Irak: Russische Ölgesellschaften von Sanktionen frustriert

15. April 2002


Die russischen Ölgesellschaften beginnen den Glauben darin zu verlieren, dass sich mit dem Irak auf absehbare Zeit wirklich lukrative Geschäfte tätigen lassen, und mit dem Glauben sinkt auch die Bereitschaft, an Saddam Hussein als Geschäftspartner festzuhalten.

"Es hat keinen Sinn, sich weiter Illusionen zu machen. Es ist eindeutig, dass die USA eine Lockerung der Sanktionen nicht zulassen werden, so lange Saddam Hussein an der Macht ist. Deswegen werden wir in naher Zukunft auch keine Geschäfte im Irak machen - wenn überhaupt", glaubt einer der führenden Manager bei Lukoil, dem größten russischen Ölunternehmen.

Seine Firma hat gemeinsam mit Zarubezhneft und Mashinoimport 1997 einen Vertrag mit der irakischen Regierung über die Erschließung des West Qurna Ölfeldes geschlossen. Potentielle Fördermenge: 667 Millionen Tonnen. Bei einer Investitionssumme von 4 Milliarden US Dollar könnte Lukoil Einnahme in Höhe von 20 Milliarden Dollar erwarten. Kein schlechtes Geschäft. Aufgrund der Sanktionen konnte bislang aber weder ein Cent investiert noch ein Tropfen Öl gefördert werden.

Der Konkurrenz von Slavneft ergeht es ähnlich. Slavneft, ein Mittelgewicht unter den russischen Ölgesellschaften, verfügt über einen Vertrag mit Bagdad über die Förderung von 800 Millionen Barrel auf dem Subba Ölfeld. Auch hier haben die Sanktionen bislang einen Beginn des lukrativen Unternehmens verhindert.

"Wie kann man erwarten, dass diese Sanktionen gelockert werden, wenn der Irak Teil der 'Achse des Bösens' ist?", stöhnt ein führender Manager von Slavneft, der wie sein Kollege von LUKoil namentlich nicht genannt werden möchte.

Die Erklärung von US Präsident George W. Bush, der Irak bilde gemeinsam mit Nord-Korea und dem Iran eine "Achse des Bösen" sowie die öffentliche Erklärung des Weißen Hauses, den Stur von Saddam Hussein zu betreiben, haben die Hoffnung der russischen Ölindustrie auf eine mögliche Verbesserung der Lage in den Keller sinken lassen. Gleichzeitig sinkt damit auch der Anreiz für den Kreml, sich als Fürsprecher des Regimes in Bagdad einzusetzen.

Zu sowjetischen Zeiten entwickelte sich eine enge wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Moskau und Bagdad. Während des kalten Krieges kaufte der Irak sowjetische Waffen. Rechnungen in Höhe von 8 Milliarden US Dollar stehen aus dieser Zeit bis heute noch offen.

Auch nach der Niederlage im Golf-Krieg bemühte sich Saddam Hussein um enge Beziehungen mit der russischen Regierung. Nach dem Öl-für-Lebensmittel-Programm ist es dem Irak erlaubt, Öl zu verkaufen, um aus den Einnahmen unter der Kontrolle der UN Lebensmittel für die eigene Bevölkerung zu kaufen. Verträge im Wert von 1,3 Milliarden US Dollar wurden im Rahmen dieses Programms allein im letzten Jahr an russische Firmen vergeben. Aufträge im Umfang von 40 Milliarden Dollar an russische Firmen stellte das Regime in Bagdad zudem für den Fall in Aussicht, dass die UN Sanktionen aufgehoben werden.

Entsprechend hat sich die russische Regierung im UN Sicherheitsrat hartnäckig für eine Lockerung der Sanktionsbestimmungen eingesetzt, die amerikanischen und britischen Patrouillen der Flugverbotszonen im Irak als illegal kritisiert sowie Militäraktionen gegen Bagdad immer wieder öffentlich verurteilt. Diese Haltung könnte sich nun ändern.

Nachdem aus Sicht der Ölgesellschaften die Aussichten schwinden, dass Russland aus den Verträgen mit Bagdad profitieren kann, so lange Saddam Hussein noch an der Macht ist, erweitert sich für den Kreml der Spielraum für eine Kooperation mit den USA.

Präsident Wladimir Putin hält zwar weiterhin an seiner Ablehnung eines weiteren Waffenganges gegen den Irak fest, aber diese Haltung wird auch von vielen europäischen Amtskollegen geteilt. Gleichzeitig lässt Putin Anzeichen eines leichten Abrückens von Saddam Hussein erkennen. Als der stellvertretende irakische Tariq Aziz, sonst ein gern gesehener Gast, Ende Januar nach Moskau kam, blieben ihm alle Türen zu höherrangigen Offiziellen verschlossen.

Ende März konnten sich Russland und die USA nach langen Kontroversen auf eine Änderung des Sanktionsregimes gegenüber dem Irak einigen. Vereinbart wurde eine Liste von Waren, die in Zukunft ohne Prüfung des UN Sanktionskomitees an Bagdad geliefert werden können.

Die russischen Ölverträge bleiben allerdings von dieser Neuregelung unberührt. Nach Auffassung von Leonid Fedun, dem Vizepräsidenten von Lukoil, wäre dies ein Thema, über das sich Moskau und Washington ebenfalls verständigen sollten. "Wenn die Amerikaner mit militärischen Operationen gegen den Irak beginnen, werden wir unseren Vertrag verlieren und amerikanische Ölkonzerne werden unsere Stelle einnehmen", befürchtet Fedun. "Niemand hat jemals das Gegenteil gesagt."

Nach Auffassung von Dmitri Trenin, einem der führenden Experten für russische Außenpolitik bei der Carnegie Stiftung für Internationalen Frieden in Moskau, stehen in erster Linie diese kommerziellen Interesse einer Annäherung der Positionen Russlands und der USA im Wege. "Es existieren keine emotionalen Bindungen zwischen den Russen und den Irakern. Dies ist nicht Jugoslawien oder Serbien. Man muss über Interessen reden - sehr spezifischen, sehr leicht zu identifizieren Interessen."

In der Branche glaubt man zu wissen, dass die russischen Ölfirmen schon mit einem Teil des Kuchens zufrieden wären. Leonid Fedun macht auch keinen Hehl daraus, dass Lukoil bereit ist, über ein amerikanische Beteiligung an dem West Qurna Projekt zu verhandeln.

"Ich denke, ein Kompromiss müsste doch möglich sein", glaubt auch Dmitri Trenin von der Carnegie Stiftung.

 

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