Halil Matoshi ist Maler, Schriftsteller und einer der wenigen
freien Journalisten im Kosovo. Seine Gedichte und Kurzgeschichten
setzen sich vor allem mit den Erfahrungen auseinander, als Albaner
inmitten eines unerklärten Krieges der Serben gegen die Mehrheit
in seiner Heimat zu leben. Bei der Wochenzeitschrift Zeri ist
er als ein Autor bekannt, der zu Kunst, Kultur und Politik eine
unabhängige Sichtweise besass.
Heute sitzt er wie tausende anderer Kosvo-Albaner in einem Gefängnis
in Serbien. Vorgeworfen wird ihm, sich an terroristischen Aktivitäten
beteiligt zu haben. Eine offizielle Anklageschrift existiert allerdings
nicht und von einem Prozesstermin oder auch nur einer Haftprüfung
durch einen Richter ist nichts bekannt.
Matoshi wurde am 21. Mai dieses Jahres in seinem Haus in Haivalja,
einem kleinen Dorf vier Kilometer ausserhalb von Prishtina, festgenommen.
Mit Beginn der NATO Bombardierung hatte er wie die anderen Kosovo-Albaner
des Ortes das Haus aus Angst nicht mehr verlassen, in die Hände
der serbischen Sicherheitskräfte zu geraten. Aber am frühen Morgen
dieses Freitages stand eine Gruppe von sechs oder sieben Männern
vor dem Metalltor am Eingang zu dem Grundstück. Zwei waren Polizisten,
zwei andere trugen die Uniform der serbischen Armee. Matoshi schlief
noch. Seine Lebensgefährtin Iliriana öffnete verängstigt die Tür.
"Die Männer stürmten ohne viele Worte ins Haus und holten Halil
aus dem Bett." erinnert sich Iliriana an den Überfall. Mit dem
barschen Gehabe von Männern, die keine Lust haben, sich an der
Nase herumführen zu lassen, forderten die Polizisten ihr überraschtes
Opfer auf, ihnen zu sagen, wo er seine Waffen verstecke. "Sie
stellten ihn an die Wand und einer der Männer suchten ihn nach
Waffen ab. Als ob er mit einer Pistole im Schlafanzug zu Bett
gegangen wäre."
Matoshi hatte keine Waffen und die Gruppe machte sich wenig Mühe,
nach einem möglichen Versteck im Haus zu suchen. Sie forderten
Matoshi auf, sich anzuziehen, und nahmen ihn ohne weitere Begründung
mit.
Verlegen hielt sich Dean Milatovic, einer der Zivilisten, bei
dieser Festnahme ein wenig abseits. Milatovic lebte im Haus seiner
Eltern nur knapp hundert Meter die unbefestigte Strasse hinauf
und arbeitete für den Nationalen Sicherheitsdienst, eine Art serbischer
Verfassungsschutz. In Haivalja kennt jeder jeden und wenn auch
Freundschaften zwischen Serben und Albanern selten waren, so respektierte
man sich doch gegenseitig. Am späten Nachmittag kam Milatovic
noch einmal zurück und versuchte Iliriana zu beruhigen. "Halil
wird nichts passieren", versicherte er Iliriana. Matoshi sei in
das Gefängnis nach Lipijana gebracht worden und nach einem, spätestens
anderthalb Monaten werde er wieder entlassen. Das war das letzte,
was Iliriana von ihrem Mann hörte. Nach allem, was sie über die
Folterungen und Exekutionen von Albanern durch die serbischen
Sicherheitskräfte gehört hatte, war sie alles andere als beruhigt,
aber während des Krieges war es unmöglich, etwas zu unternehmen.
Am selben Morgen wurden etwa 500 weitere Kosovo-Albaner in Haivalja
festgenommen. Die Männer wurden zu einem Sammelpunkt an der Autowaschanlage
an der Strasse nach Prishtina gebracht und von dort auf verschiedene
Gefängnisse verteilt. Als die Serben mit Abschluss des Friedensabkommens
zwischen Belgrad und der NATO mit dem Rückzug begannen und KFOR-Truppen
in den Kosovo einrückten, gelangte einigen dieser Gefangenen die
Flucht. Vadil Garci, der mit seinen Eltern, Grosseltern und beiden
Brüdern einen bescheidenen Bauernhof am anderen Ende des Ortes
betreibt, war von der Waschanlage in einem Wagen der serbischen
Armee in den Nachbarort Gracanica gefahren worden. Auf der dortigen
Polizeistation wurde er als erstes ohne besonderen Anlass verprügelt.
Noch am selben Tag schaffte man ihn in eine Tiefgarage in Prishtina,
in der ein provisorisches Gefängnis eingerichtet worden war, nachdem
die NATO das Polizeigebäude zerbombt hatte. Dort waren es Soldaten
der serbischen Armee, die die ankommenden Gefangenen erst einmal
mit Tritten und Gewehrkolben malträtierten. Am nächsten Tag transportierte
man ihn schliesslich in das Gefängnis in Lipijana. "Dort steckte
man mich für neun Tage in eine Zelle. Es gab nur ein wenig Brot
und Wasser", erinnert sich Garci. "In den ersten vier Tagen haben
sie mich jeden Tag aus der Zelle geholt und zusammengeschlagen.
Aber dann haben sie wohl das Interesse daran verloren." Schliesslich
eröffnete man ihm, dass er für einen Monat festgenommen sei und
er während dieser Zeit zu arbeiten habe. Die Arbeit bestand darin,
Kühlschränke, Fernseher, Stereoanlagen, Videorekorder und andere
von der albanischen Bevölkerung gestohlenen Wertgegenstände auf
LKWs der Armee zum Abtransport nach Serbien zu verladen. In den
Wirren des Rückzuges gelang Garci und drei weiteren Gefangenen
aus seinem Heimatdorf schliesslich die Flucht. Gesehen hat er
Halil Matoshi aber auf den verschiedenen Stationen seiner Tortur
nicht.
Als ihr die Lage sicher genug erschien, fuhr Iliriana Ende Juni
zum Gefängnis nach Lipijana, um selbst nach Halil zu suchen. Das
Gefängnis war aber leer. "Ein alter Mann, ein Albaner, kam auf
mich zu, und fragte, wonach ich suche", erzählt sie. "Er sagte,
alle Gefangenen seien von den Serben mit nach Serbien genommen
worden."
Zum Teil unter den Augen der einrückenden KFOR-Truppen hatten
die abziehenden Serben tausende Kosovo-Albaner, die wie Halil
Matoshi willkürlich festgenommen worden waren, mit nach Serbien
genommen. Die genaue Zahl dieser Gefangenen ist nicht bekannt.
Im Juli veröffentlichte die Regierung in Belgrad eine Liste mit
2071 Namen, aber sehr bald stellte sich heraus, dass diese Liste
unvollständig ist. Geschätzt wird deshalb, dass die tatsächliche
Zahl über 5.000 liegt.
In der militärischen Vereinbarung zwischen der NATO und den Vertretern
der jugoslawischen Armee vom 9. Juli, mit der die Kampfhandlungen
beendet wurden, wird das Schicksal dieser Gefangenen nicht erwähnt.
Die NATO hatte diesen Punkt schlicht vergessen oder er war ihr
nicht wichtig genug.
Es dauerte fast zwei Monate, bis die Familie neue Nachrichten
über Halil erfuhren. Vereinzelt kehrten albanische Gefangene aus
Serbien zurück und erzählten, wen sie gesehen und mit wem sie
zusammen gewesen waren. Einer der Namen, der genannt wurde, war
auch Matoshi. Dies war eine gute Nachricht, denn Halil lebte offenbar
noch und wurde in einem serbischen Gefängnis festgehalten. Unklar
war allerdings, in welchem Gefängnis er steckte und was er zu
erwarten hatte.
Die Familie und der Herausgeber der Zeitschrift Zeri, für die
Matoshi geschrieben hatte, beauftragten Dr. Hysni Bytyqi, einen
Rechtsanwalt in Belgrad, mit der Suche. Bytyci vertritt mehr als
hundert Kosovo-Albaner, die sich in Serbien in Gefangenschaft
befinden. Durch seine Kontakte zu Justizbeamten gelang es ihm,
Matoshi im Gefängnis in Pozarevac aufzuspüren.
"Als ich Herrn Matoshi das erste Mal besuchte, machte er einen
ganz verlorenen Eindruck. Er machte sich Sorgen um seine Familie.
Er wusste ja nicht, wie sie den Krieg überlebt hatten", erzählt
Dr. Bytyqi. "Als ich ihm sagte, seine Familie sei unversehrt und
gesund, wirkte das wie eine Injektion auf ihn. Man konnte richtig
sehen, wie ihn das aufrichtete."
Obwohl es für Kosovo-Albaner gefährlich ist, nach Serbien zu reisen,
gelang es auch Iliriana, Halil im Gefängnis zu besuchen. "Das
ganze musste generalstabsmässig geplant werden", berichtet ihre
Schwager Dardan Gashi. Er hält den Kontakt mit der Aussenwelt,
weil er im immer noch desolaten Leitungsnetz im Kosovo telefonisch
erreichbar ist. "Es musste ein Albaner gefunden werden, der serbische
Papiere besitzt und bereit war, Iliriana an möglichen Polizeikontrollen
vorbei nach Pozarevac zu schleusen." Auf dem Hinweg ging alles
gut. Auf der Rückfahrt wurden sie von einem serbischen Polizisten
kontrolliert, der aber bereit war, sie passieren zu lassen. Ein
kleiner Beitrag zur Aufbesserung seines kärglichen Polizistengehaltes
half ihm, sich über seine Bedenken hinwegzusetzen.
Zweitausend DM kostete die eintägige Reise - für eine Familie
im Kosovo, die seit April praktisch ohne Einkommen ist, eine immense
Summe. Der geringste Teil entfiel davon auf die Busfahrt von Prishtina
zur serbischen Grenze. Den grössten Batzen steckten die Gefängnisbeamten
ein, bevor sie bereit waren, die Zellentür zu öffnen.
"Nach seinen Informationen ist er anfangs relativ brutal behandelt
worden", sagt Schwager Dardan. "Es gab Tritte und Schläge, aber
mit der Zeit hat das Interesse abgenommen, sie zu misshandeln."
Das grösste Problem für die Gefangenen bestehe zur Zeit darin,
dass sie keine Ersatzkleidung besitzen und immer noch ihre leichte
Sommerkleidung tragen, die sie bei der Verhaftung anhatten. Mit
dem hereinbrechenden Winter sei es aber in den Zellen bitterkalt.
Aufgrund der Sanktionen sind Öl und Gas in Serbien knapp, und
Gefängnisse rangieren an letzter Stelle bei der Energieversorgung.
Nach Kenntnis von Dr. Bytyqi existiert keine offizielle Anklageschrift
gegen Halil Matoshi. Inoffiziell wird ihm vorgeworfen, in terroristische
Aktivitäten verwickelt zu sein. Aus Sicht Belgrads ist UCK, die
bewaffnete Befreiungsbewegung des Kosovo, eine Terrororganisation.
Konkrete Beweise für eine Verbindung Matoshis zur UCK existieren
aber nicht. "Solche Beschuldigungen sind bei den Albanern, die
während der Kämpfe im Kosovo und während der NATO Bombardierungen
festgenommen wurden, üblich", weiss Dr. Bytyqi. Aber auch nach
serbischen Recht darf ein Beschuldigter ohne formale Anklage nicht
endlos festgehalten werden. "Nach einem Erlass des Innenministeriums
dürfen Gefangene nicht länger als dreissig Tage inhaftiert werden.
Dann müssen sie der Justiz vorgeführt werden. Das wurde bei Herrn
Matoshi bislang nicht gemacht. Warum nicht, wissen nur die Behörden."
Alle Versuche, mit Hinweis auf die Rechtslage Halil Matoshi frei
zu bekommen, waren bislang vergeblich. Über Mittelsmänner haben
die serbischen Justizbehörden der Familie aber ausrichten lassen,
dass sich eine schnelle Entlassung arrangieren lasse. Der Preis:
rund 45.000 DM. Ungewöhnlich ist eine solche Forderung nicht.
In Prishtina spricht man offen darüber, dass es möglich ist, gegen
eine entsprechende Summe Gefangene aus Serbien freizukaufen.
Die Familie hat lange darüber beraten, ob sie sich dieser Erpressung
beugen soll. Vor die Wahl zwischen einer ungewissen Zukunft oder
sofortiger Freiheit für Halil gestellt, entschied sie, es zumindest
zu versuchen. Aber 45.000 DM ist ein Betrag, der weit jenseits
ihrer Möglichkeiten liegt. Einen Teil wollte Zeri beisteuern,
obwohl die Zeitschrift selbst finanziell um ihr Überleben kämpft.
Den Rest, so Matoshis Schwager, versuchte man Matoshis Kollegen
und bei Hilfsorganisationen aufzutreiben. Aber ohne Erfolg. "Die
Hilfsorganisationen waren dazu nicht bereit. Damit würde man ein
solches Kidnapping nur unterstützen und den Leuten schaden, die
noch in Serbien im Gefängnis sitzen."
Derzeit bemüht sich die Familie darum, die Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen
für Halil Matoshi zu gewinnen. "Es gibt auch einige Organisationen
in Serbien, die zu helfen versuchen." Dardan Gashi ist eher skeptisch,
ob sich das Milosevic Regime durch Druck von aussen zu einer Freilassung
der Gefangenen bewegen lassen wird. Bislang haben bis auf die
USA die westlichen Regierungen öffentlich wenig in dieser Frage
unternommen, aber Gashi hofft, "dass zumindest Halils Leben nicht
mehr in Gefahr ist, wenn man in Belgrad weiss, dass es Leute gibt,
die sich für sein Schicksal interessieren."
(November 1999)