Wieder Nachdenken, dann ein verlegenes Lächeln. "Es tut mir leid, aber ich bin in einer ähnlichen Situation wie Sie. Ich bin auch erst vor ein paar Monaten nach Diyarbakir gekommen."

Ob er mir denn vielleicht mit einem Interview mit dem Bürgermeister Touristen Informationweiterhelfen könne? Izzet Ibrikcioglu greift erst zu seinem Telefonverzeichnis, das links oben auf seinem Schreibtisch liegt, und dann zum Hörer. Nach einem kurzen Gespräch: "Das Bürgermeister ist im Moment nicht in der Stadt. Er ist mit dem Fussballteam nach Istanbul gefahren und noch nicht wieder zurück. Aber wenn er wieder da ist, lässt sich bestimmt etwas vereinbaren. Vielleicht am Ende der Woche."

Gut. Und wie wäre es mit einem Interview mit dem Polizeichef? In Izzet Ibrikcioglu's Gesicht zuckt es, als sei er von einem spitzen Gegenstand gestochen worden. "Das ist schwierig". Ich lasse eine Pause eintreten und warte auf eine Erklärung, aber er wiederholt nur: "Das ist schwierig."

Ich verstände, versuche ich eine Brücke zu bauen, dass der Polizeichef ein vielbeschäftigter Mann sei, aber es sei schon von Interesse, ob es beispielsweise für Touristen (Tourismus ist für die Türkei eine bedeutende Einnahmequelle) sicher sei, nach Diyarbakir zu kommen.

"Alles ist ganz normal", entgegnet Izzet Ibrikcioglu.

Vor zwei Jahren, während des Krieges mit der PKK, sei es für Ausländer so gut wie unmöglich gewesen, überhaupt nach Diyarbakir zu kommen, entgegne ich. Nun habe sich die Situation zwar erheblich verbessert, aber es seien an verschiedenen Stellen der Stadt immer noch schwerbewaffnete Polizeiposten zu sehen.

"Alles ist ganz normal", widerholt Izzet Ibrikcioglu.

Tourist InformationSo ganz normal aber vielleicht doch nicht, versuche ich es erneut, denn ich fände es nicht normal, dass mich gleich am ersten Morgen in der Lobby meines Hotels drei Polizisten erwarteten. Die Männer waren verbindlich und korrekt und erklärten mir, sie hätten den Auftrag, mich zu "beschützen". Nach einer kleineren Diskussion einigten wir uns darauf, dass sie ihre Pflicht zu tun hätten, aber ich befürchte, sie würden sich furchtbar langweilen. Ich hätte nichts gegen sie persönlich, aber nach meiner Auffassung vertrügen sich Journalismus und Polizeischutz schlecht miteinander. Zu meiner Überraschung stimmte ihr Chef, der herbeigeholt wurde, mir zu, und als er erfuhr, dass ich vorhabe, vier Wochen zu bleiben, liess er es dann mit der Erklärung, die Polizei habe schrecklich viel zu tun, auf sich beruhen.

"Wir haben immer noch eine etwas spezielle Situation", räumt Izzet Ibrikcioglu jetzt ein.

Genau, triumphiert ich, weil ich ihn nun am Haken habe, und genau darüber wolle ich gern mit dem Polizeichef reden.

"Es ist schwierig," wiederholt er erneut, fügt aber diesmal hinzu: "Wir werden sehen." Er greift allerdings weder zu seinem Telefonbuch noch versucht er einen Anruf. Statt dessen schreibt er sich meine Handy-Nummer auf und verspricht, sich zu melden. Zum Abschied schütteln wir uns die Hände.

"Schwierig" ist auch das operative Wort für meinen Besuch beim Tourismusbüro. Das "Tourismus Information" hat seinen Sitz im unteren Teil des Himmels-Tores (Dag Kapisi) an der Nordseite der Befestigungsmauer. Das Gewölbe ist angenehm kühl. Als ich hereinkomme, schrecke ich einen hageren Man in einem verblichenen Anzug auf, der sich gerade mit einem Jungen unterhält. Ein Ruck geht durch seinen Körper. Ein Kunde.

Prospekt"Sprechen Sie Deutsch?" Sein heftiges Fuchteln mit beiden Händen übersetze ich mit Nein. "English?" - "A little", und er zeigt mir, dass zwischen Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand gerade noch ein Fünfmarkstück passen würde. Immerhin gelingt es uns, uns soweit zu verständigen, dass ich Journalist sei (ich zeige meinen neuen Ausweis) und ich ein paar Fragen zum Tourismus habe und ich jemanden suche, der mir die Sehenswürdigkeiten der Altstadt zeigen kann. Er drückt mir ein achtseitiges Prospekt in deutscher Sprache in die Hand, das neben einer Reihe von Fotos die üblichen Informationen enthält: "Diyarbakir ist mit seinem geschichtlichen, kulturellen und folkloristischem Reichtum und der herzlichen Gastlichkeit seiner Einwohner eine Reise wert!" Das Wort "Kurden" kommt in dem gesamten Prospekt nicht einmal vor.

Mehr mit Händen und mit Füssen als mit "a little English" gibt mir der gute Mann zu verstehen, dass ich mit seinem Chef sprechen müsse, der ansonsten hinter dem grösseren Schreibtisch zu finden sei. Stolz lässt er sich von mir hinter diesem Schreibtisch fotografieren, wir tauschen wieder einmal Telefonnummern aus und schütteln uns zum Abschied die Hände. Seine Hand ist weich und eiskalt.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001