Mensch


  • "Das, was den Menschen zum Menschen macht, ist ein allem Leben entgegengesetztes Prinzip, das man nicht auf die 'natürliche Lebensevolution' zurückführen kann, sondern das, wenn auf etwas, nur auf den obersten Grund der Dinge selbst zurückfällt - auf denselben Grund also, dessen Teilmanifestation auch das 'Leben' ist".

    (M. Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosomos, 1949)

Dieser oberste Grund ist der Geist. Damit ist aber zunächst nur der Grundsatz der modernen philosophischen Anthropologie gekennzeichnet.

Leiblich gehört der Mensch in die Säugetiergruppe der Hominiden (d.h. der menschenartigen Wesen), die nächstbenachbart ist der der Pongiden (Menschenaffen: Gorilla, Schimpanse), die beide in einer Urpongidenschicht des Tertiärs verwurzelt sind. Neuere Funde im Victoria-Nyanza-Becken (Ostafrika) "haben uns eine spättertiäre bis frühpleistozäne Formengruppe kennengelehrt, bei der es schlechterdings unmöglich ist, ein eindeutiges Urteil darüber zu fällen, ob wir es schon mit menschlichen Wesen zu tun haben, oder noch nicht" (G. Heberer, Die unmittelbaren Vorfahren des des Homo sapiens, in "Universitas" IV, 1949).

Bei diesen "Praehominiden", die vor 550000 Jahren lebten, begann der Gebrauch des Feuers. Über die Ursachen der eigentlichen Menschenwerdung laßen sich nur Vermutungen aufstellen; ihr Weg wird jedoch immer klarer aufgedeckt mit Hilfe der phylogenetischen Anthropologie, der [PUW:] vergleichenden Morphologie und [PUW:] Physiologie und der Paläontologie. Die Höherentwicklung des Menschen über das Tier hinaus zeigt sich im aufrechten Gang, in der Ausbildung der Hand als (Greif-)Werkzeug und besonders in der Vergrößerung des Gehirns und seiner Oberfläche. Mit diesen leiblichen Steigerungen am Menschen sind Minderungen der körperlichen Leistungsfähigkeit verbunden: Nachlassen der Sinnesschärfe, der "Abhärtung" im weitesten Sinne gegenüber den Außenwelteinflüssen, der rein physischen Körperkräfte.

Seelisch ausgezeichnet ist der Mensch weniger durch das Bewußtsein schlechthin als durch das Bewußtsein von sich selbst, seiner Geschichtlichkeit, seinem herannahenden Tod. Während das Verhalten des Tieres umweltgebunden und instinktgesichert ist, ist das des Menschen dagegen weltoffen und entscheidungsfrei. Diese Unabhängigkeit von der Umwelt ermöglicht die Entspezialisierung der Sinnesorgane und die Ausweitung ihrer Funktionen, die Entstehung selbständigen Denkens, Fühlens, Wollens und die völlige Neuentstehung von Gedächtnis und Phantasie; aus der Umwelt wird die Welt. Dafür droht dem Menschen die Gefahr weitgehenden Instinktverlusts und eines infolge der zurückgedrängten Triebe naturwidrigen Lebens. Dadurch, daß die Seele dem Leib gewissermaßen selbständig gegenübertritt, entsteht allerdings das Leib-Seele-Problem.

Über dem Bereich des Bewußtseins und der Seele des Menschen erhebt sich der (personale) Geist, der den Zusammenhang des Menschen nicht nur mit der materiellen (Um-)Welt, sondern mit den allgemeinen Sinngehalten (Ideen) der Dinge herstellt, wodurch der Mensch sich am weitesten über das Tier erhebt, freilich auch am weitesten von der Natur entfernt. Durch seine einzigartige leiblich-seelisch-geistige Verfassung ist allein der Mensch Persönlichkeit, einzig auch bewußt-planvoller und gezielter Handlungen, schöpferisch-stoffgestaltender Leistungen fähig, unter denen die Schaffung menschlicher Gemeinschafte an erster Stelle steht; von dieser Grundlage aus entwickeln sich Sprache und Schrift, die Fähigkeit zur Herstellung technischer Gebilde, die Sammlung und begriffliche Verarbeitung von Beobachtungen und Erkenntnissen in immer größerer Breite und Tiefe, ebenso eine zunehmende Arbeitsteilung und Zusammenarbeit, zunehmende Kraft der Idealbildung und der sittlichen Verantwortung, zunehmende Naturerkenntnis und Naturbeherrschung (Kultur).

Besonders Idealbildung und Selbsterkenntnis vermag der Mensch immer mehr in den Dienst seiner Selbstgestaltung zu stellen: "Jeder individuelle Mensch trägt der Anlage und Bestimmung nach einen reinen idealistischen Menschen in sich, mit dessen unveränderlicher Einheit in allen seinen Abwechselungen übereinzustimmen die große Aufgabe des Daseins ist" (Schiller).

Die Naturgebundenheit des Menschen einerseits, seine geistig-kulturelle Erhebung über die Natur andererseits, haben philosophisch zu sehr verschiedenen Deutungen des Wesens des Menschen und seiner Aufgabe geführt, zunächst in den Schöpfungsmythen der verschiedenen Religionen. Besonders die Deutungen des des Wesens des Menschen durch das Alte Testament hat nachhaltig gewirkt. Die Antike, besonders das Griechentum, fand das Wesen des Menschen in seiner Vernunft bzw. Erkenntnisfähigkeit und seiner Kraft zu politischer Gemeinschaftsbildung. Das christliche Mittelalter sah in ihm das Ebenbild Gottes einerseits, die irdisch-dämonischen Kräften ausgelieferte Kreatur andererseits. Das 18. Jahrhundert unterschied im Menschen die sinnliche Erscheinung und das "übersinnliche" Vernunftwesen. Der letztgenannte Begriff wurde bereits als Ideal des Humanismus herausgearbeitet, das die idealistische leiblich-seelisch-gesitige Vervollkommnungsfähigkeit sowie die Freiheit aller Menschen zur Selbsterschaffung (P. della Mirandola) lehrte.

    Das Wesen des Menschen wird heute darin gesehen, daß er das Wertvolle unterscheidet vom Zweckmäßigen, Nützlichen, Angenehmen. Mit der Fähigkeit des Wertens steht in Zusammenhang die Fähigkeit, das Wesen einer Sache begrifflich zu erfassen und mit den Mitteln der Kunst anschaulich zu machen, sowie die Fähigkeit der Sinnverleihung an Personen, Gegenstände, Geschehnisse. Um das Wesentliche und das Sinnvolle bildet sich der Mikrokosmos des Einzelnen.

Georgi Schischkoff (Hg): Philosophisches Wörterbuch. Alfred Kröner Verlag Stuttgart, 1991


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