Wohnungssuche


Die Reportagen
Radio
Die Reise

Email


BernaBei der "Reise nach Jerusalem" wird eine Nachricht entlang einer langen Kette von einem Menschen an den anderen mündlich weitergeleitet. Am Ende wundern sich alle darüber, wie die Nachricht in diesem Prozess völlig verfälscht wurde, und lachen herzlich.

Vor meiner Abfahrt hatte ich einem türkischen Bekannten in Bremen von meiner Absicht erzählt, mir für einen Monat eine Wohnung in Diyarbakir zu mieten. Er bot mir seine Hilfe an, mir eine Wohnung zu besorgen, und reichte mich an Freunde von ihm in Bremen weiter. Die Freunde wiederum riefen einen kurdischen Journalisten in Frankfurt an. Dieser Kollege, ein sehr freundlicher Mensch, wiederum setzte sich mit seinen Freunden in Diyarbakir in Verbindung. Am Tag meiner Abreise nannte er mir eine Adresse und eine Telefonnummer, wo ich mich melden solle. Man werde sich um mich kümmern, versicherte er mir und wünschte mir eine gute Reise.

Die Telefonnummer gehört zu einem Handy, das gesperrt war. Unter der angegebenen Adresse traf ich eine Gruppe sehr freundlicher Kurden, die mich herzlich in Empfang nahmen, aber weder etwas von einem deutschen Journalisten wussten, der da kommen sollte, noch von meinem Wunsch nach einer Wohnung. Herzlich gelacht haben wir nicht, aber wir nahmen die Situation mit einem Lächeln.

Berna erklärte sich bereit, mir bei der Wohnungssuche zu helfen. Sie ist, wie sie ohne Not betont, denn fast alle Bewohner von Diyarbakir sind Kurden, Kurdin und studiert Anglistik, um später Lehrerin zu werden. Eigentlich hatte sie Jura studieren wollen, aber in der Türkei hängt die Wahl des Studienfaches von der Note einer Eingangsprüfung ab. Nach einem komplizierten System kann man abhängig von dieser Note das eine oder andere Fach studieren.

Die Zulassung zum Studium war, wie sie mir erzählt, für sie gleichzeitig das Ticket zu Unabhängigkeit und Freiheit. Ihre Familie wohnt in der Nachbarstadt Batman. "Wenn ich nicht hätte studieren können, dann sässe ich jetzt zu Hause und müsste mir jeden Tag die Belehrungen meines Vaters anhören müssen." So würde ihr Vater ihr mit Sicherheit nicht erlauben, abends alleine unterwegs zu sein. Bislang habe er ihr auch nicht gestattet zu reisen, obwohl sie gern einmal ins Ausland fahren würde. Auch mit ihrer Kleidung - Berna trägt eine enge Jeans und ein besticktes T-Shirt - wäre er wohl nicht einverstanden, obwohl er sie ihr nicht verbieten würde. Bildung steht in der Türkei hoch im Kurs und Studenten geniessen gewisse Privilegien, wie beispielsweise die Freiheit, einen etwas westlicheren Lebensstil zu führen. Deshalb finde man auch im Stadtbild von Diyarbakir so wenig junge Frauen mit Kopftüchern oder gar einem Schleier. Die Universität mit ihren 18.000 Studenten habe einen prägenden Einfluss auf die Stadt, und auch wenn nicht alle junge Frauen studieren, so orientierten sie sich doch an den Studentinnen und die Eltern seien eher bereit, diese liberale Haltung zu akzeptieren. "Zudem", rundet Berna ihren kleinen Vortrag ab, "bin ich nicht religiös und habe auch nicht vor, zu heiraten. Dafür ist mir meine Unabhängigkeit zu wertvoll."

Der erste Immobilienmakler, den wir aufsuchen, hält gerade seinenZweiter Makler Mittagsschlaf. Ein kleiner Junge steigt die Treppe in dem winzigen Büro hinauf, um den Mann zu wecken. Schläfrig blinzelt er uns entgegen, schüttelt uns die Hand und ofensichtlich hat er leichte Orientierungsschwierigkeiten: die Frau führt das Gespräch und der Mann steht schweigend daneben. Er kratzt sich am Kopf und lässt seine goldenen Schneidezähne aufblitzen. Eine Wohnung für nur einen Monat sei ein Problem. Er wisse nicht, ob die Wohnungsbesitzer damit einverstanden wären, aber er habe da ein gutes Drei-Zimmer-Apartment in einem Neubau gleich in der Nachbarschaft, das vielleicht in Frage käme. Preis: 130 Millionen türkische Lira (260 DM). Der Preis sei in Ordnung, lasse ich Berna übersetzen. Ob ich mir die Wohnung mal anschauen könne. Er müsse erst mit dem Besitzer sprechen, bremst der Makler meinen Eifer. Wir geben ihm meine Handy-Nummer und verlassen das Büro mit dem Gefühl, dass wir uns besser nicht darauf verlassen, dass uns der Mann zurückruft.

130 Millionen Lira für eine Drei-Zimmer-Wohnung in einem Neubau, sei schon in Ordnung, versichert mir Berna. Sie selbst zahle für drei Zimmer, die sie sich mit zwei Freundinnen teilt, 80 Millionen Lira. Allerdings sei die Wohnung auch in einem schlechten Zustand. Wahrscheinlich könnten wir den Preis aber um 20 Millionen, vielleicht auch 30 Millionen Lira herunterhandeln. Wir verständigen uns darauf, als Kompensation für das Ein-Monat-Problem auf ein handeln zu verzichten.

Der zweite Makler verfügt über ein weit stattlicheres Büro. Ein Sekretärin hockt hinter einem kleinen Tisch mit einem Telefon. Er selbst residiert hinter einem imposanten Schreibtisch, auf dem ein etwas betagter Computer steht. Die Tischplatte ist mit Visitenkarten gepflastert. Meine Karte fügt er nach gründlicher Inspektion seiner Sammlung gleich hinzu und er reicht uns eine handgeschriebene Liste mit verfügbaren Wohnungen. Die Auswahl reicht von zwei Zimmern für 100 Millionen Lira bis zu sechs Zimmern für 200 Millionen Lira. Ich bin erstaunt, dass es solch ein grosses Angebot gibt, denn nach meiner Vorstellung müsste bei dem starken Bevölkerungszuwachs der Stadt doch eigentlich Wohnungsnot herrschen. Vor gut einem Jahr sei es noch schwierig gewesen, eine Wohnung zu bekommen, erklärt mir der Makler, aber nach dem "Ende des Krieges" (gemeint ist die Verhaftung des PKK-Führers Öcalan und die anschliessende Einstellung aller Kampfhandlungen durch seine Organisation vor zwei Jahren) seien viele Soldaten aus Diyarbakir abgezogen und entsprechend Wohnungen frei geworden. Ob er denn schon oft Ausländern Wohnungen vermittelt habe, frage ich. Ja, im letzten Jahr, antwortet er, habe er ein Apartment an eine deutsche und eine amerikanische Nonne vermietet. Er rollt mit den Augen und faltet die Hände zu einem stummen Stossgebet.

Berna und ich fragen: in welchem Stockwerk die einzelnen Wohnung liegen? ob es Probleme wegen des einen Monats gebe? ob es ruhig sei? ob die Wohnung zentral gelegen sei? Chliesslich einigen wir uns darauf, dass ich mir als erstes eine Zwei-Zimmer-Wohnung für 140 Millionen Lira gleich um die Ecke anschaue. Sein Partner, ein junger, dürrer, unwirrscher Jüngling mit fettigen Haaren und dem nervösen Gehabe eines Junkies, begleitet uns. Die Wohnung muss über nach vom vierten Stock, wo sie sein sollte, ins Erdgeschoss, wo sie nicht sein sollte, gerutscht sein. Ein stockdunkler Flur führt zu zwei Zimmern, von denen nur in dem einen durch das Fenster Tageslicht fällt. Durch die Gitter hindurch kann man in einen engen Hinterhof sehen, in dem sich allerlei Gerümpel stapelt. Als erster Gedanke schiesst mir durch den Kopf, dass es hier mit Sicherheit Ratten geben muss. Selbst durch die verschlossenen Türen müssen wir gegen den Lärm der spielenden Kinder im Treppenhaus anreden.

Ich lehne ab und Berna fragt nach den anderen Wohnungen. Nach einigem Hin und Her, das mir Berna nicht übersetzt, lässt uns der dürre Jüngling stehen und eilt davon. "Diese Leute sind nicht seriös", stellt Berna fest. Ich widerspreche ihr nicht.

MaklerbüroBeim dritten Versuch haben wir mehr Glück. Das Maklerbüro liegt in der Seitenstrasse wenige Meter vom Büro des Fussballvereins entfernt, wo gestern der Aufstieg in die erste Liga gefeiert wurde. Der Makler ist freundlich. Nein, ein Monat sei überhaupt kein Problem. Ja, er habe zwei Wohnung zur Auswahl, von denen wir uns eine gleich anschauen könnten. Er führt uns durch eine unterirdische Einkaufspassage (ich mache mir eine geistige Notiz, dass in einem der Läden die schwarzen Diyarbakir-Fussball-Trikots im Fenster hängen, von denen ich mir eins vielleicht als Souvenir mitnehmen will) an einem kleinen Gemüsemarkt vorbei zu einem der Hochhäuser, die einen grossen, frisch angelegten Park säumen. Die Wohnung befindet sich im fünften Stock. Es riecht noch nach frischer Farbe. Die Wände sind in einem frisch, erdigen rotbraun gestrichen worden, wobei der Anstreicher sich allerdings mit den Ecken und Kanten nicht sonderlich Mühe gegeben hat. Der Fussboden ist aus Stein und die Wände vergittert. In der Küche befindet sich nicht mehr als eine einsam stehende Spüle, die Dusche ist grob gemauert und nur roh verpotzt. Die Toilette besteht aus einem dunklen Loch mit einem Abtritt, über den man sich hockt. Die Wohnung ist ohne Zweifel geräumig und hell, wenn man auch keinen direkten Blick auf den Park sondern nur auf die Nebengebäude hat, aber sie wirkt auf mich wie ein karges, steiniges Grossraumgefängnis, bei dem sich der Architekt vom Hochsicherheitstrakt in Stammheim inspirieren liess. Eine kalte, karge, steinerne Höhle in fünfzehn Meter Höhe, die Isolation von der Welt, ein Ort der Verbannung.

Berna versichert mir, es handele sich um eine sehr abzeptable Wohnung, die durchaus dem Standard der üblichen Wohnungen in Diyarkabir entspricht. Ich denke an mein Hotel, den weichen Teppichboden, die warmen Farben, das moderne Bad, den Swimmingpool und es wird mir ein wenig bang. Aber ich wollte ja den Alltag kennenlernen, möglichst authentisch. Deshalb war ich hier, und was hatte ich mir vorgestellt. Irgend etwas diffus Romantisches. Meine Dummheit und mein Pech. Also nicke ich tapfer mit dem Kopf.

"Tamam" strahlt der Makler hoch erfreut. Ich möge doch morgen in sein Büro kommen und 200 Millionen Lira mitbringen - 100 Millionen für die Miete und eine weitere 100 Millionen für seine Gebühr. Meine tiefere innere Ablehnung, mein lauschiges Hotelzimmer mit einer modernen Steinzeithöhle tauschen zu müssen, motiviert mich zusätzlich, gegen diese heftige Maklergebühr zu protestieren. Ich bitte Berna ihm zu übersetzen, dass ich es einsehen könne, dass für jemanden, der die Wohnung für ein Jahr oder mehr miete, eine Gebühr von einer Monatsmiete durchaus angemessen sei, aber in meinem Fall bedeute dies, ich habe an ihn genau so viel zu zahlen wie an den Vermieter. Wir diskutieren. Der Makler spricht von Standardsätzen und seinem Aufwand und dass auch er leben müsse. Ich rechne Prozente aus, weise darauf hin, dass er in einem Monat die Wohnung erneut vermieten und erneut Gebühren kassieren könne. Der Makler spricht schliesslich nur noch von 80, dann von 70 Millionen. Ich biete 20 Millionen und bleibe dabei.

Wir geben ihm schliesslich meine Handy-Nummer und fordern ihn auf, sich die sache noch einmal zu überlegen.

Ich denke, auch ich muss erst noch einmal darüber schlafen.

Eyvallah / Xatirete.

 

Wohnungssuche

 

[top] [vorheriger Tag] [Übersicht Diyarbakir] [nächster Tag]

 

 

© Martin Ebbing 2001