Iran: Frieden bis Indien

5. April 2005


Es soll nicht nur schlicht eine lange Röhre gebaut werden, die Gas aus dem Iran nach Indien transportiert, sondern das Projekt trägt den stolzen Titel „Friedens-Pipeline“. Die Verbindung soll einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Pakistan und Indien symbolisieren. Der dritte im Bunde, der Iran, würde – sollte das Projekt zustande kommen – zwar keinen Frieden schaffen, aber die Chancen, selbst Ziel eines militärischen Angriffs zu werden, würden sich erheblich verringern.

Im Mai wird der indische Ölminister Mani Shankar Aiyar nach Islamabad reisen, um dort mit dem pakistanischen Premierminister Shauqat Aziz über die Details einer Pipeline zu verhandeln, die Gas aus dem Süden des Irans quer durch Pakistan nach Rajasthan in Indien zu transportieren. Wird man sich einig, dann soll im Juni in Teheran der Vertrag unterzeichnet werden.

Über eine solche 2775 Kilometer lange Verbindung war bereits Anfang der 90er Jahre nachgedacht worden. 1993 hatten Indien und der Iran eine entsprechende Vereinbarung abgeschlossen, aber das Projekt wurde Opfer der Spannungen zwischen Pakistan und Indien.

Die Zeiten und die Voraussetzungen haben sich seither geändert. Indien und Pakistan bemühen sich nicht nur um eine Annäherung, sondern in beiden Ländern ist auch die Nachfrage nach Energie erheblich gestiegen. Pakistan hat eine der höchsten Bevölkerungszuwachsraten der Welt und in Indien wird sich bei gleichzeitiger Abnahme der eigenen Reserven die Nachfrage nach Gas bis zum Jahr 2015 verdoppeln.

Der Iran wiederum bemüht sich verstärkt, seine eigenen Gasvorräte auf dem Weltmarkt anzubieten. Teheran verfügt zwar nach Russland über die zweitgrößten Reserven, hat daraus in der Vergangenheit aber wenig Kapital schlagen können.

Nach Medieninformationen würde der Iran durch die geplante „Friedens-Pipeline“ über 25 Jahre hinweg 7,5 Millionen Tonnen Gas an Indien liefern. Weitere 2,5 Millionen Tonnen soll Pakistan erhalten. Für einen Handel in diesem Umfang ist Teheran bereit, einiges zu investieren. Um den Bedenken der indischen Regierung entgegen zu kommen, die trotz des Tauwetters darüber besorgt ist, dass Pakistan bei einer erneuten Krise in den Beziehungen den Gashahn einfach abdrehen könnte, übernimmt der Iran die Verantwortung für den Transport bis zur indischen Grenze. Zudem ist Teheran bereit, bis zu 60 Prozent der auf rund 4 Milliarden US Dollar geschätzt Kosten für den Bau der Verbindung zu tragen.

Die neusten Sicherheitsstandards sollen berücksichtigt werden. Die Röhren sollen mindestens einen Meter unter der Erdoberfläche verlegt werden. Parallel soll ein Glasfiberkabel verlaufen, dass über Satellit Störungen unmittelbar meldet. Alle 150 Kilometer soll eine Wartungsstation aufgebaut werden, die sofort bei Störungen mobilisiert werden kann. Indien und Pakistan wollen zudem eine Reihe von Gastanks bauen, aus deren Vorräten – sollte es doch zur Unterbrechung der Gaszufuhr kommen – der Ausfall für mehrere Tagen überbrückt werden kann.

Ein Ausweitung des Geschäftes ist sogar möglich. Indien hat vorgeschlagen, einen Anschluss zu bauen, mit dem das iranische Gas via Myanmar bis nach China geliefert werden kann. Für New Delhi hätte es den Vorteil, dass auch Peking an einem störungsfrei Betrieb interessiert wäre und notfalls entsprechenden Druck auf seinen Verbündeten Pakistan ausüben würde. Islamabad kann es nur recht sein, weil sich dadurch die Transitgebühren erhöhen würden, die ohne den Anschluss nach China bereits auf jährlich 500 Millionen US Dollar geschätzt werden.

Alle wären glücklich und zufrieden – alle, bis auf die USA. In Washington löst es wenig Freude aus, dass der Iran im Begriff ist, sich nicht nur eine bedeutende Einnahmequelle zu verschaffen sondern auch neue Bündnispartner in der Auseinandersetzung um sein Atomprogramm zu finden. Pipelines schaffen Abhängigkeiten. Indien, Anwärter auf einen Platz im UN Sicherheitsrat und regionale Großmacht, oder China, permanentes Mitglied mit Vetostimme, dürften im Falle eines Falles kaum einen Sanktionsbeschluss unterstützen, mit dem sie sich selbst die Gaszufuhr abdrehen.

Angesichts der Stationierung von US Truppen in den beiden Nachbarländern Afghanistan und Irak ist der Iran gleichzeitig darum bemüht, seine Beziehungen zu Pakistan auszubauen. Alle Anstrengungen werden unternommen, damit sich die „Partnerschaft im Kampf gegen den Terror“ zwischen Washington und Islamabad nicht gegen Teheran richtet.

Der amerikanische Botschafter in New Delhi, David Mulford, wurde deshalb im Februar vorstellig, um das Missbehagen seiner Regierung zu Protokoll zu geben. US Außenministerin Condoleezza Rice nutzt ihren Besuch in Indien, um noch einmal persönlich Einwände anzumelden. „Jede Aktion, den Iran durch Handel oder auf andere Weise zu stärken, würde das Missfallen der Vereinigten Staaten erwecken“ ließ sie wissen. Aber die indische Regierung zeigt sich ungerührt. „Wir benötigen im Jahr 2025 100 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Können uns die USA dies liefern?“ fragte Ölminister Aiyar.

Seine Sorge gilt eher dem Preis, den sein Land für das Gas zu zahlen hat. Aiyar drohte, sein Land werde den Handel platzen lassen, wenn der Iran nicht einen erheblichen Preisnachlass unterhalb des üblichen Marktpreises einräume.

Gefährlicher für das Projekt als das Gerangel um das Geld könnte die Situation im pakistanischen Belutschistan werden. Diese Region an der iranischen Grenze, die zu den ärmsten in Pakistan zählt, war in den letzten Jahren Schauplatz gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen der Regierung und militanten Stämmen. Immer wieder wurden Anschläge auf Wasserleitungen und Stromkabel verübt.

Die Rebellen fordern einen angemessenen Anteil an den Einnahmen aus den reichhaltigen Öl- und Gasvorkommen der Region und haben gedroht, jedes neue Energieprojekt mit Gewalt zu stoppen. Im Januar 2003 gelang es ihnen, die Pipeline aus Sui zu sabotieren und die Gasversorgung im Punjab lahmzulegen.

Am 8. Januar feuerten Mitglieder der Belutschistan Befreiungsbewegung Raketen auf die selbe Pipeline. Bei einem anschließenden Feuergefecht mit Regierungstruppen kamen sechs Menschen ums Leben.

Drei Tage später stürmte die selbe Gruppe eine Anlage der staatlichen Pakistan Petroleum. An anderer Stelle wurden 10 Angestellte eines Wasserwerkes gekidnapped. Die Attacken unterbrachen die Versorgung mit Gas und Wasser.

Der Regierung in Islamabad ist außer Drohungen mit Gewalt bislang wenig Konstruktives eingefallen, um die Aufständischen zu besänftigen. „Fordert uns nicht heraus“, warnte Präsident Pervez Muscharaf die Stammesführer. „Dies sind nicht die 70er Jahre und dieses Mal werdet ihr nicht einmal wissen, was da auf euch niedergeht.“ In den 70er Jahren hatte die pakistanische Regierung schon einmal mit einer Militäroperation versucht, die aufständischen Gruppen zu zerschlagen. Der Erfolg war von kurzer Dauer.

Muscharaf hat derzeit alle Hände voll zu tun, sich der Massenstreiks zu erwehren, die überall im Land von einer Koalition islamischer Gruppen organisiert werden. Für eine Lösung des Belutschenproblems bleibt ihm da wenig Zeit.

Kein gutes Omen für die „Friedens-Pipeline“.

 

© Martin Ebbing 2005