Interview Dr. Ali Akbar Salehi

12. April 2005


WARUM BENÖTIGT DER IRAN ATOMENERGIE, WENN ES ÜBER REICHLICH ÖL UND GAS VERFÜGT?

Im Energiebereich gibt es etwas, was die „Vorteile der Energiemischung“ genannt wird. Dies ist ein Prinzip der Energieplanung in jedem Land. Kein Staat wird versuchen, all seine Energie aus einer einzigen Quelle zu gewinnen. Jedes Land versucht aus Sicherheitsgründen, seine Energiequellen zu streuen. Wenn ein Land über große Vorkommen an Rohöl verfügt, bedeutet das nicht, dass es sich nicht auch nach anderen Rohstoffen oder Quellen für seine Elektrizitätsgewinnung umschaut.

Es gibt Länder, die über ein großes Potential an Wasserenergie verfügen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich allein darauf stützen und nicht nach anderen Energiequellen suchen. Jeder einzelne Staat hat zu entscheiden, aus welchen Quellen zu welchen Anteilen er seine Energiemischung zusammensetzt. Man setzt nicht alles auf ein Pferd. Das ist der eine Grund.

Der zweite Grund ist, schauen Sie sich um, was in der Welt geschieht. Russland ist hinter Saudi Arabien der zweitgrößte Erdölexporteur, aber 30 bis 35 Prozent seiner Energie kommt aus nuklearen Quellen. Russland verfügt über die größten Gasvorkommen in der Welt. Für mehrere Jahrzehnte könnten sie all ihre Energie mit Gas erzeugen, aber dennoch entwickeln sie nukleare Energie.

Amerika selbst besitzt reichhaltige fossile Energievorräte. Es hat eine Menge Öl in Alaska, es hat eine Menge Ölfelder, die noch nicht erschlossen sind. Es hat eine Menge Kohle. Sie haben viele andere Quellen, aber dennoch produzieren sie pro Jahr 120.000 MW an Atomenergie. Mexiko ist ein anderes Beispiel. Es exportiert Öl und verfügt gleichzeitig über Atomenergie und entwickelt sie weiter.

Es gibt viele Beispiele. Brasilien besitzt genug Öl und Gas für seinen internen Gebrauch und interessiert sich dennoch für Atomenergie.

Zu Zeiten des Schahs haben amerikanische Wissenschaftler basierend auf wissenschaftlichen Studien dem Iran empfohlen, 23.000 MW an nuklearer Energie zu bauen. Das würde 23 Bushehr Nuklearreaktoren bedeuten. Wir haben dieses riesige Projekt gestoppt und entschieden, es ist für uns ausreichend, wenn wir 7.000 MW nukleare Energie produzieren. Das ist das, was wir nun tun. In 20 Jahren werden wir 7.000 MW an Elektrizität aus nuklearen Quellen produzieren und diese 7.000 werden dann gerade 7 bis 8 Prozent unserer gesamten Energieproduktion ausmachen.

Wir besitzen bereits 1.000 MW [gemeint ist der Reaktor in Bushehr, ME], die hoffentlich am Ende dieses Jahres oder Mitte kommenden Jahres in Betrieb gehen werden, aber das sind nur 1.000 MW. Wir müssen weitere 6.000 MW bauen und das wird noch weitere 20 bis 25 Jahre dauern.

ES GIBT EINIGE VERWIRRUNG, WIE GROSS DIE PRODUKTION IN 20 JAHREN SEIN SOLL. DAS PARLAMENT BERÄT EIN GESETZ, IN DEM VON 20.000 MW DIE REDE IST.

Ja, es gibt einen Vorschlag des Parlaments, aber er ist noch nicht von der Regierung übernommen worden. Sollte das Parlament die Regierung auffordern, diese Frage zu untersuchen, dann müsste die Regierung alle Berechnungen, die auf der Grundlage der 17.000 MW erstellt wurden, neu kalkulieren. Mit anderen Worten, wir müssten die Codizes benutzen, die bei solchen Berechnungen benutzt werden. Warten wir ab, was das Parlament unternimmt. Wir wissen die Berechnungsgrundlagen noch nicht. Wenn die einzelnen Faktoren eine solide Basis haben und das Ergebnis ist 20.000 MW, okay, dann ist dies eine Aufstockung unserer bisherigen Schätzungen. Aber wenn die Rechnung keine 20.000 MW ergibt, müssen wir zum Parlament zurückgehen und ihnen sagen, diese 20.000 MW machen für uns ökonomisch keinen Sinn. Also, über die 20.000 ist noch keine endgültige Entscheidung getroffen worden. Im Moment gilt der Wert von 17.000 MW.

Das ist ein Punkt.

Der andere Punkt ist: Sie können auf jede beliebige Internetseite zum Thema Energie schauen und überprüfen, wie hoch ist der Preis von nuklearer Energie gegenüber fossiler Energie. In den Vereinigten Staaten kostet nukleare Energie pro kW/h 1,7 Cents, während Gas, also fossile Energie, ungefähr 4 Cent pro kW/h kostet. Das heißt, in den Vereinigten Staaten kostet nukleare Energie ungefähr halb so viel wie fossile Energie.

Im Iran haben wir ähnliche Berechnungen durchgeführt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass Nuklearenergie gegenüber fossiler Energie wettbewerbsfähig ist. Natürlich hängt das stark von dem Preis für das Gas oder Öl ab, mit dem wir unsere Kraftwerke beliefern. Wenn wir den internationalen Preis benutzen, dann wird die Differenz sehr groß, aber wenn wir den subventionierten Preis ansetzen, wird der Unterschied sehr gering. Der subventionierte Preis für fossile Energie beträgt bei uns fast Null Cents, weil wir die Brennstoffe an unsere Kraftwerke fast kostenlos verkaufen. Wenn wir diesen Preis von fast Null Cent ansetzen, dann wird natürlich die fossile Energie wettbewerbsfähig, aber wenn man einen Preis für die fossile Energie ansetzt, ändert sich das ganze Bild. Setzt man den internationalen Preis an, dann verändert sich das Bild vollkommen zum Vorteil der nuklearen Energie, so wie in den Vereinigten Staaten.

DENNOCH, WARUM ATOMENERGIE? ES GIBT ALTERNATIVEN WIE WASSERKRAFT.

Wir investieren auch sehr viel in Wasserkraft. Das maximale Potential für Wasserkraft im Iran, denn wir verfügen nicht über reichhaltige Ressourcen an Wasser, ist 13.000 MW. Wasserkraft ist keine konstant zur Verfügung stehende Energie. Das Wasser läuft in einem begrenzten Zeitintervall. Man kann das Wasser nicht während 80 Prozent des Jahres nutzen. Nur wen ausreichend Wasser hinter dem Damm ist, kann es zur Energiegewinnung genutzt werden und diese Energie wiederum muss für die Landwirtschaft und andere Dinge eingesetzt werden. Deshalb beträgt der Nutzungsgrad für Wasserkraft nur ungefähr 20, 26 Prozent im Iran – sogar weniger. Ich glaube, international beträgt dieser Wert 25 Prozent. Im Iran ist es weniger, weil wir das Wasser nicht nur zur Produktion von Elektrizität nutzen können sondern es auch für die Bewässerung in der Landwirtschaft benötigen.

Selbst diese 13.000 MW, die der Iran unter den besten Bedingungen produzieren könnte, entspricht nur 20 bis 25 Prozent der Nachfrage. Nukleare Energie erreicht einen Nutzungsgrad von 80 bis 85 Prozent.

Iran hat bereits sehr viel in Wasserkraftwerke investiert. Vor der Revolution betrug die Hydroenergie gerade ein paar Hundert MW. Im Moment produzieren wir 4.000 und es werden bald 5.000 MW sein. Wir planen, in fünf Jahren 10.000 MW durch Wasserkraftwerke zu produzieren, aber das wird nur 20 Prozent des Energiebedarfs ausmachen.

IE STEHT ES MIT MODERNEN ENERGIEQUELLEN?

Wir investieren auch sehr viel in Windenergie, in Solarenergie, aber sehen Sie, Windenergie kann nicht die Menge Energie produzieren wie nukleare Energie. Mit nuklearer Energie können Sie auf einen sehr schmalen Stück Land 1.000 MW produzieren, die für etwa ein bis zwei Millionen Menschen ausreicht. Wenn man die selbe Menge Energie mit Windenergie produzieren will, dann benötigt man ein riesiges Stück Land, auf das man die Windgeneratoren stellen kann.

Windgeneratoren haben auch keinen ausreichenden Nutzungsgrad. Es weht nicht immer Wind. Deshalb ist auch hier der Nutzungsgrad sehr gering.

Keine anderen Energiequellen, sei es Windenergie, Solar oder Wasserkraft kann im Hinblick auf den Nutzungsgrad mit fossilen oder atomaren Kraftwerken konkurrieren. Vor allem Nuklearkraftwerke haben zur Erzeugung von Elektrizität den höchsten Grad der Leistungsausnutzung.

WENN ICH EINIGER DER ERKLÄRUNGEN VON OFFIZIELLEN HIER IM IRAN HÖRE ODER LESE, DANN BEKOMME ICH DAS GEFÜHL, DASS ES IMMER NOCH SO EINEN ATOMAREN TECHNOLOGIE-OPTIMISMUS GIBT. ES GAB DIES IN EUROPA BIS DINGE WIE CHERNOBYL PASSIERTEN. IM IRAN SCHEINT ES EINE ART NAIVITÄT IN DIESEN ANGELEGENHEITEN ZU GEBEN. ES WIRD STÄNDIG DARÜBER GEREDET, NUKLEARE TECHNOLOGIE VERSCHAFFEN DEN ZUGANG ZUR MODERNEN TECHNOLOGIE.

Sehen Sie, um über nukleare Technologie zu verfügen und danach in der Lage zu sein, sie weiterzuentwickeln, benötigt man eine gute industrielle Infrastruktur. Kein Land kann sehr einfach über nukleare Technologie verfügen ohne minimale industrielle Infrastruktur zu besitzen. Um die Grundlagen für die nukleare Technologie zu legen und sie weiterzuentwickeln muss man seine industrielle Infrastruktur verbessern. Im nuklearen Bereich hat man es mit den höchsten Temperaturen, den höchsten Drucken, den höchsten Materialeigenschaften zu tun. Wenn man die nukleare Technologie beherrscht, bedeutet das, dass man in einer sehr guten Position ist, die anderen industriellen Bereiche zu entwickeln. Sie haben die höchsten Standards in Angriff genommen, deshalb sind die niedrigeren Standards viel einfacher in den Griff zu bekommen.

DIESER OPTIMISMUS HÖRT SICH SEHR NACH DER PHILOSOPHIE IM WESTEN IN DEN SECHZIGER JAHREN AN. DIE „MAGISCHE KRAFT DER NUKLEARENERGIE“, „DIE KÖNIGIN DER ENERGIE“.

Wasserkraft ist eine sehr bewährte Technologie. Bei Wasserkraftwerken existieren keine wirklich extremen Standards. Ex existieren auch keine extremen Standards bei der Windenergie. Unsere Windmühlen produzieren bereits bis zu 0,5 kW, was keine schlechte Leistung ist. Windmühlen, Solarpanels oder Wasserkraftwerke sind nicht sehr schwierig zu bauen, aber die nukleare Technologie, die wir gegenwärtig nutzen und Fission Power genannt wird, wird den Weg bahnen zur nächsten Generation, die Fusion genannt wird. Fusion Technologie ist viel sauberer. Es gibt nicht die Probleme mit der Abfallbeseitigung – auf jeden Fall nicht so viele wie bei der Fusion Technologie. Es gibt nicht diese Probleme, Kraftwerke wieder zu demontieren. Fusion wird wahrscheinlich die Technologie in 30 Jahren sein. Diese Technologie kann man aber nicht erreichen, wenn man nicht zuvor die Fission Technologie beherrscht. Das ist ein evolutionärer Prozess, den man durchschreiten muss. Man kann nicht einfach von fossiler Energie zu Fusion Technologie springen.

Wenn der Iran jetzt bei der Fission Technologie abseits steht, wird die Fusion Technologie wenn sie in 30 Jahren kommt chinesisch klingen. Wir werden absolut keine Kenntnisse davon haben, aber wenn es uns gelingt, die Fission Technologie zu entwickeln, werden wir über genug Ingenieure und über eine ausreichend wissenschaftliche wie industrielle Infrastruktur verfügen, um in der Lage zu sein, die nächste Generation der nuklearen Technologie aufzunehmen.

SIE HABEN HOCHGESTECKTE AMBITIONEN. SIE WOLLEN NICHT NUR ÜBER DIE NÄCHSTE GENERATION NUKLEARER TECHNOLOGY VERFÜGEN, SONDERN ZUR SELBEN ZEIT WOLLEN SIE AUCH INS EXPORTGESCHÄFT EINSTEIGEN.

Das haben meine Kollegen gesagt. Ich habe nie eine Bemerkung gemacht, dass wir versuchen werden, nukleare Technologie oder nuklearen Brennstoff zu exportieren. Es gibt genug Wettbewerber auf der Welt und es existieren ausreichend Kapazitäten, die es einem Neuling wie Iran nicht einfach machen, sich zu positionieren. Das ist kein Thema, das jetzt diskutiert werden sollte. Okay, ja, wenn es uns erlaubt wird, in diesem Bereich noch 30 Jahre zu arbeiten, dann könnte man darüber nachdenken, eine ausreichende Fähigkeit zu entwickeln um mit anderen zu konkurrieren um Dienstleistungen wie Anreicherung zu verkaufen, aber das ist kein Thema, über das wir jetzt reden können. Ich denke, das ist mehr hoffnungsfrohes Denken und nicht realistisch.

UND ES IST KEIN REGIERUNGSPROGRAMM?

Nein. Zumindest nicht, dass ich davon wüsste, weil große Investitionen notwendig würden und man kann nicht bis zu einem gewissen Grad investieren ohne zu wissen, ob die Pilotanlage wirklich funktioniert. Wir sind neu in diesem Bereich und wir sind uns sicher, dass wir viele technische Probleme haben werden und es werden einige Jahre vergehen, bis wir diese Probleme beseitigt haben.

GIBT ES ANDERE ALS POLITISCHE GRÜNDE , WARUM DER IRAN SEINE EIGENE ANREICHERUNGSANLAGE HABEN WILL?

Der Grund liegt in unserer Geschichte. Ich meine damit den uns aufgezwungenen Krieg. Die jüngste Geschichte des Iran hat gezeigt, dass wir uns nicht auf bestimmte Versprechungen anderer Länder verlassen können, dass sie die Versorgung mit Brennstoff für unsere Atomreaktoren sicherstellen werden. Wir haben in den letzten 25 Jahren gesehen, wenn der Westen ein Projekt stoppen will, das er mit dem Iran vereinbart, dann tut er es einfach. Beispielsweise Bushehr. Wir haben die Deutschen gebeten weiterzuarbeiten, aber sie sind nicht mehr gekommen.

Angenommen wir bauen diese Atomkraftwerke und dann stoppt der Westen die Brennstoffe, was sollen wir dann tun? Wir hätten Milliarden an Dollar verschwendet, denn es wäre wie ein Auto ohne Benzin. Es ist sehr weise vom Iran den potentiellen Lieferanten nuklearer Technologie zu zeigen, schaut, wir sind in der Lage unsere eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Deshalb ist es besser, wenn ihr mit uns kommerzielle Beziehungen aufbaut. Anderenfalls produziere ich meine eigenen Brennstoffe.

Die Anlage in Natanz kann nach der kompletten Fertigstellung nur Brennstoff für einen einzigen Reaktor produzieren und meinem Stand der Kenntnisse hat sich die Regierung nicht für ein weiteres Natanz entschieden. Wir haben nur ein Natanz. Wir haben weder darüber entschieden, die Kapazität von Natanz auszuweiten noch denken wir daran, ein weiteres Natanz zu bauen. Wie ich schon früher sehr oft gesagt habe, Natanz kann als ein Verhandlungsvorteil genutzt werden. Wir können den westlichen Ländern oder dem Ostblock sagen, wenn ihr den Brennstoff nicht liefern wollt liefern wir ihn selbst, obwohl es länger dauern könnte. Am Ende werden wir in der Lage sein, unseren eigenen nuklearen Brennstoff herzustellen.

Deshalb verfolgt der Plan, unseren eigenen Brennstoffzyklus zu entwickeln, zwei Ziele: zum einen um unsere industrielle Basis zu verbessern, zum zweiten um den Brennstoff für unsere Atomkraftwerke in der Zukunft sicherzustellen und einen Verhandlungsvorteil in den Gesprächen mit potentiellen Lieferanten zu haben.

DIE EUROPÄER DRÄNGEN SIE, AUF DIE ANREICHERUNGSMÖGLICHKEIT ZU VERZICHTEN. SIE SAGEN NUN, ES GEHT NICHT WIRKLICH DARUM, DIE ANLAGE ZU BENUTZEN, ABER WENN SIE DIE ZUSAGEN NICHT ERFÜLLEN, UNS DEN NOTWENDIGEN BRENNSTOFF ZU LIEFERN, KÖNNEN WIR UNSERE EIGENEN WEGE GEHEN. WÄRE ES NICHT EIN TRAGBARER KOMPROMISS ZU SAGEN, SCHAUT, WIR BAUEN NATANZ, WERDEN ES ABER NUR BENUTZEN, WENN IHR DEN BRENNSTOFF NICHT MEHR LIEFERT?

Wenn man ein solch großes Projekt wie Natanz mit 50.000 Zentrifugen baut, dann kann man es nicht einfach untätig da stehen lassen. Man muss es betreiben. Aber wir haben gesagt, Natanz kann nur 30 Tonnen Uran mit einem Anreicherungsgrad von 3 Prozent produzieren, was gerade für ein Kernkraftwerk ausreicht. EURODIF in Europa beispielsweise kann pro Jahr 10 Millionen Trennungseinheiten produzieren. Natanz dagegen kann nur 100.000 dieser Einheiten pro Jahr produzieren, was man nicht vergleichen kann. Natanz ist im Hinblick auf den Ausstoß nur ein Pilotprojekt und keine industrielle Produktion. Wir sehen Natanz nicht als industrielle Produktion an. Man kann Natanz nicht mit EURODIF, EURENCO oder den Russen vergleichen. Es ist wie eine Maus und ein Elefant.

WARUM SIND DIE AMERIKANER SO DARUM BEMÜHT, DEM IRAN DIES NICHT ZU ERLAUBEN?

Die Amerikaner argumentieren, wenn ein Land über nukleare Technologie verfügt, dann kann es diese auch zu nicht friedlichen Zwecken nutzen und eine Atombombe bauen. Das trifft zu. Jedes Land, das über nukleare Technologie verfügt, ist in der Lage Nuklearwaffen zu produzieren, aber man kann nicht allein dem Iran schlechte Absichten unterstellen. Dann müsste man den selben Maßstab auch an andere Länder anlegen.

Internationales Recht und Vereinbarungen haben es Staaten erlaubt, ihren eigenen nuklearen Zyklus zu entwickeln und man kann nicht herumgehen und sagen, es gibt gute Staaten und schlechte Staaten. Wir lassen zu, dass dieses Recht bei den guten Staaten angewandt wird, aber wir lassen es nicht bei den schlechten Staaten zu, und wir sind die Richter. Dies ist der Doppelstandard, den sie benutzen. Wenn man zum Orbit des Westens gehört, dann darf man tun, was immer man will, aber wenn man nicht dazu gehört, dann darf man nichts tun, was ihrem Willen widerspricht.

DER IRAN HAT GARANTIEN ANGEBOTEN UND VORGESCHLAGEN; NATANZ SOLLE NUR EINE GERINGE KAPAZITÄT BESITZEN, ES WERDE KEIN SPALTBARES MATERAIL FÜR ATOMWAFFEN PRODUZIERT UND INSPEKTIONEN KÖNNEN ZU JEDER ZEIT STATTFINDEN. DIE AMERIKANER SAGEN DENNOCH, WIR WOLLEN NICHT, DASS SIE KENNTNISSE DIESER TECHNOLOGIE ERWERBEN. WARUM?

Die Amerikaner wollten nicht einmal, dass wir Bushehr haben, sogar bevor die ganze Geschichte mit Natanz losging. Das zeigt, wie unfair und ungerechtfertigt die amerikanische Position uns gegenüber ist. Es rührt einfach daher, dass es keine Politik der Abschreckung zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten gibt. Es gibt keine politische Verständigung.

Die Haltung Amerikas gegenüber dem Iran ist eher politischer Natur und basiert weniger auf der Idee der Nichtweiterverbreitung. Wenn wir auf die Nichtabschreckung schauen, es gibt Instrument, die international entwickelt wurden wie das Zusatzprotokoll, den Atomwaffensperrvertrag, die Safeguards Agreements, die Subsidiary Agreements, um zu überwachen, dass kein Mitgliedsstaat nicht friedliche Aktivitäten unternimmt. Iran hat sie alle voll erfüllt.

Nicht nur das. Das Teststoppabkommen beispielsweise, dass Mitgliedsstaaten verpflichtet, keine atomaren Explosionen durchzuführen. Der Iran hat das Abkommen unterzeichnet. Nicht nur das. Der Iran hat der Organisation dieses Abkommens erlaubt, zwei Überwachungsstationen innerhalb des Irans aufzustellen. Wenn der Iran andere denn friedfertige Absichten hätte, dann wäre es äußerst dumm gewesen, der internationalen Gemeinschaft zu erlauben, zwei Überwachungsstationen aufzubauen und es wäre dumm vom Iran gewesen, das Teststoppabkommen zu unterzeichnen.

Der Iran hat das Teststoppabkommen unterzeichnet und das Verhalten des Irans in der Vergangenheit zeigt, dass der Iran nie die Absicht hatte, nicht friedliche Aktivitäten zu unternehmen. Es geschah nicht, weil der Iran Angst vor den internationalen Reaktionen hätte. Es wurde gemacht, weil der Iran zu der Auffassung gekommen ist, dass die Entwicklung von Massenvernichtungswaffen, sei es atomare, chemische oder biologische Waffen, nicht unserer nationalen Sicherheit dient. Wir hatten das Potential, chemische Waffen zu produzieren, aber wir sind nach dem Krieg der Chemiewaffenkonvention beigetreten und sie inspizieren unsere chemischen Produktionsanlagen.

Wie haben uns also der Chemiewaffenkonvention angeschlossen. Wir haben sie unterzeichnet und wir haben sie ratifiziert. Warum haben wir dies gemacht? Ganz einfach weil wir unsere Nachbarstaaten nicht in eine Konkurrenzsituation bringen wollen, diese Waffen zu entwickeln. Wenn der Iran chemische Waffen entwickelt hätte, wen der Iran beginnen würde, Atomwaffen zu entwickeln, würden unsere Nachbarn mit Sicherheit die selben Schritten unternehmen und das würde unserer nationalen Sicherheit nicht dienen. Ganz im Gegenteil möchten wir, dass die Nachbarstaaten des Irans das Zusatzprotokoll unterzeichnen. Die haben die meisten Nachbarn des Irans noch nicht getan. Diese Instrumente würden mehr Sicherheit und mehr Vertrauen zwischen dem Iran und seinen Nachbarn schaffen.

GIBT ES DIE MÖGLICHKEIT EINES KOMPROMISSES ZWISCHEN DER EU UND DEN USA – ICH FASSE SIE JETZT EINMAL ALS EIN BLOCK ZUSAMMEN – UND DEM IRANISCHEN STANDPUNKT?

Ich bin sehr optimistisch. Ich denke, dass die Kontroverse um das iranische Atomprogramm am Ende gelöst wird, weil weder die vereinigten Staaten noch Europa noch der Iran wollen, dass die Krise in einer Sackgasse endet. Dies würde die falsche Botschaft an die internationale Gemeinschaft senden, denn die internationale Gemeinschaft verfolgt sehr aufmerksam die Entwicklung dieser Krise.

Die internationale Gemeinschaft und die zivilisierte Welt haben verstanden, dass der Iran dem internationalen Recht gefolgt ist, dass der Iran den Atomwaffensperrvertrag nicht verletzt hat, dass der Iran das Zusatzprotokoll unterzeichnet hat, dass der Iran dieses Zusatzprotokoll sogar anwendet ohne dass sein Parlament es ratifiziert hat, dass der Iran sehr eng mit der Atomenergiebehörde zusammenarbeitet. Es sind in kürzester Zeit mehr als 1.000 Mann-Inspektionen durchgeführt worden, was in der Geschichte der Atomenergiebehörde einmalig ist. Die Atomenergiebehörde hat immer und immer wieder erklärt, dass es keine Anzeichen dafür gibt, dass der Iran nicht friedliche Aktivitäten betreibt. Das wurde sogar in der letzten Resolution des Gouverneurrates der Behörde erklärt. Es ist immer und immer wieder von Dr. ElBaradei erklärt worden.

Bei all dem Entgegenkommen des Iran, bei all der Kooperation, die es gezeigt hat,. Bei all den Schritten, die zur Vertrauensbildung und Transparenz unternommen wurden, wenn sie trotz dessen den Iran konfrontieren wollen, dann werden die anderen Staaten sagen, was für einen Vorteil hat es, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten. Schaut auf den Iran. Sie haben ihr Bestes getan, sie sind so weit gegangen wie sie konnten, dennoch hat der Westen dem Iran eine Konfrontation aufgezwungen, hat dem Iran seinen Willen aufgezwungen und das wird für die internationale Gemeinschaft kein gutes Beispiel setzen.

Es trifft zu, dass Amerika und Europa gegenüber dem Iran ein gemeinsames strategisches Konzept verfolgen, aber der europäische Standpunkt unterscheidet sich von Amerika. Amerikas ist gegenüber der Weiterverbreitung von Atomwaffen weniger sensibel als Europa. Amerika ist mehr um die Sicherheit Israels und den Mittleren Osten besorgt. Dies hat Mrs. Condoleezza Rice erklärt, als sie in Europa war.

Europe ist mehr über die Nichtweiterverbreitung besorgt, sogar innerhalb Europas. In Europa verfügen zwei Staaten, Frankreich und Großbritannien, über atomare Waffen, während die anderen Staaten diesen Vorteil nicht besitzen. Das ist eine Art von Diskriminierung innerhalb Europas und deshalb ist die Europäische Union um Abrüstung bemüht, zumindest als einen ersten Schritt, um allen europäischen Staaten den selben Vorteil einzuräumen.

Europe möchte die Diskriminierung innerhalb des Kontinents beseitigen und dann diesen potentiellen Schrecken der atomaren Bewaffnung in der Welt durch diese Entwaffnung und durch den Atomwaffensperrvertrag, der ja schon die fünf Atommächte aufgefordert hat, sich selbst über einen gewissen Zeitrum zu entwaffnen, beseitigen.

ICH KANN ES IHNEN DIESES BILD NICHT DURCHGEHEN LASSEN, DER IRAN HAT ALLES GETAN, WAS ER KONNTE. SOGAR ZU IHRER ZEIT WURDEN DINGE VERSTECKT, DINGE GETAN, DIE EIGENTLICH HÄTTEN GEMELDET WERDEN MÜSSEN, UND BIS HEUTE BEKLAGT DIE IAEA FEHLENDE INFORMATIONEN UND EINEN MANGEL AN TRANSPARENZ.

Ich habe nie gesagt, mein Land sei ohne Fehler. Nicht nur ich selbst, als ich für das Management der Krise verantwortlich war, sondern auch Vorgesetzte haben zugegeben, dass der Iran bestimmte Versäumnisse begangen hat, aber die IAEA hat rund 135 Mitgliedsstaaten und jedes Jahr wird ein Bericht namens „Safeguards Implementation Report“ veröffentlicht. Dieser Bereicht spiegelt wieder, in wie weit die Mitgliedsstaaten den Verpflichtungen nachkommen, die ihnen durch das Statut der IAEA oder die Safeguard Agreements auferlegt wurden. Jedes Jahr gibt es eine Liste mit Staaten, die Versäumnisse begannen haben.

Gleichzeitig zeigen aber das Statut der IAEA und die Safeguard Agreements einen Weg auf, die Versäumnisse wettzumachen, indem sie korrigiert werden, Der Iran ist keine Ausnahme. Der Iran hat eine Reihe von Fehlern begannen, aber er hat sie korrigiert. Wenn dem Iran sein zweifelhaftes Verhaltens vorgeworfen wird, dann muss sich dieser Vorwurf auch an die anderen Staaten auf der Liste richten. So lange es allerdings die Möglichkeit der Wiedergutmachung gibt, in dem die Fehler korrigiert werden, ist dieses Argument nicht gültig.

Mein Land hat seine Fehler korrigiert. Nur wenn sich ein Staat gegen die IAEA stellt und darauf besteht, seine Fehler nicht zu korrigieren, dann kann dieses Land beschuldigt werden.

In dieser Hinsicht ist das Verhalten des Irans in der Vergangenheit nicht anders als das Verhalten anderer Staaten auf der Liste, die ihre Fehler korrigiert haben.

 

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© Martin Ebbing 2005