Iran: Bam - drei Monate nach dem Erdbenen / Teil 2

24. März 2004


An einer Wasserstelle wäscht eine kleine Gruppe Frauen das Geschirr. "Schauen Sie", fordert eine der vier den vorbeikommenden Ausländer auf, "nichts als Bohnen und Tunfisch. Bohnen und Tunfisch. Seit drei Monaten nichts anderes."

Ein Mann kommt von der gegenüberliegenden Straßenseite dazu. Ob es richtig sei, dass aus dem Ausland Hilfe für die Obdachlosen nach Bam geschickt worden sei. Er kramt aus der Tasche einen Zeitungsartikel hervor und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle, in der von deutschen Rettungskräften und Hundestaffeln berichtet wird. Ein paar Zeilen tiefer ist von Geld, Schulen und Krankenhäusern die Rede. "Wie kommt es, dass wir davon noch nichts gesehen haben?"

Die selbe Frage stellt Abdol Mochtari. Er ist im Hauptberuf Lehrer, hat aber in der Vergangenheit gleichzeitig in einer Fabrik gearbeitet, die Kisten für das Verpacken von Datteln fertigte. Er klettert auf den Resten seines Hauses herum und zeigt die jeweiligen Stellen, an denen er Frau und Kinder, Schwester, Schwager und deren Kinder aus dem Schutt hervorgezogen hat. Schwester und Schwager waren tot. Seine eigene Familie ist mit ein paar geringeren Verletzungen, die inzwischen verheilt sind, davon gekommen. Er hat sie gemeinsam mit den Kindern der Schwester einstweilen in Kerman untergebracht.

Mochtari bewohnt ein Zelt aus buntgemustertem Stoff, das höher ist als die übliche Bauweise. Eine pakistanische Spende. Im Inneren sind an allen vier Seiten Betten aufgestellt, auf denen sich Matratzen stapeln. Sie sind Sitz- und Schlafgelegenheiten zugleich. Links vom Eingang steht auf einem kleinen Tischchen ein verstaubter Fernseher mit einer Zimmerantenne.

Er zieht unter einem der Betten einen Karton hervor und packt den Inhalt eins nach dem anderen aus: Waschpulver, Seife, Haarshampoo, Hygieneartikel für Frauen. Dies sei vor einigen Tagen als "deutsche Hilfsgüter" verteilt worden. Zum Beweis schlägt er ein kleines Büchlein auf, das jeder Hilfsbedürftige in Bam besitzt und in dem der Empfang der Spenden quittiert werden muss. In der Tat. "Deutsche Hilfsgüter" und daneben Mochtaris Unterschrift. "Aber all diese Produkte sind aus dem Iran." Mochtari zeigt auf die persischen Markennamen. "Warum tun sie das?", fragt er, um selbst die Antwort zu geben: "Die deutschen Waren stecken sie in die eigene Tasche und uns geben sie dies."

Der Verdacht, dass Hilfe aus dem Ausland in dunkle Kanäle verschwindet, ist weit verbreitet und wird nicht nur von den Betroffenen gehegt. Korruption und Misswirtschaft sind im Iran weitverbreitete Plagen, die auch die oberste politische und religiöse Führung des Landes kritisiert.

Am 9. März erklärte der Vorsitzende des iranischen Roten Halbmondes öffentlich, nur ein geringer Teil der gespendeten Gelder erreiche tatsächlich Bam. Seine Organisation habe bislang 1,9 Millionen US Dollar erhalten, obwohl aus Dokumenten hervorgehe, dass 11,8 Millionen Dollar eingetroffen seien. Wenige Tage später überwies das Außenministerium der Organisation weitere 2 Millionen Dollar.

Das iranische Waschpulver kann freilich auch mit Geld gekauft worden sein, das eine deutsche Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt hat. Herausbekommen lässt sich dies wie vieles anderes nicht. Wer nach den Verantwortlichen für den Wiederaufbau von Bam sucht, stößt auf einige ausgebrannte Container im Zentrum der Stadt. Dort hatte die Stadtverwaltung ihren Sitz bis wütende Bewohner die Gebäude Anfang März in Brand setzten. Zweimal kam es bereits zu Demonstrationen gegen das schleppende Tempo bei der Rekonstruktion der Stadt. Ein einziges zerstörtes Gebäude, das Restaurant gegenüber der historischen Zitadelle, die seit dem Beben wie eine Sandburg aussieht, über die ein Orkan hinweggefegt ist, wurde wieder aufgebaut. Für den Rest der Stadt gilt ein Baustopp. Zuerst müsse ein Generalplan für das neue Bam erarbeitet werden, aber dieser Plan lässt auf sich warten.

In einem Zelt auf einem bewachten Gelände finden sich schließlich Verantwortliche, die aber abstreiten, für irgendetwas verantwortlich zu sein und weder Namen nennen noch ein Interview geben wollen. Während einer Plauderei gestehen aber auch sie ein, dass vieles schief laufe. Der Wiederaufbau sei eine gigantische Aufgabe, die zu vielen Problemen führe. Die Zuständigkeiten seien oft nicht geklärt und nicht jeder sei seiner Aufgabe gewachsen.

Die staatlichen Stellen blieben aber nicht untätig. So würden am Stadtrand rund 1800 Ersatzwohnungen gebaut. Unerwähnt lässt die Herrenrunde, dass Fachleute diese Neubauten nicht für erdbebensicher halten. Die Kalkziegel werden einfach in eine Stahlverstrebung gemauert, nicht aber mit ihr verbunden. Wenn es wieder wackelt, fallen die Steine heraus und den Bewohnern auf den Kopf.

Auf der anderen Seite, so die nichtverantwortlichen Verantwortlichen, würde aber auch das Ausland bei weitem nicht alles halten, was es versprochen habe. Viele der vorgeschlagenen Hilfsprojekte seien nicht durchdacht und gingen einfach am Bedarf vorbei. Geld würde zugesagt, aber nicht geschickt. So hätten die Golfstaaten eine Summe von 400 Millionen US Dollar in Aussicht gestellt. Nun stelle sich heraus, dass dies als rückzahlbarer Kredit gedacht sei.

In dem Gespräch werden schwelende Ressentiments spürbar. Die Ausländer träten oft arrogant auf, zeigten manchmal eine offene Feindschaft gegenüber dem politischen System im Iran oder doch zumindest tiefe Unkenntnisse.

Mitarbeiter der Hilfsorganisationen, die in einem bunten Camp neben dem Fußballplatz ihre Zelte und Container aufgebaut haben, sparen ihrerseits nicht mit Kritik. Es gebe viele positive Ausnahmen, aber im allgemeinen seien die iranischen Behörden oft inkompetent und entscheidungsschwach. Schlendrian und Bürokratie wucherten aus vielen offiziellen Knopflöchern und unsinnige Regeln blockierten effektive Hilfe.

Friedhelm Simon von der deutschen Organisation H.E.L.P. hat ebenfalls eine Reihe von Frustrationen erlebt, formuliert seine Kritik aber etwas milder. "Ich habe das Gefühl, dass man den Umgang mit ausländischen Hilfsorganisationen erst lernen muss. Sie sind sehr hilfsbereit, aber es läuft sehr schleppend."

Simon kam vier Tage nach dem Erdbeben nach Bam und ist seither mit Ausnahme einer zweiwöchigen Unterbrechung geblieben. Nach der ursprünglichen Nothilfe hat er sich daran gemacht, die Probleme zu identifizieren, die einer dringenden Lösung bedürfen und um die sich sonst niemand kümmert. Er hat 28 Familien gefunden, bei denen ein Mitglied während des Bebens durch Verletzungen querschnittsgelähmt wurde. Für sie hat er 20 Wohncontainer - für mehr reichte das Geld nicht - beschafft, von denen die letzten in diesen Tagen aufgestellt wurden.

Er hat die Wochen dazu genutzt, einen Hersteller für diese Container im Iran zu finden, mit ihm über Ausstattung, Preis und Lieferungsbedingungen zu verhandeln, sich mit den iranischen Verantwortlichen auf die richtigen Standorte zu einigen und er weiß auch auf die Schnelle einen Kranwagen zu finden, der die Container von den Transportern hieven kann.

Simon, der über einige Jahre hinweg Erfahrungen in anderen Krisengebieten gesammelt hat, will bleiben, bis der Wiederaufbau der Häuser seiner Schützlinge abgeschlossen ist und sie wieder in ein festes Domizil einziehen können.

Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

© Martin Ebbing 2004