Fritz Pleitgen: Durch den wilden Kaukasus


Buchkritik


Ein Fernsehjournalist fährt nicht allein in die große weite Welt hinaus. Er benötigt einen Kameramann, einen Tonassistenten und bei grösseren Projekten zusätzlichen noch einen Producer, sprich einen Experten, der sich in der Region auskennt und die Reiseroute organisieren sowie Kontakte knüpfen kann. Schliesslich gehören zum Tross noch ein örtlicher Begleiter als eine Art lokaler Pannenhelfer sowie ein Übersetzer. Hinzu kommen reichlich Gepäck und eine umfangreiche Ausrüstung.

Ein Fernsehteam hat es eilig. Das Reisen in einer solch grossen Gruppe ist kostspielig. Zeit ist Geld und der Terminkalender eng gefüllt.

Was für ein Buch kann man von solch einem Unternehmen erwarten?

In Pleitgens Fall eine ebenso unterhaltsame wie informative Reportage. Fünf Wochen hat sich der Intendant des WDR und derzeitige Vorsitzende der ARD frei genommen, um durch den Kaukasus zu reisen. Die Route führte ihn zum einen entlang des Terek von Machatschka, der Hauptstadt Dagestans am Kaspischen Meer, über Tbilisi in Georgien nach Eriwan in Armenien und nach Nagorno-Karabach. Eine zweite Strecke verläuft von West nach Ost, von Abchasien am Schwarzen Meer nach Baku, zurück am Kaspischen Meer.

Leiten lässt sich unser Reporter dabei von einem berühmten Vorbild, Alexandre Dumas. Der Autor des "Graf von Monte Christo" und der "Drei Musketiere" durchquerte 1858 den Kaukasus und schrieb seine Erlebnisse als "Eindrücke einer Reise durch den wilden Kaukasus" auf. Der junge Pleitgen entdeckte diese Mischung aus Reportage und Fiktion in der Gemeindebibliothek seiner Heimatstadt Duisburg und hegt seitdem dem Traum, es seinem Helden nachzutun.

Dieses kleine Bekenntnis, das in der Einleitung zum Besten gegeben wird, enthüllt, dass im Inneren des erfahrenden Auslandskorrespondenten und hohen Hierarchen noch das Herz eines jugendlichen Romantikers steckt. Das macht ihn nicht nur sympathisch sondern gibt seiner Erzählung auch einen Zungenschlag, dem man gern zuhört. Hinzu gesellen sich die Fähigkeit, sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen, was ihn vor der Verlockung schützt, Angehörige anderer Kulturen und Völker vorschnell an den eigenen Massstäben zu messen.

Pleitgen erzählt nach der üblichen und bewährten Methode des Reisejournalisten: er reist von Punkt A nach Punkt B, skizziert die Strecke, schildert die Landschaft, stellt uns die Personen vor, die ihm dabei begegnen, und informiert dann am Punkt B über die historisch, politische oder kulturelle Bedeutung des Ortes. Seine Hausausgaben hat der Autor ohne Zweifel gemacht. Die Hintergrundinformationen sind präzise, hilfreich und verständliche formuliert - solides Handwerk eben. Pleitgen hat auch einen Blick für Landschaften und Stimmungen, nur wenn er Dialoge holpert es manchmal ein wenig, weil er - wie am Schneidetisch üblich - sein Gegenüber auf wenige Kernsätze reduziert, die die entscheidende Botschaft transportieren.

Nun macht es der Kaukasus einem Reporter leicht und schwer zugleich. Kaum eine Region der Welt bietet so eine Vielfalt an Landschaften, Kulturen und Menschen. Von der russischen Steppe im Norden über das Bergmassiv des Hohen Kaukasus mit dem fünfeinhalbtausend Meter hohen Elbrus bis zur Halbwüste Aserbaidschans wechselt die Natur in schneller Folge. Allein in Dagestan leben sieben Volksgruppen mit- und nebeneinander. Diese gebirgige Passage zwischen Europa und Asien war Schauplatz einer wechselhaften Geschichte. Mongolen, russische Zaren, Perser und Osmanen kämpften um die Vorherrschaft. In der Gegenwart suchen die einzelnen Republiken nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in einem Prozess voller Widersprüche einen neuen Weg in die Zukunft. Es gibt also viel zu erzählen und einem Reporter wie Pleitgen kann es passieren, an einem Tag in einem Schützengraben in Karabach den Kopf einziehen zu müssen und an einem anderen Tag im nie bezogenen Ferienhaus der Gorbatschows am Schwarzen Meer zu Bett zu gehen.

Auf der anderen Seite ist diese Überfülle, in der alles mit allem irgendwie zusammenhängt, für einen Autor auch ein Problem. Es gibt mehr zu berichten und zu erklären, als zwischen zwei Buchdeckel passt. So muss sich der Leser auch in diesem Fall damit zufrieden geben, dass vieles angerissen, aber nicht gründlich erläutert wird. So bleibt der Tschetschenienkrieg nur blasser Hintergrund. Im Konflikt um Karabach skizziert der Autor die jeweilige Argumentation der beiden Konfliktparteien, überprüft aber nicht, was stichhaltig ist und was nicht. Der Kampf um den Zugriff auf Erdöl und Gas in der Region bleibt nahezu unerwähnt.

Wer sich für den Kaukasus interessiert, wird also weiterlesen müssen. Als Einstieg freilich ist Pleitgens Buch keine schlechte Wahl - gerade weil es diese Lust am Weiterlesen weckt.

Fritz F. Pleitgen: Durch den wilden Kaukasus
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2000, 303 Seiten, 39,90 DM

 

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