Iran: 18. Internationale Teheraner Buchmesse

12. Mai 2005


Mit mehr als einer Millionen Besuchern in zehn Tagen ist die Internationale Teheraner Buchmesse auch in ihrem 18. Jahr weiterhin ein großer Publikumsmagnet und – in Zahlen gemessen - das größte kulturelle Ereignis des Landes.

Das Geheimnis des Erfolgs liegt in erster Linie in dem Umstand, dass die Teheraner Messe keine Fachmesse sondern ein großer Bücherbasar ist. Nach einem abgestuften System können die ausgestellten Bücher gekauft werden: zuerst die Einkäufer der Universitätsbibliotheken, dann die wissenschaftlichen Institute und öffentlichen Einrichtungen, schließlich die Lehrer und ganz am Schluss das allgemeine Publikum.

Wenig Interesse finden allerdings die zahllosen Koranausgaben, religiösen Studien und Traktaten, die, staatlich oder von Stiftungen finanziert, einen bedeutenden Teil des Angebotes ausmachen. Umringt sind in erster Linie die Stände ausländischer, englisch-sprachiger Verlage, die Sachbücher anbieten. Ingenieurwesen, Wirtschaftsmanagement, Informatik und Psychologie stehen ganz oben auf der Verkaufsliste.

Die einheimischen Verlage haben sich inzwischen diesem Trend angepasst und bieten preiswerte Nachdrucke wissenschaftlicher Standardwerke in englischer Sprache an. Viele Verleger rechtfertigen diese Piraterie als überlebensnotwenig. Ali-Akbar Pirousi, der eine Palette von medizinischen und elektrotechnischen Handbüchern im Angebot hat, klagt, dass mit einheimischen Titeln wenig Geld zu verdienen sei. „Iranische Fachbücher werden kaum geschrieben und entsprechen meist nicht dem internationalen Niveau.“ Bereitwillig räumt er ein, dass für die iranischen Honorare auch kaum ein qualifizierter Fachautor ein Buch schreiben kann.

Trotz des Schubsens und des Drängens an den Ständen geht es den iranischen Verlegern im durchschnitt schlecht. Harry Potter ist zwar auch im Iran ein Bestseller und erschien gleich in mehreren Verlagen. Die Konkurrenz war so groß, dass in einigen Ausgaben Textpassagen einfach unterschlagen wurden, um nicht zu viel Zeit mit der Übersetzung zu verlieren und als erster am Markt zu sein. Auch andere internationale Trendautoren wie Paulo Coelho werden gekauft, aber die Gruppe der Erfolgsautoren ist klein.

„Iraner lesen nicht“, klagt selbst Shalha Lahiji, die sich seit Jahren beharrlich für internationale wie iranische Autoren einsetzt. Sie verlegt unter anderem die Werke Milan Kunderas. Wenn sie mehr als 200 seiner Bücher auf der Messe verkaufen kann, ist dies für sie schon ein Erfolg.

Die Iraner lesen zum einen nicht, so erläutert nicht nur Lahiji, weil sie immer weniger Zeit haben. Eine schleichende Verarmung vor allem des Mittelstandes findet statt und der taxifahrende Lehrer, der nebenher noch Nachhilfe gibt, ist eher die Regel als die Ausnahme geworden. Für die Jüngeren ist das Internet zu einer attraktiven Alternative geworden, zumal Zensoren dort nicht so einen leichten Zugriff haben.

Die Maßstäbe der Zensur sind zwar lockerer geworden, Zensur gibt es aber nach wie vor. Dies gilt auch für ausländische Bücher. So ist es nicht selten, dass in der iranischen Version Teile einfach umgeschrieben oder gestrichen wurden. Selbst wenn man das Siegel des Zensors hat, ist man vor Schwierigkeiten nicht gefeit. Während der Messe tauchten Sicherheitsbeamte am Stand von Arash Hezaji auf und konfiszierten ohne Angabe von Gründen alle Exemplare von Coelhos „Zahir“. Hezaji fürchtet seither um seine persönliche Sicherheit und solche Vorfälle lassen auch andere Verleger nicht unbeein-druckt.

Die Verunsicherungen, die solche Aktionen hervorrufen, der mühsame Kleinkrieg gegen die Zensurbehörden sind ein Teil der Erklärung, warum politische Bücher, die sich mit dem gegenwärtigen Iran auseinandersetzen, so gut wie nicht mehr zu finden sind.

„Niemand fragt mehr danach“, sagt Pirousi und auch sein Standnachbar, der Che Guevara im Angebot hat, klagt über flaue Geschäfte. Er hat sein Sortiment deshalb um Titel über Yoga und indische Mystik erweitert. Bei anderen Verlagen hat die politische Literatur den Platz für Selbsthilfe, Ratgeber und Psychologie geräumt.

„Die Menschen sind von der Politik desillusioniert“, hat Lahiji beobachtet „und sich ins Private zurückgezogen.“ Die Reformer haben mit ihrem Versprechen von mehr Freiheiten enttäuscht und so sucht man das Glück im Privaten.

Die einheimische Belletristik kann von diesem Rückzug allerdings nicht profitieren – die Liebesromane ausgenommen. Obwohl es eine Reihe von neuen literarischen Stimmen gibt, finden sie kaum Beachtung. Zoya Pizad hat mit ihren Erzählungen aus dem Süden des Irans ein paar tausend Leser gefunden, aber die Startauf-lagen neuer Autoren liegen in der Regel zwischen 500 und 1.000 Exemplaren.

Bezeichnend ist es dabei, dass es in erster Linie Frauen sind, die die Gegenwart in ihrer Literatur zum Thema machen. Männliche Autoren scheinen historische Stoffe zu bevorzugen. „Die Männer leben bei uns noch in der Vergangenheit“, scherzt Lahiji. Sehr oft wohl wahr.

 

© Martin Ebbing 2005