Schreiben unter Polizeischutz


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Jeder ausländische Journalist, der in den Südosten der Türkei fährt, wird sehr schnell die Bekanntschaft mit der Polizei machen. Meist warten die Herren am Morgen nach der Ankunft in der Hotelhalle, zeigen freundlich ihre Ausweise und fragen danach, wie lange man zu bleiben und was man zu unternehmen gedenke. Fragt man zurück, welchem Umstand man so viel Aufmerksamkeit zu verdanken habe, präsentieren die Herren meist ein Fax, auf dem unter einem offiziellen Briefkopf der eigene Namen zu lesen ist. Auf Anweisung aus Ankara wird der Journalist unter Polizeischutz gestellt. Lehnt man dieses Angebot freundlich ab, zucken die Herren mit den Schultern und verweisen darauf, dass sie nun mal den Befehl haben, und Befehl ist bekanntlich Befehl.

Natürlich weiß man in Ankara, dass sich journalistische Arbeit und Polizeibegleitung nicht miteinander vereinbaren lassen. So gefährlich ist es heute auch weder in Hakkari noch in Mardin oder in Diyarbakir, dass ein solcher Schutz tatsächlich notwendig wäre. Nachdem die Kurdische Arbeiterpartei (PKK) im September 1999 nach der Verhaftung ihres Führers Abdullah Öcalan einen einseitigen Waffenstillstand erklärt hat, finden nur noch sporadisch und immer seltener bewaffnete Auseinandersetzungen statt.

"Polizeischutz" ist eine freundliche Umschreibung des hässlichen Wortes "Polizeiüberwachung". Wie diese Überwachung praktiziert wird, hängt von Ort und Zeit ab. In den Städten entlang der Grenze zum Irak und zum Iran (Cizre, Sirnak, Hakkari), der Region, in der in Vergangenheit das Zentrum der Konfrontationen lag, ist es mir im vergangenen Jahr kaum gelungen, meine ständigen Begleiter loszuwerden. In Diyarbakir in diesem Jahr liess sich der Führer der Gruppe, die zu meinem "Schutz" abgestellt war, schnell davon überzeugen, dass es für sie sehr aufwendig und langweilig werden würde, wenn sie mich einen Monat lang auf Schritt und Tritt begleiten wollten.

Das bedeutet freilich nicht, dass man der Überwachung entkommt. Immer wieder traf ich die selben Herren in Zivil, die zufällig in der Nähe der Teestube ihre Zeit vertrieben, in der ich meinen Tee trank, die in der selben Gegend zu tun hatten, in der ich gerade eine Verabredung hatte und die immer den Eindruck erweckten, als wollten sie am liebsten nicht gesehen werden. Mit der Zeit gelang es Freunden mich aufzuspüren, indem sie einfach nach den "Onkeln", wie sie auf Türkisch genannt werden, Ausschau hielten. Als ich eines Tages auf die beiden Herren zuging und sie freundlich begrüßte, drehte sie sich verlegen zur Seite und tauchten danach nicht mehr auf. Zumindest habe ich sie nicht wieder gesehen.

Als Journalist kann man mit dieser Art von Fürsorge leben, so lange es bei der Beobachtung aus der Ferne bleibt. Die Herrschaften wollen wissen, was man so tut. Okay, sollen sie. Eine Verhaftung oder gar Schlimmeres hat man als ausländischer Journalist meist nicht zu fürchten. Die türkische Regierung fürchtet den Eklat, den dies mit sich bringen könnte.

Für meine Gesprächspartner sieht die Situation freilich anders aus. Jeder Kontakt mit einem ausländischen Journalisten rückt sie in den Verdacht, kurdische Autonomiebestrebungen zu unterstützen oder auch nur Informationen über die miserable Menschenrechtssituation in den kurdischen Gebieten weiterzugeben. Beweisen lässt sich das meist nicht, aber der Verdacht reicht für eine Verhaftung auf und Folter zählt zu den gängigen Verhörmethoden.

Auf diese Weise wird ein Klima der Angst und der Einschüchterung geschaffen. Menschen meiden Kontakte mit ausländischen Journalisten oder halten sich mit Äußerungen zurück, die sie vielleicht in Schwierigkeiten bringen könnten.

Auch als Reporter ist man sich des Risikos bewusst, seinen Gesprächspartner ungewollt in Schwierigkeiten bringen zu können. Bewusst oder unbewusst fragt man weniger direkt und versucht in einem Gespräch vorsichtig zu taxieren, wie viel Offenheit möglich ist.

Es gab während meines Aufenthaltes in Diyarbakir eine Reihe von Informationen, von denen ich keinen Gebrauch gemacht habe, weil die Urheber zu leicht hätten zurückverfolgt werden können. Im allgemeinen habe ich es so gehalten, dass ich jeweils ausdrücklich nachgefragt habe, ob ich den Namen oder gar ein Foto meines Gesprächspartners verwenden konnte. Öfter als erwartet habe ich eine die Zustimmung erhalten und dann doch auf eine Namensnennung oder ein Bild verzichtet.

Es ist eine schwierige Gratwanderung. Ich habe auch immer Verantwortung für mein Gegenüber empfunden, sie oder ihn vor Schaden zu schützen - vor allem wenn ich das Risiko im Moment nicht abschätzen konnte. Auf der anderen Seite wird sich die Situation nicht verbessern, wenn man darüber schweigt. Wie viel Offenheit ist also vertretbar und wo sind die Grenzen zu ziehen, wenn man selbst nicht die Konsequenzen zu ertragen hat?

Ich habe keine Patentantwort darauf gefunden. Es blieb und bleibt ein ungutes Gefühl, in dem einen oder anderen Fall doch eine Fehlentscheidung getroffen zu haben.

Gewiss ist nur, dass die Lage der Kurden in der Türkei weiter internationale Aufmerksamkeit verlangt. Wenn nicht mehr geschossen wird, dann drohen solche Themen oft aus den Medien zu verschwinden. Dabei ist internationaler Druck oft die einzige Garantie, dass ein friedlicher Dialog überhaupt in Gang kommt.

Sicher erscheint mir auch, dass die Türkei von einem demokratischen Staat noch ein gutes Stück weit entfernt ist.

 

Martin Ebbing

 

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© Martin Ebbing 2001