Iran: Der Prozess um den Tod von Zahra Kazemi / Teil 1

19. Juli 2004


Der Mann, der Zahra Kazemi getötet haben soll, heißt Mohammad Reza Aghdam Ahmadi. Er ist 42 Jahre alt und arbeitet nach seinen eigenen Worten seit mehr als 20 Jahren für den iranischen Geheimdienst. Seine Haut ist tiefbraun und seine Hände sehen aus, als ob er selten an einem Schreibtisch arbeiten würde.

Laut Anklage war er als letzter mit Zahra Kazemi zusammen, bevor sie mit einer schweren Schädelfraktur in ein Krankenhaus eingeliefert wurde, wo sie 13 Tage später starb. Allerdings besteht über den exakten Zeitpunkt ihres Todes keine genaue Sicherheit, wie vieles in diesem Fall bis heute undurchsichtig ist.

Bekannt ist so viel: die kanadisch-iranische Fotografin wurde am 23. Juni letzten Jahres im berüchtigten Ewin Gefängnis in Teheran von der Polizei festgenommen. Dort wollte sie Familienmitglieder begleiten, die Angehörige besuchen wollten, die bei Demonstrationen festgenommen worden waren. Ursprünglich wurde sie verdächtigt, illegal Bilder aufgenommen zu haben. Später stellte sich allerdings heraus, dass kein einziges Negativ auf ihrem Film belichtet war.

Kazemi, die erst längere Zeit in Paris gelebt hatte und dann wegen der politischen Verhältnisse im Iran nach Kanada ausgewandert war, weigerte sich offensichtlich, ihre Fototasche herauszugeben, und war auch sonst nicht bereit, mit den Gefängniswachen, die sie in Gewahrsam hielten, zu kooperieren.

Zufällig hielten sich fünf Richter zu dem Zeitpunkt im Ewin Gefängnis auf. Einer von ihnen soll den Leiter der Gefängnissicherheit, Mohammad Bakhschi, herausfordernd gefragt haben, wieso es seinen Leuten nicht gelänge, einer Frau die Tasche abzunehmen. Bakhschi sei dann selbst eingeschritten, habe Kazemi einen Schlag gegen den Kopf versetzt und ihr die Tasche entrissen.

Dies geht aus Protokollen mehrerer Gefängniswachen hervor, die diesen Vorfall gesehen haben wollen. Die Wachen haben ihre Aussagen gegen ihren Chef allerdings wenige Stunden später wieder zurückgezogen.

Es gibt auch weitere Zeugen, die gesehen haben wollen, dass die Fotografin von dem Schlag gegen den Kopf so schwer angeschlagen war, dass sie bei der Überführung in ein anderes Gebäude von vier Beamten getragen werden musste.

Dann gibt es im Ablauf der Dinge ein Zeitloch. Zwei Tage später wurde Zahra Kazemi an den iranischen Geheimdienst überstellt. Dort brachte man sie in ein Krankenhaus, wo sie später verstarb.

All dies wäre nach dem Willen des leitenden Staatsanwaltes von Teheran, Said Montasawi nie bekannt geworden. Er ließ mitteilen, Kazemi sei an einem Schlaganfall gestorben und wollte die Angelegenheit damit auf sich beruhen lassen. Es waren Montasawis Leute, die die Fotografin im Gefängnis verhört hatten.

Die Nachricht vom Tode einer Journalistin in den Händen der Justiz machte in Teheran schnell die Runde und drohte neuen Anstoß für Demonstrationen zu geben, die wenige zuvor unter massivem Polizeieinsatz gerade unterbunden worden waren. Die Verwicklung von Staatsanwalt Montasawi ließ den Vorfall besonders brisant erscheinen. Er war als ausgesprochener Feind der Presse bekannt. Während seiner Zeit als Richter in der Pressekammer des Gerichtes ließ er mehr als 80 liberale Zeitungen verbieten und schickte zahllose Journalisten ins Gefängnis, wo einige von ihnen noch heute sitzen. Von Stephan Hashemi, dem Sohn der Toten, der in Montreal lebt, alarmiert, schaltete sich die kanadische Regierung ein und verlangte eine lückenlose Aufklärung und eine unabhängige Obduktion der Leiche.

Eine solche unabhängige Obduktion fand aber nie statt. Die Mutter wurde unter Druck gesetzt, gegen den Protest des Sohnes einer schnellen Beerdigung zuzustimmen.

Präsident Chatami ließ aber immerhin eine vierköpfige Kommission den Vorfall untersuchen. Sie kam zu dem Ergebnis, dass der Tod durch einen Schlag gegen den Kopf verursacht wurde. Auch das damals noch von Reformern beherrschte Parlament verfertigte einen Bericht, der aber offen ließ, wer den Schlag ausführte und wer eventuell die Verantwortung dafür zu tragen hat.

Es war nicht zu übersehen, dass die Untersuchungen auch einen politischen Unterton besaßen. Die Gefängnisverwaltung untersteht der erzkonservativen Justiz, in der Staatsanwalt Montasawi eine gewichtige Rolle spielt. Das Informationsministerium (Wesarat Etelaat, besser „Geheimdienstministerium“) wird dagegen von einem Reformer geleitet.

Diese Konstellation war auch im Gerichtssaal zu beachten, wo Ahmadi der Prozess gemacht wurde. Links an einem kleinen Tisch Staatsanwalt Jafar Reshadati, dessen Dienstherr Montasawi ist. Rechts in der vordersten Reihe direkt an der Wand der Angeklagte. Neben ihm sein Anwalt Qassem Schabani und auf der Reihe dahinter vier weitere Geheimdienstmitarbeiter, die ihren Kollegen freundschaftlich unterstützten. Später, als der Anwalt des Angeklagten redete, kam noch ein leitender Mitarbeiter hinzu, der mit dem Anreichen von Unterlagen und Dokumenten behilflich war. Kein Zweifel, Ahmadi hat die Unterstützung seines Arbeitgebers, der es nicht auf sich sitzen lassen will, für den Tod Kazemis verantwortlich zu sein.

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© Martin Ebbing 2004