45.000 Mark Lösegeld für albanischen Journalisten

Matoshi am 20.1.00 freigelassen

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Halil Matoshi ist Maler, Schriftsteller und einer der wenigen freien Journalisten im Kosovo. Seine Gedichte und Kurzgeschichten setzen sich vor allem mit den Erfahrungen auseinander, als Albaner inmitten eines unerklärten Krieges der Serben gegen die Mehrheit in seiner Heimat zu leben. Bei der Wochenzeitschrift Zeri ist er als ein Autor bekannt, der zu Kunst, Kultur und Politik eine unabhängige Sichtweise besass.

Heute sitzt er wie tausende anderer Kosvo-Albaner in einem Gefängnis in Serbien. Vorgeworfen wird ihm, sich an terroristischen Aktivitäten beteiligt zu haben. Eine offizielle Anklageschrift existiert allerdings nicht und von einem Prozesstermin oder auch nur einer Haftprüfung durch einen Richter ist nichts bekannt.

Matoshi wurde am 21. Mai dieses Jahres in seinem Haus in Haivalja, einem kleinen Dorf vier Kilometer ausserhalb von Prishtina, festgenommen. Mit Beginn der NATO Bombardierung hatte er wie die anderen Kosovo-Albaner des Ortes das Haus aus Angst nicht mehr verlassen, in die Hände der serbischen Sicherheitskräfte zu geraten. Aber am frühen Morgen dieses Freitages stand eine Gruppe von sechs oder sieben Männern vor dem Metalltor am Eingang zu dem Grundstück. Zwei waren Polizisten, zwei andere trugen die Uniform der serbischen Armee. Matoshi schlief noch. Seine Lebensgefährtin Iliriana öffnete verängstigt die Tür. "Die Männer stürmten ohne viele Worte ins Haus und holten Halil aus dem Bett." erinnert sich Iliriana an den Überfall. Mit dem barschen Gehabe von Männern, die keine Lust haben, sich an der Nase herumführen zu lassen, forderten die Polizisten ihr überraschtes Opfer auf, ihnen zu sagen, wo er seine Waffen verstecke. "Sie stellten ihn an die Wand und einer der Männer suchten ihn nach Waffen ab. Als ob er mit einer Pistole im Schlafanzug zu Bett gegangen wäre."

Matoshi hatte keine Waffen und die Gruppe machte sich wenig Mühe, nach einem möglichen Versteck im Haus zu suchen. Sie forderten Matoshi auf, sich anzuziehen, und nahmen ihn ohne weitere Begründung mit.

Verlegen hielt sich Dean Milatovic, einer der Zivilisten, bei dieser Festnahme ein wenig abseits. Milatovic lebte im Haus seiner Eltern nur knapp hundert Meter die unbefestigte Strasse hinauf und arbeitete für den Nationalen Sicherheitsdienst, eine Art serbischer Verfassungsschutz. In Haivalja kennt jeder jeden und wenn auch Freundschaften zwischen Serben und Albanern selten waren, so respektierte man sich doch gegenseitig. Am späten Nachmittag kam Milatovic noch einmal zurück und versuchte Iliriana zu beruhigen. "Halil wird nichts passieren", versicherte er Iliriana. Matoshi sei in das Gefängnis nach Lipijana gebracht worden und nach einem, spätestens anderthalb Monaten werde er wieder entlassen. Das war das letzte, was Iliriana von ihrem Mann hörte. Nach allem, was sie über die Folterungen und Exekutionen von Albanern durch die serbischen Sicherheitskräfte gehört hatte, war sie alles andere als beruhigt, aber während des Krieges war es unmöglich, etwas zu unternehmen.

Am selben Morgen wurden etwa 500 weitere Kosovo-Albaner in Haivalja festgenommen. Die Männer wurden zu einem Sammelpunkt an der Autowaschanlage an der Strasse nach Prishtina gebracht und von dort auf verschiedene Gefängnisse verteilt. Als die Serben mit Abschluss des Friedensabkommens zwischen Belgrad und der NATO mit dem Rückzug begannen und KFOR-Truppen in den Kosovo einrückten, gelangte einigen dieser Gefangenen die Flucht. Vadil Garci, der mit seinen Eltern, Grosseltern und beiden Brüdern einen bescheidenen Bauernhof am anderen Ende des Ortes betreibt, war von der Waschanlage in einem Wagen der serbischen Armee in den Nachbarort Gracanica gefahren worden. Auf der dortigen Polizeistation wurde er als erstes ohne besonderen Anlass verprügelt. Noch am selben Tag schaffte man ihn in eine Tiefgarage in Prishtina, in der ein provisorisches Gefängnis eingerichtet worden war, nachdem die NATO das Polizeigebäude zerbombt hatte. Dort waren es Soldaten der serbischen Armee, die die ankommenden Gefangenen erst einmal mit Tritten und Gewehrkolben malträtierten. Am nächsten Tag transportierte man ihn schliesslich in das Gefängnis in Lipijana. "Dort steckte man mich für neun Tage in eine Zelle. Es gab nur ein wenig Brot und Wasser", erinnert sich Garci. "In den ersten vier Tagen haben sie mich jeden Tag aus der Zelle geholt und zusammengeschlagen. Aber dann haben sie wohl das Interesse daran verloren." Schliesslich eröffnete man ihm, dass er für einen Monat festgenommen sei und er während dieser Zeit zu arbeiten habe. Die Arbeit bestand darin, Kühlschränke, Fernseher, Stereoanlagen, Videorekorder und andere von der albanischen Bevölkerung gestohlenen Wertgegenstände auf LKWs der Armee zum Abtransport nach Serbien zu verladen. In den Wirren des Rückzuges gelang Garci und drei weiteren Gefangenen aus seinem Heimatdorf schliesslich die Flucht. Gesehen hat er Halil Matoshi aber auf den verschiedenen Stationen seiner Tortur nicht.

Als ihr die Lage sicher genug erschien, fuhr Iliriana Ende Juni zum Gefängnis nach Lipijana, um selbst nach Halil zu suchen. Das Gefängnis war aber leer. "Ein alter Mann, ein Albaner, kam auf mich zu, und fragte, wonach ich suche", erzählt sie. "Er sagte, alle Gefangenen seien von den Serben mit nach Serbien genommen worden."

Zum Teil unter den Augen der einrückenden KFOR-Truppen hatten die abziehenden Serben tausende Kosovo-Albaner, die wie Halil Matoshi willkürlich festgenommen worden waren, mit nach Serbien genommen. Die genaue Zahl dieser Gefangenen ist nicht bekannt. Im Juli veröffentlichte die Regierung in Belgrad eine Liste mit 2071 Namen, aber sehr bald stellte sich heraus, dass diese Liste unvollständig ist. Geschätzt wird deshalb, dass die tatsächliche Zahl über 5.000 liegt.

In der militärischen Vereinbarung zwischen der NATO und den Vertretern der jugoslawischen Armee vom 9. Juli, mit der die Kampfhandlungen beendet wurden, wird das Schicksal dieser Gefangenen nicht erwähnt. Die NATO hatte diesen Punkt schlicht vergessen oder er war ihr nicht wichtig genug.

Es dauerte fast zwei Monate, bis die Familie neue Nachrichten über Halil erfuhren. Vereinzelt kehrten albanische Gefangene aus Serbien zurück und erzählten, wen sie gesehen und mit wem sie zusammen gewesen waren. Einer der Namen, der genannt wurde, war auch Matoshi. Dies war eine gute Nachricht, denn Halil lebte offenbar noch und wurde in einem serbischen Gefängnis festgehalten. Unklar war allerdings, in welchem Gefängnis er steckte und was er zu erwarten hatte.

Die Familie und der Herausgeber der Zeitschrift Zeri, für die Matoshi geschrieben hatte, beauftragten Dr. Hysni Bytyqi, einen Rechtsanwalt in Belgrad, mit der Suche. Bytyci vertritt mehr als hundert Kosovo-Albaner, die sich in Serbien in Gefangenschaft befinden. Durch seine Kontakte zu Justizbeamten gelang es ihm, Matoshi im Gefängnis in Pozarevac aufzuspüren.

"Als ich Herrn Matoshi das erste Mal besuchte, machte er einen ganz verlorenen Eindruck. Er machte sich Sorgen um seine Familie. Er wusste ja nicht, wie sie den Krieg überlebt hatten", erzählt Dr. Bytyqi. "Als ich ihm sagte, seine Familie sei unversehrt und gesund, wirkte das wie eine Injektion auf ihn. Man konnte richtig sehen, wie ihn das aufrichtete."

Obwohl es für Kosovo-Albaner gefährlich ist, nach Serbien zu reisen, gelang es auch Iliriana, Halil im Gefängnis zu besuchen. "Das ganze musste generalstabsmässig geplant werden", berichtet ihre Schwager Dardan Gashi. Er hält den Kontakt mit der Aussenwelt, weil er im immer noch desolaten Leitungsnetz im Kosovo telefonisch erreichbar ist. "Es musste ein Albaner gefunden werden, der serbische Papiere besitzt und bereit war, Iliriana an möglichen Polizeikontrollen vorbei nach Pozarevac zu schleusen." Auf dem Hinweg ging alles gut. Auf der Rückfahrt wurden sie von einem serbischen Polizisten kontrolliert, der aber bereit war, sie passieren zu lassen. Ein kleiner Beitrag zur Aufbesserung seines kärglichen Polizistengehaltes half ihm, sich über seine Bedenken hinwegzusetzen.

Zweitausend DM kostete die eintägige Reise - für eine Familie im Kosovo, die seit April praktisch ohne Einkommen ist, eine immense Summe. Der geringste Teil entfiel davon auf die Busfahrt von Prishtina zur serbischen Grenze. Den grössten Batzen steckten die Gefängnisbeamten ein, bevor sie bereit waren, die Zellentür zu öffnen.

"Nach seinen Informationen ist er anfangs relativ brutal behandelt worden", sagt Schwager Dardan. "Es gab Tritte und Schläge, aber mit der Zeit hat das Interesse abgenommen, sie zu misshandeln." Das grösste Problem für die Gefangenen bestehe zur Zeit darin, dass sie keine Ersatzkleidung besitzen und immer noch ihre leichte Sommerkleidung tragen, die sie bei der Verhaftung anhatten. Mit dem hereinbrechenden Winter sei es aber in den Zellen bitterkalt. Aufgrund der Sanktionen sind Öl und Gas in Serbien knapp, und Gefängnisse rangieren an letzter Stelle bei der Energieversorgung.

Nach Kenntnis von Dr. Bytyqi existiert keine offizielle Anklageschrift gegen Halil Matoshi. Inoffiziell wird ihm vorgeworfen, in terroristische Aktivitäten verwickelt zu sein. Aus Sicht Belgrads ist UCK, die bewaffnete Befreiungsbewegung des Kosovo, eine Terrororganisation. Konkrete Beweise für eine Verbindung Matoshis zur UCK existieren aber nicht. "Solche Beschuldigungen sind bei den Albanern, die während der Kämpfe im Kosovo und während der NATO Bombardierungen festgenommen wurden, üblich", weiss Dr. Bytyqi. Aber auch nach serbischen Recht darf ein Beschuldigter ohne formale Anklage nicht endlos festgehalten werden. "Nach einem Erlass des Innenministeriums dürfen Gefangene nicht länger als dreissig Tage inhaftiert werden. Dann müssen sie der Justiz vorgeführt werden. Das wurde bei Herrn Matoshi bislang nicht gemacht. Warum nicht, wissen nur die Behörden."

Alle Versuche, mit Hinweis auf die Rechtslage Halil Matoshi frei zu bekommen, waren bislang vergeblich. Über Mittelsmänner haben die serbischen Justizbehörden der Familie aber ausrichten lassen, dass sich eine schnelle Entlassung arrangieren lasse. Der Preis: rund 45.000 DM. Ungewöhnlich ist eine solche Forderung nicht. In Prishtina spricht man offen darüber, dass es möglich ist, gegen eine entsprechende Summe Gefangene aus Serbien freizukaufen.

Die Familie hat lange darüber beraten, ob sie sich dieser Erpressung beugen soll. Vor die Wahl zwischen einer ungewissen Zukunft oder sofortiger Freiheit für Halil gestellt, entschied sie, es zumindest zu versuchen. Aber 45.000 DM ist ein Betrag, der weit jenseits ihrer Möglichkeiten liegt. Einen Teil wollte Zeri beisteuern, obwohl die Zeitschrift selbst finanziell um ihr Überleben kämpft. Den Rest, so Matoshis Schwager, versuchte man Matoshis Kollegen und bei Hilfsorganisationen aufzutreiben. Aber ohne Erfolg. "Die Hilfsorganisationen waren dazu nicht bereit. Damit würde man ein solches Kidnapping nur unterstützen und den Leuten schaden, die noch in Serbien im Gefängnis sitzen."

Derzeit bemüht sich die Familie darum, die Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen für Halil Matoshi zu gewinnen. "Es gibt auch einige Organisationen in Serbien, die zu helfen versuchen." Dardan Gashi ist eher skeptisch, ob sich das Milosevic Regime durch Druck von aussen zu einer Freilassung der Gefangenen bewegen lassen wird. Bislang haben bis auf die USA die westlichen Regierungen öffentlich wenig in dieser Frage unternommen, aber Gashi hofft, "dass zumindest Halils Leben nicht mehr in Gefahr ist, wenn man in Belgrad weiss, dass es Leute gibt, die sich für sein Schicksal interessieren."

(November 1999)

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Am 9. Oktober berichtete Peter Finn für die Washington Post über den Freikauf von albanischen Gefangenen aus serbischen Gefängnissen ("Jailed Albanians Walk for a Fee").

Die Kosovo Humanitarian Aid Organization organisiert eine internationale Kampagne für die Freilassung der Gefangenen aus serbischen Gefängnissen.

Reporter ohne Grenzen setzt sich weltweit für verfolgte und inhaftierte Journalisten ein.

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