Kämpfe in Mazedonien (Kommentar)

20. März 2001


Eine Gruppe von Freischärlern sitzt auf einem Berg im Norden der mazedonischen Stadt Tetovo und liefert sich von dort aus Feuergefechte mit der schlecht ausgerüsteten mazedonischen Sicherheitskräften. Ist dies der Anfang eines neuen Krieges auf dem Balkan?

Wohl kaum, was aber nicht bedeutet, dass diese Auseinandersetzung nicht sehr ernst zu nehmen ist.

Parallelen drängen sich auf: auch im Kosovo begann eine Spirale der Eskalation, als eine kleine Gruppe Unbekannter, über deren Identität und Ziele man anfangs wenig wusste, Waffen in die Hand nahm. Die gemässigteren albanischen Politiker waren vom Auftauchen der UCK anfangs überrascht, taten sie aber als Extremisten ab bis sich herausstellte, dass der bewaffnete Widerstand gegen die serbische Unterdrückung sehr schnell Anklang und Zulauf fand.

Auch die Freischärler in Mazedonien nennen sich wieder UCK. Auch sie scheinen aus dem Nichts zu kommen und die etablierten Parteien der Albaner des Landes sprechen von einer radikalen Minderheit, die da am Werke sei.

Damit haben sich allerdings die Parallelen auch fast erschöpft. Die UCK in Mazedonien mag zwar versuchen, mit den selben Methoden wie die UCK im Kosovo ihre politischen Ziele zu erreichen, aber die Umstände, unter denen sie operiert, sind andere.

Die Klagen der Albaner in Mazedonien über Benachteiligung und offene Diskriminierung sind ohne Zweifel berechtigt, aber ihre Lebensverhältnisse unterscheiden sich doch in wesentlichen Punkten von den Bedingungen unter denen die albanischen Kosovaren vor dem Krieg zu leiden hatten. Anders als im Kosovo können die Albaner in Mazedonien mit ihren Parteien am politischen Leben teilhaben und sind sogar in der Regierung vertreten. Sie wurden nie - wie im
Kosovo - aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Minderheitenrechte sind staatlich anerkannt, wenn sie auch nicht immer zufriedenstellend umgesetzt werden.

Entscheidender aber ist noch, dass inzwischen ein Krieg, Vertreibung und Zerstörung stattgefunden haben. Die Erinnerung ist noch sehr frisch und (bis auf geringe Ausnahmen) wünscht sich kein Albaner, weder im Kosovo noch in Albanien oder in Mazedonien, eine Rückkehr dieser Zeit. Die überwiegende Mehrheit ist kriegsmüde und hat alle Hände damit zu tun, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden.

Zum zweiten sind während des Krieges einige Illusionen verloren gegangen. Flucht und Vertreibung brachten viele Kosovaren nach Albanien, die erstmals mit eigenen Augen die Realitäten im verehrten "Mutterland" sehen konnten. Ihre Eindrücke haben sie nicht begeistert. Das Land ist ärmer, als sie es sich vorgestellt hatten, und in einem weit grösseren Ausmass von Korruption und Kriminalität geplagt, als sie es im Kosovo kennen. Der Traum von einem Gross-Albanien, einem gemeinsamen Staat für alle Albaner, ist damit erst einmal zu den Akten gelegt worden. Kennzeichnend ist, dass weder die Freischärler der UCPMB, die in der albanisch bewohnten Enklave innerhalb Serbiens agieren, noch die UCK in Mazedonien eine Veränderung der Grenzen fordern.

Schliesslich konnte die UCK mit der Sympathie des Westens rechnen. Sie traten gegen ein Regime in Belgrad an, das in Bosnien bereits bewiesen hatte, zu welchen Verbrechen es fähig ist. Milosevic ist nicht nur gestürzt worden, sondern auch die Regierung in Skopje geniesst den Rückhalt des Westens. Staaten wie Albanien würden zudem die mühsam errungenen Möglichkeiten wieder verlieren, ein wenig näher an die EU und an die NATO heranzurücken, wenn sie die UCK in Mazedonien unterstützen würden.

Auch wenn das Auftreten der Freischärler waghalsig und unkalkulierbar erscheint, so ist ihren Führern politisches, strategisches Denken doch nicht fremd. Mit Kalkül haben sie darauf geachtet, nicht auf die Bundeswehrtruppen in Tetovo zu schiessen, obwohl diese sich eine Kaserne mit den mazedonischen Sicherheitskräften teilen.

Ob der Konflikt eskaliert und ob die Rebellen in den kommenden Wochen Zulauf erhalten werden, wird in erster Linie vom Verhalten der mazedonischen Regierung abhängen. Sie darf sich nicht auf eine militärische Reaktion beschränken, sondern muss die Initiative zu einem sinnvollen Dialog mit den Vertretern der Albaner ergreifen. Von diesem Dialog dürfen die Gruppen, die sich nicht durch die etablierten albanischen Parteien in Mazedonien vertreten fühlen, nicht ausgeschlossen weden.

Der Zeitpunkt für solche Gespräche mag ungünstig erscheinen, weil der Eindruck entstehen könnte, die Regierung lasse sich durch die Militanz der Rebellen erpressen. Das ändert aber nichts an der Notwendigkeit, dringend nachzuholen, was bisher sträflich versäumt wurde.

Aufgabe des Westens ist es, die Regierung in Skopje nachdrücklich zu einem solchen Gespräch zu drängen und notfalls die weitere Unterstützung durch den Westen von einer solchen Verhandlungsbereitschaft abhängig zu machen.

Aber auch die Regierungen in Washington, Paris, London und Berlin haben Versäumtes nachzuholen. Sie sind ganz offensichtlich von der Entwicklung in Mazedonien überrascht worden, oder wenn sei doch davon gewusst haben, dann haben sie nicht rechtzeitig reagiert. Diese Schlafmützigkeit kann nur den überraschen, dem der Balkan nach Ende des NATO Krieges wieder aus dem Blickfeld geraten ist. Die Herstellung von Stabilität am Balkan, feierlich in einem Pakt vereinbart, verliert mit dem zeitlichen Abstand zum Krieg immer mehr an Schwung und Tempo. In Albanien, Bosnien, im Kosovo, in Montenegro und auch in Mazedonien wächst die Enttäuschung, dass nur wenige der damaligen Versprechen von den westlichen Staaten bislang eingelöst wurden. Im Kosovo wird das Murren über die Bürokratie und Ineffizienz der UN Verwaltung immer lauter. Die Wirtschaft stagniert, die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor gross, die Kriminalität steigt und die Hoffnung auf baldige Normalität rückt in immer grössere Ferne. Das schafft Frustrationen und schürt Zweifel, ob der Weg Richtung Europa wirklich offen steht.

Die Schüsse in Tetovo haben wie ein Weckruf hektische politische Aktivitäten zur Beilegung der Krise ausgelöst. Das Muster ist bekannt: es muss erst brennen, bis etwas passieren. Das wissen wahrscheinlich auch die Freischärler in Mazedonien.

 

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© Martin Ebbing 2001