Iran: Gespräche mit dem Großen Satan / 1

31. März 2006


Die iranische Seite hatte sich Zeit, sehr viel Zeit gelassen, bis sie auf das Angebot öffentlich einging. Um es Teheran ein wenig leichter zu machen, wurde Abdul Aziz al-Hakim, der Führer des Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq (SCIRI) zum Boten. Al-Hakim vertritt nicht nur den stärksten schiitischen Block im Irak, sondern lebte als Saddam Hussein noch an der Macht war lange Jahre im Iran und besitzt weiterhin ausgezeichnete Beziehungen nach Teheran. In einer Rede in einem irakischen TV-Sender bat er die iranische Führung, in direkten Gesprächen mit den Amerikanern eine konstruktive Rolle zur Sicherung der Stabilität des Iraks zu übernehmen. Die Sendung sorgte nicht weiter für Aufsehen, aber eine Woche später erklärte Ali Larijani, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates des Irans und gleichzeitig Chef-Unterhändler in der Atomfrage, am Rande einer Sitzung des Parlaments, ja, wir nehmen an: „Wir akzeptieren den Vorschlag von Herrn Hakim, bei der Lösung der Probleme des Iraks zu helfen.”

Diese Aussage sorgte im wie außerhalb des Irans für Überraschung wie Erstaunen. Der Ausdruck „historische Wende“ ist in diesem Kontext durchaus angebracht, denn seit dem Januar 1981, als man in Algier die Bedingungen der Freilassung der 66 amerikanischen Geiseln aus der Botschaft in Teheran aushandelte, hatte man nicht mehr direkt miteinander geredet.

Ein Tabu war damit innerhalb des Irans gebrochen worden. Es ist kaum mehr als fünf Jahre her, da wurde einem ehemaligen Minister der Prozess gemacht, weil er sich für direkte Beziehungen mit den USA ausgesprochen hatte. Zwei Meinungsforscher landeten im Gefängnis, weil sie herausgefunden hatten, dass die Mehrheit der iranischen Bevölkerung eine Verbesserung der Beziehungen zwischen beiden Staaten unterstützt und dies auch noch veröffentlich hatten.

Die Feindschaft zu Washington gehört zum Vermächtnis von Revolutionsführer Ayatollah Ruholla Khomeini und bildet eine der Säulen der Identität der Islamischen Republik. Die Revolution im Jahr 1979 richtete sich weniger gegen den Schah, sondern Reza Pahlevi galt als nichts anderes als eine Marionette, derer sich der „Große Satan“ bediente, um das Land unter Kontrolle zu halten und ausplündern zu können.

Aber die USA galten nicht nur als Kolonialmacht, sondern der American Way of Life symbolisierte für die revolutionären Kleriker auch all das, wogegen sie sich mit ihrer neuen islamischen Gesellschaft abgrenzen wollten: Materialismus, moralische Korruption und Verfall der Sitten. Amerikanische Kinofilme waren ihnen ebenso verhasst, wie Whisky, leichtbekleidete Frauen und das Streben nach materiellem Wohlstand.

In den Jahren nach der Revolution diente das Feinbild von der „arroganten Macht“, die an Bösartigkeit nur mit den „Zionisten“ in Israel zu vergleichen ist, gleichzeitig dazu, von den eigenen Fehlern und Versäumnissen abzulenken. Die schleppende wirtschaftliche Entwicklung wurde den Machenschaften der „amerikanischen Imperialisten“ angekreidet, jeder Aufstand und Protest innerhalb des Landes als Werk Washingtons diskreditiert.

Die USA taten das ihre, um dieses Feindbild nicht verblassen zu lassen. Gedemütigt und erzürnt von der Besetzung ihrer Botschaft in Teheran, brachen sie alle Beziehungen ab. Sie versuchten den Iran politisch zu isolieren und wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Als der Überfall Saddam Husseins auf sein Nachbarland schief ging und die irakischen Truppen in die Defensive gerieten, half Washington dem Diktator mit Waffen und Satellitenaufnahmen der iranischen Stellungen. Die USA wurden nicht müde, den Iran als „weltweit größten Sponsor des Terrorismus“ zu geißeln und Präsident George W. Bush erklärte Teheran zum Mitglied der „Achse des Bösen“.

Das amerikanische Angebot, trotz allem doch über die Situation im Irak miteinander zu reden, existierte schon länger. Im Oktober letzten Jahres erklärte US-Außenministerin Condoleezza Rice in einer Anhörung vor dem auswärtigen Ausschuss des Senats, dass geprüft werde, ob es sinnvoll sei, direkte Gespräche mit dem Iran zu führen. Solche Kontakte sollten sich aber ausschließlich auf die Botschafterebene und auf das Thema Irak beschränken.

Miteinander geredet wurde auch schon zuvor, allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit und zum Teil über Dritte. Rice wollte mit diesem Hinweis offensichtlich auch die Stimmung im eigenen Lande testen. Kontakte zum Iran sind in den USA zwar kein unbedingtes Tabu, aber jede Regierung, die diese Beziehung offiziell wieder aufleben lässt, wird sich den Angriffen der Falken ausgesetzt sehen, eine Politik des „appeasement“ gegenüber einem der ärgsten Kontrahenten im Kampf gegen den Terrorismus zu betreiben.

Der US-Außenministerin mag diese Ankündigung nicht leicht gefallen sein, denn implizit gesteht sie damit ein, was zwar für jedermann erkennbar, vom Weißen Haus aber abgestritten wird: Die USA stecken im Irak in einer tiefen Krise und sind zumindest auf die Kooperation, wenn nicht sogar auf die Unterstützung des Irans angewiesen.

Teheran hat von allen Nachbarländern gleich aus mehreren Gründen einen weitreichenden Einfluss im Irak. Die historischen Wurzeln reichen weit vor die Zeit zurück, als die britische Kolonialmacht nach Zerfall des Osmanischen Reiches mit einer Linie auf der Landkarte den heutigen Irak schuf. Perser spielten ...>

 

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© Martin Ebbing 2006