Rot-Grüne Erregung


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Gasse in der AltstadtDiyarbakir ist in Aufregung und den ganzen Tag über ist zu spüren, wie die Aufregung steigt.

Am frühen Morgen war die Luft noch frisch und klar und ein leichter Wind blähte leicht die grossen rot-grünen Fahnen, die von Drahtseilen über der Strassenmitte und von Gebäuden herunterhängen. An einem Sonntagmorgen verlangsamt sich auch das Leben in einer Stadt im Südosten der Türkei. Man schläft länger, die Strassenhändler nehmen sich ein wenig mehr Zeit, bis sie ihre Stände mit Gemüse, Obst, Nüssen, Gewürzen, billig importierten Elektroartikeln, Musikkassetten, Kurzwaren, Socken, Unterwäsche und Kochutensilien aufbauen. Auch die Schuhputzer nehmen ein wenig später ihren üblichen Posten ein, weil sie wissen, dass auch die Kundschaft an einem Sonntag gern ein wenig länger schläft. Der Gebetsruf von der Moschee ist zu hören, aber es sind keine Gläubigen zu sehen, die ihm Folge leisten. Nur die kleinen, verschmutzten Jungen mit den Pappkartons voller Kaugummis, Kugelschreibern oder Feuerzeugen hocken schon in kleinen Gruppen am Strassenrand und schauen dem spärlichen Verkehr nach.

Erst am späten Vormittag kommt Leben auf. Die Teestuben füllen sich, die Luft wird staubiger und die ersten Autos tauchen auf, die hupend durch die engen Strassen der Altstadt fahren. Jugendliche sitzen in den offenen Fenstern und schwenken begeistert rot-grüne Fahnen.

Eigentlich besteht Diyarbakir aus zwei Städten. Da ist zum einen dieDie Mauer Altstadt, die von einer finsteren, sechs Kilometer langen Mauer aus schwarzem Basalt eingefasst wird. Der Presseführer der türkischen Regierung behauptet, es sei die längste Festungsanlage der Welt und unterschlägt dabei natürlich die Existenz der Chinesischen Mauer. Die Anfänge dieser Anlage gehen auf die Römer zurück, die hier 115 n.Chr. Einen Aussenposten errichteten. Ausgebaut wurde die Mauer aber zu byzantinischen Zeiten dreihundert bis vierhundert Jahre später. Ein massiver Schutz war dringend notwendig, denn die Stadt liegt auf einer Hochebene am Schnittpunkt der ehemaligen Handelsstrasse von Konstantinopel nach Persien und der zweiten Achse vom Schwarzen an das Mittelmeer und zum heutigen Libanon. Damit liess sich nicht nur Geld verdienen, sondern erweckte auch die Begehrlichkeiten von Arabern, Persern, Tartaren und Selchuken, die oft im schnellen Wechsel, die Kontrolle übernahmen. Vonden Arabern hat sie ihren heutigen Namen. Auch nachdem 1515 die Ottomanen Diyarbakir in ihr schnell expandierendes Reich einbezogen, trat noch keine Ruhe ein. Eigentlich ist die Stadt bis in die jüngste Zeit nicht zur Ruhe gekommen. Als grösste kurdische Stadt in der Türkei war sie bis vor zwei Jahren, als die PKK nach der Verhaftung ihres Führers Öcalan einen Waffenstillstand erklärte, Schauplatz heftiger bewaffneter Auseiandersetzungen zwischen der kurdischen Rebellenorganisation und den türkischen Sicherheitskräften.

Die Altstadt besteht heute aus einem Gewimmel enger Gassen, in denen sich selbst große Bauwerke verstecken. Ein Bazar windet sich um Ecken und durch schmale Torbögen. Im Osten kann man von der Mauer aus auf den Tigris hinabblicken, der schmutzig-braun durch die Ebene fliesst.

NeubautenAusserhalb der Festungsanlage wächst mit rapider Geschwindigkeit eine neue Stadt heran. Mein Reiseführer gibt die heutige Bevölkerungszahl von Diyarbakir mit 2 Millionen an. In der Ausgabe vor zwei Jahren lautete die Zahl noch 500.000. Die schwierigen Lebensbedingungen auf dem Lande sowie die unsichere Lage während des Krieges mit der PKK haben die Menschen in die Stadt getrieben. Hochhaussiedlungen sind in die Höhe gewachsen, die unseren ungeliebten Vorstädten gleichen. Nur die Wohnblocks stehen teilweise so eng nebeneinander, dass sich die Nachbarn zweier gegenüberstehender Gebäude vom Balkon aus die Hand geben können. Breite mehrspurige Strassen wurden gebaut, neue Einkaufsstrassen sind entstanden und trotz aller Hast haben die Planer nicht vergessen, gelegentlich Platz für einen Park zu lassen.

An der Haupteinkaufsstrasse in der Neustadt liegt auch das Büro des Fussballvereins von Diyarbakir. Hier befindet sich das Zentrum der wachsenden Erregung. Die Kolonne der rot- grün geschmückten Autos, die hupend den Block umkreist wird immer länger. Der Verkäufer, der auf dem Bürgersteig einen Stand mit Fahnen aufgeschlagen hat, kann gar nicht so schnell die Geldscheine einsammeln, wie ihm seine Ware aus der Hand gerissen wird. Polizisten marschieren auf, um ein Auge auf die enthusiastische Menge, die sich dicht in den Strassen drängt, zu werfen. Die ersten Feuerwerkskörper fliegen durch die Luft.

Dabei hat das Spiel noch gar nicht angefangen und es geht noch nichtFahnenhändler einmal um die Meisterschaft im türkischen Fussball. Die machen die reichen Clubs im fernen Istanbul unter sich aus. Es geht um den Aufstieg - nicht nur von der zweiten in die erste Liga, sondern weil Fussball immer auch mehr als ein Spiel mit einem Ball ist auch um den Aufstieg einer Stadt, einer Region ins Rampenricht der Grossen, derer, die ernstgenommen werden, und die mitmischen können. Der Südwesten des Landes gilt in der Türkei als zurückgebliebenes, ärmliches Hinterland. Hier wohnen die Bauern, die Ungebildeten, die Hoffnungslosen, die Verlierer.

Die Vereinsfarben des Fussballvereins sind nicht ohne Bedacht gewählt worden. Rot-grün ist nur einen gelben Streifen von den verbotenen kurdischen Nationalfarben entfernt.

Heute spielen sie aber in Schwarz, mit einem rot-grünen Streifen an der Seite des Trikots. Ihre Gegner in Blau ist ein Vorortverein aus Istanbul, wo die Begegnung auch stattfindet. Die Schwarzen spielen gleich von Anfang an bissig, aggressiv, immer ein Bein mehr am Ball. Es scheint, als seien sie eigentlich nur gekommen, mit Entschlossenheit das zu verwirklichen, was schon längst feststeht: der kompromisslose Sieg. Keine Zurückhaltung, kein Abwarten, kein strategisches Kalkül, sondern ein Sturmlauf auf das gegnerische Tor. Die Offensive wird bereits nach zehn Minuten mit einem Elfmeter für die Schwarzen belohnt. Als der Ball Siegesfeierwuchtig im Netz zappelt, beginnen auch für die Menschen, die dichtgedrängt vor den Fernsehern auf den Bürgersteigen das Spiel verfolgen, die Siegesfeiern. War der Aufstieg vorher sicher, so ist er nun gewiss. Trommler und Flötenspieler tauchen auf, die Männer formiereren sich zu Ketten und beginnen auf der Strasse zu tanzen. Laut hupend versuchen sich die Autos mit den Fahnenschwingern dazwischen ihren Weg zu bahnen.

Auch der Ausgleichstreffer der Blauen nach knapp zwanzig Minuten tut dem Überschwang keinen Abbruch und jedes weitere Tor der Schwarzen wird mit noch heftigerem Trommeln, noch hitzigerem Tanzen und noch heftigerem Hupen bejubelt.

Am Ende seht es 3:2 für die Schwarzen. Diyarbakir ist jetzt erstklassig.

Eyvallah / Xatirete.

 

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© Martin Ebbing 2001