Iran: Bam - drei Monate nach dem Erdbeben / Teil 1

24. März 2004


Wenn man heute nach Bam kommt, begreift man schnell die Enttäuschung und die Wut.

Rechts von der Landstrasse, die von der Bezirkshauptstadt Kerman nach Bam führt, sieht man am Ortseingang einen großen Parkplatz voller LKWs. Davor ist säuberlich verbeultes, verdreht und verbogenes Altmetall aufgestapelt worden. Ein Stück weiter weist ein Schild zum "Indian Hospital".

Auf der linken Seite sind die Häuser zu sehen, die auch schon das Fernsehen nach dem Beben gezeigt hat: abgebrochene Mauerstümpfe ragen aus einem Haufen Schutt hervor. Ein Stückchen weiter ins Stadtzentrum ist auch von den Mauerresten nichts mehr zu sehen. Zusammengeschobene Ziegel, zerbrochene Holzbalken und zermalmte Lehmwände markieren die Stellen, an denen einst Menschen gewohnt haben, denen buchstäblich das Dach über dem Kopf zusammengebrochen ist.

Tieflader fahren noch immer durch die freigeräumten Strassen und verladen die Trümmer auf LKWs, die sie wiederum auf Halden außerhalb der Stadt bringen. Die Luft ist voller Staub. Staub, der bei den Aufräumungsarbeiten aufgewirbelt wird, Staub der vom Wind aus der umliegenden Wüste herangeweht wird. Im Frühjahr beginnt eine Periode von 120 Tagen mit teilweise sehr stürmischen Winden, die dichte grau-braune Wolken vor sich hertreiben.

Auch die Zelte, die überall am Straßenrand aufgereiht sind, sind vom Staub bedeckt. Nur noch schwach sind die Zeichen des iranischen Roten Halbmondes zu erkennen, die auf die Bahnen gedruckt wurde. Sehr schnell ist es nach dem Beben gelungen, den Obdachlosen zumindest diese provisorischen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Mitgeliefert wurden Decken und dünne Matratzen.

Wie viel Menschen in diesen Zelten leben, scheint niemand so genau zu wissen. 97.000 Einwohner hatte nach offiziellen Angaben Bam vor dem Erdbeben. Geschätzte 44.000 Menschen sind zu Tode gekommen. Von den rechnerisch 57.000 Überlebenden hat kaum noch jemand ein Haus, in dem er wohnen kann. Wer es sich leisten kann, ist zumindest vorübergehend aus Bam weggezogen oder hat Unterschlupf bei Verwandten in anderen Städten gefunden. Übrig geblieben sind die Armen und die, die nicht wissen wohin. Es sind sogar noch einige Neuankömmlinge hinzugekommen. Als sich in den Dörfern des bitterarmen Grenzgebietes zu Afghanistan herumgesprochen hatte, dass Hilfe aus dem Ausland nach Bam kommen würde, haben sich ganze Familien von dort aufgemacht.

Die Hilfe besteht in erster Linie aus dem Allernotwendigsten. Trinkwasser in 2-Liter-Plastikflaschen wird regelmäßig verteilt. Daneben werden neben Öl, Mehl und Reis vor allem Konserven mit Bohnen und Tunfisch ausgegeben. 20 Dosen Bohnen und 5 Dosen Tunfisch pro Person und Monat.

"Es ist nicht immer einfach, diese Konserven auch tatsächlich zu bekommen", beklagt sich Zahra Rostam Abadi, die mit ihren 22 Jahren wie viele junge Frauen in Bam älter aussieht. Der LKW mit der Hilfe kommt zu keinen festgelegten Zeiten und wenn man ihn verpasst, dann hat man Pech gehabt.

Rostam Abadi hat ihren Mann bei dem Erdbeben verloren. Sie spricht über den Morgen, als nicht nur ihr Haus sondern auch ihr bisheriges Leben zerstört wurde, mit einer sachlichen Distanz, als handele es sich um ein lang zurückliegendes Ereignis aus einer anderen Zeit. Sie teilt sich das Zelt mit ihrer Mutter und ihrer drei jährigen Tochter Mehri.

Das Schlimmste, so klagt sie, seien die hygienischen Verhältnisse. Fließendes Wasser gibt es nur an einem Kran, der ein paar Meter die Strasse hinunter aus dem Schutt ragt. Und natürlich hätten sie auch keinen Strom und keine Kühlschränke. "Gelegentlich geben sie uns auch Hühner. Aber was sollen wir damit anfangen? Wir müssen sie sofort essen, weil sie sonst schlecht werden." Überhaupt die Hitze. Im Frühjahr klettern die Temperaturen am Tag bereits auf 30Grad und mehr und es wird mit dem heranrückenden Sommer noch wärmer. Die Luft in den Zelten lädt sich mit der Hitze auf und legt sich wie eine heiße, verschwitzte Hand um den Hals und die Lungen japsen nach Sauerstoff. "Als alleinstehende Frau gehört es sich für mich nicht, das Zelt offen stehen zu lassen." Zahra Rostam Abadi rückt sich das Kopftuch ein wenig zurecht. "Es kommen viele fremde Männer vorbei."

Im Nachbarzelt, das gerade einen Fuß breit getrennt steht, wohnt eine junge Frau, die vor vier Tagen einen Jungen zur Welt gebracht hat. Auch sie hat ihren Mann sowie ihre Eltern während des Erdbebens verloren. Zwei Tanten leben jetzt mit ihr zusammen.

Der kleine Junge, der noch keinen Namen hat, hat verklebte, leicht entzündete Augen. Die besorgte Mutter hat ihn, fest in ein weißes Tuch eingewickelt, sodass die Arme eng an den Körper gepresst werden, am Morgen in die Krankenstation des iranischen Roten Kreuzes gebracht. Dort hat man ihr und ihrem Sohn aber keine Aufmerksamkeit geschenkt. "Die iranischen Ärzte sind alle überarbeitet", schimpft Zahra Rostam Abadi. Es sei besser, sich an eine der ausländischen Hilfsorganisationen zu wenden, steuert eine dritte Frau bei. Schnell sammelt sich eine Gruppe Neugieriger, gibt Ratschläge, beruhigt die Mutter und schaut auf das Baby mit Blicken, die zwischen Rührung und Bedauern, in eine solche Lage hineingeboren worden zu sein, schwanken.

An verschiedenen Stellen der zerstörten Stadt haben ausländische Hilfsorganisationen kleine Krankenhäuser und ärztliche Stationen aufgebaut. Diese Unterstützung wird dankbar angenommen, aber gleichzeitig auch immer mit der Frage verbunden, ob da nicht noch mehr sein sollte.

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© Martin Ebbing 2004