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9. Juni 2004
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Für den Versuch, die Situation im Irak zu stabilisieren, hätte die sich anbahnende Kontroverse kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können. Eine neue provisorische Regierung in Bagdad ist installiert worden und einstimmig hat der UN Sicherheitsrat einen Fahrplan für einen vollständig souveränen Irak verabschiedet, da drohen die Kurden mit dem Ausstieg, vielleicht sogar mit Sezession. Die Spitze der kurdischen Führung ist bereits aus Bagdad abgereist und die kurdischen Minister in der neuen Übergangsregierung (darunter auch Außenminister Hoschjar Zebari, der gerade die UN Resolution mit ausgehandelt hat) warten nur auf das Signal, ihre Posten zu verlassen. In einem Brief am vergangenen Wochenende an US Präsident George W. Bush drohten die beiden Führer der Kurden, Masoud Barsani und Djalal Talabani den Ausstieg an. In ihrem Schreiben listen sie eine Reihe von Frustrationen auf. Dazu zählen unter anderem die mangelnde Bereitschaft der US Zivilverwaltung im Irak, die Kurden als politische Kraft zu respektieren. Die Peshmerga würden despektierlich als „Milizen“ bezeichnet, obwohl sie sich im Kampf gegen Saddam Hussein an der Seite der amerikanischen Truppen als disziplinierte Kämpfer ausgezeichnet hätten. Zivilverwalter Bremer habe das Geld, das im „Öl-für-Lebensmittel“ Programm der UN für den Aufbau der kurdischen Region vorgesehen war, für andere Zwecke einkassiert und sei gegenüber den Kurden voreingenommen. Die gleichberechtigt beider Sprachen, Arabisch wie Kurdisch, sei von der Zivilverwaltung ebenso wenig anerkannt worden, wie die kurdische Regionalregierung, die aus freien Wahlen hervorgegangen sei. Am meisten verärgert sind die beiden Herren darüber, dass kurdische Kandidaten bei der Bildung der neuen Übergangsregierung weder für das Amt des Präsidenten noch für das Amt des Premierministers berücksichtigt wurden. „Irak ist ein Land, das aus zwei Hauptnationalitäten besteht, Araber und Kurden“, schreiben sie. „Es erscheint vernünftig, dass die Araber eine der beiden Spitzenpositionen (nach ihrer Wahl) erhalten. Dann sollte aber die andere an die Kurden gehen.“ Schließlich stellen sie eine Reihe von Forderungen wie die Eröffnung eines US Konsulates in der kurdischen Region. Am wichtigsten ist ihnen aber (und dies erklärt auch den Zeitpunkt des Schreibens), dass die im März verabschiedete provisorische Verfassung (Transitional Administrative Law) in die neue UN Resolution eingebunden wird. Dies hat der Sicherheitsrat aber nicht getan. Die provisorische Verfassung galt in den Plänen des Weißen Hauses wie des UN Sicherheitsrates als erster Schritt, in dem einige Prinzipien für die demokratische Neugestaltung des Iraks wie Gewaltentrennung, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der Menschenrechte festgeschrieben werden sollten. Die inzwischen aufgelöste erste Übergangsregierung handelte die Verfassung aus, US Zivilverwalter Bremer billigte sie und am 8. März wurde sie in Bagdad feierlich unterschrieben. Auch die Kurden waren zufrieden, weil es ihnen gelungen war, einen Passus unterzubringen, der es ihnen de-facto ermöglicht, ihre Minderheitenansprüche zu waren, in dem sie ein Veto bei der Verabschiedung einer endgültigen Verfassung einlegen können. US Präsident Bush sprach damals von einem „historischen Meilenstein
auf dem langen Weg des irakischen Volkes von Tyrannei und Gewalt zu Freiheit
und Frieden.“ Inzwischen hat sicher aber herausgestellt, dass dieser
„Meilenstein“ in der Zukunft keinerlei bindende Wirkung haben
wird. Völkerrechtler sind unisono der Ansicht, dass unter Besatzung
verabschiedetes Recht die nachfolgende souveräne Regierung nicht
bindet. Nur eine ausdrückliche Anerkennung durch den UN Sicherheitsrat
hätte das Dokument vor diesem Schicksal bewahren können.
Es wird also verhandelt und ein Vermittler gesucht werden müssen.
Der schwierige Wiederaufbau des Iraks ist noch schwieriger geworden, und
die Amerikaner sind auf dem Weg, auch ihre letzten Freunde im Irak zu
verlieren.
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© Martin Ebbing 2002