Iran: Bam - drei Monate nach dem Erdbeben / Teil 3

24. März 2004


Nicht alle ausländischen Hilfsorganisationen arbeiten so geduldig und mit so einem langen Atem. Das Technische Hilfswerk hatte mal einen Mann vor Ort, der aber wieder abgezogen wurde. Ein neuer Vertreter soll in den nächsten Tagen kommen. Die Malteser Auslandshilfe schickte nach dem Beben sehr schnell ein Team zur Rettung und Versorgung der Verschütteten. Nachdem diese Arbeit eingestellt wurde, flog diese Gruppe wieder nach Hause. Ein neuer Vertreter der Malteser kam nach Bam und organisierte die Lieferung von 20 Schul- nebst 6 Toilettencontainern. Auch dieser Mann zog wieder ab und überließ die Aufstellung der Container einer iranischen Hilfsorganisation. Seit sechs Tagen vertritt Carsten Stork nun die Malteser in Bam, hat sein Büro allerdings nicht vor Ort sondern im 150 Kilometer entfernten Kerman. Dort soll er die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den iranischen Nichtregierungsorganisationen koordinieren.

In seinem Büro im ersten Stock eines Krankenhauses kämpft er bislang allerdings die meiste Zeit mit den Tücken des Alltags in einem iranischen Krisengebiet: wer ist für was zuständig? Wie bekomme ich ein Handy? Welche deutschen Organisationen gibt es vor Ort und wie kann ich sie erreichen? Daneben klopfen pausenlos Bittsteller an seiner Tür und wollen ihm neue Projekte vorstellen.

Bei einem Besuch in Bam erlebte er eine unangenehme Überraschung. Die Schulcontainer waren wie vorgesehen auf drei zerstörte Schulen verteilt worden. Von den sechs Toilettengebäuden, die immerhin so groß wie ein Lastwagen sind, sind aber zwei spurlos verschwunden. Der iranische Vertreter, der ihre Aufstellung überwachen sollte, zuckte ratlos mit den Schultern.

Es gibt in Bam neben der staatlichen Seite und den Ausländern noch eine dritte Gruppe, die sich etwas stiller aber vielleicht nicht weniger effektiv um Hilfe bemüht. Einen Tag nach dem Erdbeben war Ali Divsalar mit einem Koffer voller alter Kleidungsstücke von Teheran nach Bam gefahren und ist dort geblieben. In der Nähe der Zitadelle hat er im Schatten einiger Palmen eine kleine Zeltstadt aufgebaut, in der er etwa 250 Waisen und Halbwaisen des Bebens betreut. Die Kinder finden hier Spielzeug zum Herumtoben, Duschen und Waschgelegenheiten, Bücher, Videos und einen Fernseher. Ein Arzt hat sich bereit erklärt, kostenlos einmal die Woche hier seine Praxis abzuhalten. In einem Zelt können Erkrankte vorübergehend stationär behandelt werden. Eine Psychologin bemüht sich, ebenfalls ohne Honorar, um die seelische Betreuung der oft traumatischen Kinder. Das notwendige Geld kommt von iranischen Privatspenden, obwohl es notorisch knapp ist.

Ali Divsalar ist ein schlacksiger, wortkarger Typ, der gern mit den Kindern herumtollt. Das langsame Tempo des Wiederaufbaus nimmt er als eine Tatsache des Lebens hin. Er hat auch vor Bam schon ausreichend Erfahrungen mit iranischen Behörden gesammelt.

Ihn bedrückt mehr die Hoffnungslosigkeit, die sich wie der Staub langsam über Bam niederlegt. Opium war in Bam immer schon leicht zu beschaffen, da die Stadt an einer der Hauptschmuggelrouten von Afghanistan in den Westen liegt, erzählt Divsalar. Aber vor dem Beben war es nur ein kleiner Kreis, der es - wie hier üblich - gegessen oder im Tee aufgelöst hat. "Nun", er zeigt dabei mit dem Finger von Zelt zu Zelt, deren Kerosinlampen im Inneren durch den Stoff in der Dunkelheit wie kleine Fesselballons leuchten "gibt es fast kein Zelt mehr, in dem nicht Opium konsumiert wird. Wir haben Jugendliche hier, 14, 15 Jahre alt, die schon Anzeichen von Sucht aufweisen.."

"Erst wurden die Häuser von Bam zerstört", fügt er hinzu. "Nun droht den Menschen das gleiche Schicksal."


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© Martin Ebbing 2004