Iran: Irans Rechnung - das iranische Atomprogramm

12. April 2005


Eines der populärsten Argumente der Kritiker eines iranischen Atomprogramms sind die Energievorräte, über die Teheran verfügt. „Die sitzen auf schrecklich viel Öl und Gas“, äußerte erst jüngst Vize-Präsident Dick Cheney erneut seine Bedenken. „Niemand kann verstehen, warum sie auch noch Atom brauchen, um Energie zu erzeugen.“

Der Iran besitzt nachgewiesene Rohölvorkommen von 125 Milliarden Barrel – rund 10 Prozent der weltweit bekannten Vorkommen. Die Gasvorräte des Landes sind sogar hinter Russland die zweitgrößten der Welt.

Den wachsenden Energiebedarf im eigenen Land aus den eigenen Vorräten an Gas und Öl befriedigen zu wollen, widerspricht nach den Worten von Dr. Ali Akbar Salehi allen Grundsätzen einer seriösen Energiepolitik. Salehi war Direktor der Sharif Universität in Teheran und früh als wissenschaftlicher Berater an der Entwicklung des iranischen Atomprogramms beteiligt. Von 2000 bis März 2004 war er Botschafter des Irans bei der Internationalen Atomenergiebehörde in Wien. Seither lehrt er in Teheran Energie Management und berät die Regierung in Energiefragen.

„Jedes Land versucht aus Sicherheitsgründen, seine Energiequellen zu streuen. Man setzt nicht alles auf ein Pferd.“ erläuterte Salehi in einem längeren Gespräch (der vollständige Text des Interviews hier) und verweist auf andere Länder, die ebenfalls über reichhaltige Vorräte an Öl und Gas verfügen, dennoch aber ein Atomprogramm betreiben. „Russland ist hinter Saudi Arabien der zweitgrößte Erdölexporteur, aber 30 bis 35 Prozent seiner Energie kommt aus nuklearen Quellen. Amerika selbst besitzt reichhaltige fossile Energievorräte. Es hat eine Menge Öl in Alaska, es hat eine Menge Ölfelder, die noch nicht erschlossen sind. Es hat eine Menge Kohle. Dennoch produzieren sie pro Jahr 120.000 MW an Atomenergie. Mexiko ist ein anderes Beispiel.“

Sicherheitspolitische Überlegungen sind nach Auffassung von Dr. Salehi aber nur der eine Grund, der für ein iranisches Atomprogramm. Wichtiger sind vielleicht noch wirtschaftliche Erwägungen.

„Sie können auf jede beliebige Internetseite zum Thema Energie schauen und überprüfen, wie hoch ist der Preis von nuklearer Energie gegenüber fossiler Energie. In den Vereinigten Staaten kostet nukleare Energie pro kW/h 1,7 Cents, während Gas, also fossile Energie, ungefähr 4 Cent pro kW/h kostet. Das heißt, in den Vereinigten Staaten kostet nukleare Energie ungefähr halb so viel wie fossile Energie.“

Der Iran hat ähnliche Kalkulationen durchgeführt. Dabei, so räumt Dr. Salehi ein, kommt es darauf an, zu welchem Preis das einheimische Öl und Gas angesetzt. Die iranische Industrie erhält die Brennstoffe aufgrund staatlicher Subventionen nahezu kostenlos. „Wenn wir diesen Preis von fast Null Cent ansetzen, dann wird natürlich die fossile Energie wettbewerbsfähig, aber wenn man einen Preis für die fossile Energie ansetzt, ändert sich das ganze Bild. Setzt man den internationalen Preis an, dann verändert sich das Bild vollkommen zum Vorteil der nuklearen Energie, so wie in den Vereinigten Staaten.“

Wirtschaftlich sinnvoll ist es, zumindest den realen Preis den Berechnungen zu Grunde zu legen. Wenn nukleare Energie billiger als fossile Energie ist, dann ist es für den Iran profitabler, sein Gas und Öl zu verkaufen und den eigenen Energiebedarf aus Atomreaktoren zu decken.

Dr. Salehi verweist darauf, dass solche Kalkulationen nicht allein von iranischen Experten gestützt werden. „Zu Zeiten des Schahs haben amerikanische Wissenschaftler basierend auf wissenschaftlichen Studien dem Iran empfohlen, 23.000 MW an nuklearer Energie zu bauen. Das würde 23 Bushehr Nuklearreaktoren bedeuten.“ Nach der Revolution wurden diese Pläne gestoppt. Der Iran plant jetzt, 7.000 MW durch atomare Energie zu produzieren. Ende dieses Jahres soll der zivile Reaktor in Bushehr, der mit russischer Unterstützung gebaut wurde und eine Leistung von 1.000 MW haben wird, in Betrieb gehen.

Dr. Saheli konnte die amerikanischen Studien, auf die er sich bezieht, nicht zugänglich machen, aber in den letzten Wochen wurde interne Dokumente aus der Regierungszeit von US Präsident Gerald Ford bekannt, die belegen, dass die amerikanische Regierung dem damaligen Schah zum Aufbau einer eigenen Nuklearindustrie geraten haben. Der Ratschlag war nicht ganz uneigennützig, denn allein die Firma Westinghouse sollte mit einem Auftrag von 6,4 Milliarden USD an einem solchen Projekt beteiligt werden.

Nach Angaben von Dr. Saheli gehören auch Wasser- und Windkraft sowie Solarenergie zu den Energieträgern, die ebenfalls vom Iran mit in die „Energiemischung“ aufgenommen werden, keine dieser drei Alternativen könne die Atomkraft allerdings vollwertig ersetzen.

„Wir investieren auch sehr viel in Wasserkraft.“, so Dr. Saheli. „Das maximale Potential für Wasserkraft im Iran, denn wir verfügen nicht über reichhaltige Ressourcen an Wasser, ist 13.000 MW.“ Der Iran liegt weltweit hinter China und der Türkei an dritter Stelle beim Bau von neuen Wasserkraftwerken. Die Leistung von 13.000 MW wäre aber nur unter optimalen Voraussetzungen zu erreichen, beispielsweise wenn das Wasser nicht zur Bewässerung in der Landwirtschaft eingesetzt wird. Geplant wird deshalb mit einer Kapazität von 10.000 MW, die in fünf Jahren erreicht werden soll, aber auch dann nur etwa ein Fünftel des Energiebedarfs ausmachen würde.

Im Mai letzten Jahres ging in Binaloud in der Provinz Khorasan eine Windkraftanlage in Betrieb und für das Jahr 2009 ist in der Nähe von Yazd eine Solaranlage geplant, aber Dr. Saheli sieht den Nutzungsgrad von Wind und Sonne als nicht ausreichend an. „Keine anderen Energiequellen, sei es Windenergie, Solar oder Wasserkraft kann im Hinblick auf den Nutzungsgrad mit fossilen oder atomaren Kraftwerken konkurrieren. Vor allem Nuklearkraftwerke haben zur Erzeugung von Elektrizität den höchsten Grad der Leistungsausnutzung.“

Neben dem direkten Beitrag zur Energieversorgung sieht Dr. Saheli einen zweiten gewichtigen Vorteil in der Nukleartechnologie. Sie könnte seiner Ansicht nach eine Art Katalysator für den technologischen Fortschritt in anderen Industriebereichen werden. „Um die Grundlagen für die nukleare Technologie zu legen und sie weiterzuentwickeln muss man seine industrielle Infrastruktur verbessern. Im nuklearen Bereich hat man es mit den höchsten Temperaturen, den höchsten Drucken, den höchsten Materialeigenschaften zu tun. Wenn man die nukleare Technologie beherrscht, bedeutet das, dass man in einer sehr guten Position ist, die anderen industriellen Bereiche zu entwickeln. Sie haben die höchsten Standards in Angriff genommen, deshalb sind die niedrigeren Standards viel einfacher in den Griff zu bekommen.“

Zudem sei es notwendig, nicht den Anschluss an zukünftige, verbesserte Technologie zu verpassen. In etwa 30 Jahren werde eine neue Generation von atomarer Energie zur Verfügung stehen, die nicht auf Kernspaltung (Fission) sondern auf Kernfusion (Fusion) beruhe, sagt Dr. Saheli voraus. „Wenn der Iran jetzt bei der Fission Technologie abseits steht, wird die Fusion Technologie wenn sie in 30 Jahren kommt chinesisch klingen. Wir werden absolut keine Kenntnisse davon haben, aber wenn es uns gelingt, die Fission Technologie zu entwickeln, werden wir über genug Ingenieure und über eine ausreichend wissenschaftliche wie industrielle Infrastruktur verfügen, um in der Lage zu sein, die nächste Generation der nuklearen Technologie aufzunehmen.“

Der Grund warum der Iran auf eine eigene Anreicherung für Uran bestehe, sei vor allem in der jüngsten Geschichte zu suchen. „Wir haben in den letzten 25 Jahren gesehen, wenn der Westen ein Projekt stoppen will, das er mit dem Iran vereinbart, dann tut er es einfach. Beispielsweise Bushehr. Wir haben die Deutschen gebeten weiterzuarbeiten, aber sie sind nicht mehr gekommen.“ Das Risiko sei zu groß, dass der Iran Milliarden in die Entwicklung seiner Atomenergie stecke, um dann plötzlich ohne Brennstoff dazustehen. „Es wäre wie ein Auto ohne Benzin.“

Die im Bau befindliche Anreicherungsanlage sei zudem ein Verhandlungsvorteil. Natanz sei mit seinen 50.000 Zentrifugen so angelegt, dass es jährlich nicht mehr angereichertes Uran produziert als für den Betrieb eines zivilen Reaktor notwendig ist. Nach seinem Stand der Kenntnisse, so Dr. Saheli, plane die iranische Regierung derzeit keinen Ausbau oder eine zweite Anlage. In Verhandlungen mit potentiellen Lieferanten von Brennstäben, habe man Natanz aber in der Rückhand. „Wir können den westlichen Ländern oder dem Ostblock sagen, wenn ihr den Brennstoff nicht liefern wollt, liefern wir ihn selbst, obwohl es länger dauern könnte.“

 

HINWEIS: Zur aktuellen Entwicklung in der Iran-Krise schreibe ich ein Weblog

© Martin Ebbing 2005