Sprache


Sprache, das umfassendste und differenzierteste Ausdrucksmittel des Menschen
, zugleich die höchste Erscheinungsform sowohl subjektiven, wie auch des objektiven Geistes. Die Sprache hat sich aus Naturlauten entwickelt. Jeder Schrei ist schon eine Art Sprache. An der Verbesserung dieser wichtigen, wenn auch noch primitiven Verständigungsmittels arbeitete der Mensch, indem er den Schrei zu gestalten suchte.

Der Schrei zerlegte sich in seine Bestandteile und es ergab sich eine Reihe von Lauten, die dem Schrei zunächst bloß eine je besondere Klangfarbe verliehen hatten. Die Laute lösten sich nun vom Schrei ab, wuchsen zu Lautgestalten wieder zusammen und wurden so zu Bausteinen für Wörter, wobei der pantomimische Charakter der Laute eine entscheidende Rolle spielte. Eine solche Lautgestalt, etwa "ho" kann von anderen Lautgestalten (ha, he, usw.) bereits so deutlich unterschieden werden, daß es der Gewohnheit gelingt, sie mit der Gegenwart oder mit dem Auftauchen eines bestimmten Gegenstands zu verknüpfen, so daß, wenn der Gegenstand erscheint, die Lautgestalt sich in gleichbleibender Form und wie von selbst einstellt. Der Vorgang ist umkehrbar: wenn die Lautgestalt gehört wird, kehrt der Gegenstand (als Vorstellung) wieder. Die Lautgestalt wird zum magischen Wort, dem die Kraft innewohnt, den Gegenstand herbeizuzaubern (im Denken primitiver Völker fallen Vorstellung und Realität noch weitgehend zusammen). Den magischen Charakter hat die Sprache noch heute (Verbot des "Beschreibens"; Beschwörung, Gebete, usw.).

Mit jedem Wort, das ich spreche, meine ich etwas. Das Wort steht zwischen meinem Bewußtsein und dem gemeinten Gegenstand, es nimmt Teil an der Seinsart beider. Es trennt sie voneinander, indem es mir ermöglicht, die durch das Wort erzeugte Vorstellung vom Gegenstand zu unterscheiden; ohne es könnte die Vorstellung nicht auftauchen, weder in mir noch in anderen. Aber das Wort verbindet auch Gegenstand und Bewußtsein: ohne das Wort könnte die Vorstellung nicht zum Zeichen für das werden, was gemeint ist.

In dieser Funktion des Trennens und Verbindensliegt dier Quell für die unendliche Wirkung der Sprache auf das Denken. Mittels der Sprache können die gesamte Erlebniswirklichkeit und das Denken sich zum eigenen Erkenntnisgegenstand machen, können sich objektivieren und an andere weitergegeben werden: sie werden tradierbar. Die Sprache, selbst objektivierbarer Geist, wird zum Leib des Geistes. Der Geist in das Wort gehüllt (Hölderlin).

Weil aber unser Denken uns nur im Gewande und in der Form der Sprache bewußt werden kann, fassen wir die mikrokosmische Welt nach der Seinsart unserer Sprache auf: die Welt wird uns zu einer Sprache anderer Art. Jeder Gegenstand wird zum Träger eines Wesens, das wir erfassen wollen. So wie der vom Gehörsinn wahrgenommene Klang, wie die Handbewegung und die Mimik für uns etwas bedeuten, so hat auch die ganze Welt eine Bedeutung. So wie die Sprache den Geist verleiblicht, so durchgeistigt sie die Wirklichkeit. Das Wort ist das Gefäß unseres Geistes, aus dem wir ihn über die Welt ausgießen, ihr so einen Sinn verleihend

Durch das Wort wird der Gegenstand geistig verfügbar und zu etwas unserer Erkenntnis Gegebenem. Das Wort ist das aussprechbare Wesen des Gegenstandes. Mit dem wesentlichen Worte muß man den Gegenstand ansprechen, damit er uns sagt, was er eigentlich ist. Indem die Gegenstände zum Partner dieses Verständigungsprozeßes werden, findet sich das sinngebende Bewußtsein, das in der Sprache auf sie wirkt, in ihnen tatsächlich wieder. Auf dem Vehikel der Sprache bewegt sich das Bewußtsein durch die Welt und kehrt bereichert zu sich selbst zurück.

Man kann an der Sprache drei Funktionen unterscheiden (K.Bühler):

  • Äußerung (Kundgabe),
  • Einwirkung (durch Anruf, Mitteilung, usw.),
  • Sachbezogenheit (Bennenung, Orientierung, Darstellung).

Der Sprechende äußert etwas, sei es für sich (Interjektion!), sei es als Mitteilung an andere, die er anspricht. Dies Bezogensein auf den anderen hat bereits (als Einflußnahme, Lenkung) die Form des Eingriffs in dessen (bzw. in dem gemeinsamen) Freiheitsbereich, ist ein "Behandeln".

Nicht einfach Sätze werden ausgesprochen, sondern Bitten, Klagen, Fragen, Auskünfte, Belehrungen, Ermahnungen, Drohungen, Befehle (Ammann). Dabei ist meist von Sachlichem die Rede, das den Inhalt (im engeren Sinn) des Gesprochenen ausmacht. Der Schwerpunkt kann sowohl bei der Kundgabe (z.B. Abgabe einer Erklärung) wie bei der Einflußnahme wie bei dem Sachlichen liegen; aber auch mit der Fixierung eines Sachverhalts sollen Wege des Handelns aufgewiesen, Teile des Aktionsfeldes ausgekundschaftet, Richtpunkte sichergestellt werden. In allen Fällen ist "die Äußerung selbst ein Stück Leben" (Ammann).

Die Geschichte einer Sprache spiegelt die Sozialgeschichte des betreffenden Volkes wider. Die Wortstämme einer Sprache zeigen an, welche Gegenstände für das Volk zur Zeit der Sprachformung die wichtigsten waren. Der Wortschatz einer Sprache zeigt an, was ein Volk denkt, die Syntax zeigt an, wie es denkt. Da die Sprache objektiver Geist ist, charakterisiert sie ein Volk am genauesten. So ist es z.B. kennzeichnend, daß die Beduinen eine Anzahl von Worten für das Kamel je nach den Beziehungen bilden, in denen es in ihrem Leben fungiert, daß ostafrikanische Jägervölker viele Ausdrücke für die Nuancen von "braun", aber nur einen für alle übrigen Farben zusammen haben. Wenn in einzelnen slavischen Sprachen das Hilfszeitwort "sein" eine geringere Rolle spielt, als etwa in den romanischen und germanischen, so zeigt das, daß das Seinsproblem, vor allem das Problem der Seinsaussagen sich diesen Völkern doch nicht in der Schärfe stellt wie den romanisch und germanischen.

Die sprachliche Prägung verweist auf einen im Anhören vor Augen geführten Lebensbezirk (das Wort "Meer" bedeutet für den Fischer etwas anderes als für den Kurgast). Jedes vernommene Wort muß also interpretiert werden, um im Sinne des Sprechenden verstanden werden zu können. Ein richtige Interpretation ist nur möglich, wenn der Denkraum des Sprechenden wenigstens in den Strukturen bekannt ist. Das Verstehen einer fremden Sprache ist an denselben, hier nur komplizierteren Interpretationsvorgang gebunden. - Die Sprache ist mit dem Volke unmittelbar verbunden. Durch die Sprachverwandtschaft können Volksgruppen als zusammengehörig erkannt, die Wanderungen einzelner Völker rekonstruiert und Sprachfamilien gebildet werden.

Georgi Schischkoff (Hg): Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1991


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