Philip Gourevitch:
Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden


Buchkritik


Vor einigen Wochen kam es zu einem Eklat zwischen dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal und der Regierung Ruandas, als einer der Hauptbeschuldigten des Völkermordes in dem zentralafrikanischen Land wegen eines Verfahrensfehler auf freien Fuss gesetzt wurde. Die Regierung drohte mit dem Ende jeder Zusammenarbeit, was wohl auch ein Scheitern des Tribunals bedeutet hätte. Der Streit konnte dank des Einsatz der Chefanklägerin Carla del Ponte beigelegt werden. Seither - wohl auch aufgrund des Einsatzes von Frau del Ponte - werden in verschiedenen europäischen Ländern Personen verhaftet, die als Drahtzieher des Genozides 1994 gelten, seither aber keine Verfolgung fürchten mussten.

In der deutschen Öffentlichkeit fanden diese Vorgänge wenig Interesse. Der Völkermord in Ruanda ist weitgehend vergessen.

In Erinnerung geblieben sind vielleicht noch die Bilder der aufgequollenen Leichen, die nach dem frenetischen Massenmorden die Flüsse des Landes verstopften oder die grässlich verstümmelten Körper, die mit Macheten zerhackt worden waren. In Erinnerung ist vielleicht auch noch das Flüchtlingslager in Goma, wo mehr als eine Million Hutus auf dem steinigen Vulkanboden ausharrten. Der Anblick der ausgemergelten Gestalten, die vor laufenden Fernsehkameras buchstäblich wie die Fliegen umkippten und starben, löste auch in Deutschland eine Welle der Hilfsbereitschaft aus. Schliesslich im November 1996 die nahezu biblisch anmutende Rückkehr der Flüchtlinge nach Ruanda, die in ein schier endlos erscheinenen Menschenschlange zu Fuss den Weg aus den Lagern in ihre Heimatdörfer antraten.

Dies waren Schlaglichter auf eines der dunkelsten Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Der bis heute unaufgeklärte Abschuss des Flugzeuges mit Präsident Habyarimana an Bord am 6. April 1994 bildeten den Auftakt für ein lange vorbereitetes, wohl geplantes Gemetzel, dem innerhalb von rund 90 Tagen geschätzte 1 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Bei einer Bevölkerung von nur 4 Millionen bedeutet dies, jeder vierte Bürger des Landes kam ums Leben. Nach den Greueltaten der Roten Khmer in Kambodscha war Ruanda das zweite Mal in der jüngsten Geschichte, dass - trotz aller Schwüre nach dem Sieg über den deutschen Faschismus - ein Völkermord stattfand.

Die Medien präsentierten unter dem Druck, griffige Erklärungen zu finden, als Ursache für dieses Blutbad die Legende einer uralten Todfeindschaft zwischen den Hutus und Tutsis. Dieses Schema war nicht nur historisch falsch, sondern hinterliess auch den fatalen Eindruck, zwei Stämme afrikanischer Wilder seien dabei, sich gegenseitig auszurotten - wie es nun mal ihre Natur ist und für uns Europäer nicht weiter von Belang.

Wer genaueres erfahren will, wird enttäuscht. Bis vor kurzem existierte auf dem deutschen Markt kein einziges Buch, das den Ablauf und die Hintergründe der Ereignisse in Ruanda näher untersucht. Diese Lücke verwundert, schliesslich wird in Deutschland aufgrund der eigenen Geschichte seit nun mehr als 50 Jahren eine Debatte über die Ursachen und das Leben nach einem Völkermord geführt.

Die Berichte des amerikanischen Journalisten Philip Gourevitch, die nun auch auf Deutsch erschienen sind, bietet einen ausgezeichneten Einstieg. Gourevitch verbrachte auf verschiedenen Reisen insgesamt 9 Monate in Ruanda, um den Fragen nachzugehen, wie konnte es zu dem Unvorstellbaren kommen und wie kann eine Gesellschaft danach weiterleben. Herausgekommen ist ein Buch, das eine anschauliche Erzählweise mit sauber recherchierten Hintergrundinformationen verbindet.

So erzählt er die Lebensgeschichte von Odette Nyiramilimo, die als Tutsi immer wieder Zurücksetzungen und Bedrohungen erfahren musste. Sie musste ihre Ausbildung als Ärztin abbrechen, weil Tutsis von einem Tag auf den anderen von der Schule gewiesen wurde. Sie wurde aus einem ähnlichen Grund aus dem Krankenhaus in Kigali entlassen und konnte nach Jahren des Exils nur als Angestellte einer internationalen Hilfsorganisation wieder in ihrer Heimat Arbeiten. Die Tage des Völkermordes überlebten sie und ihr Mann dank einer Kette glücklicher Zufälle. Geblieben sind ihr Erinnerungen, die wie ein Gespenster allgegenwärtig sind.

Oder die Geschichte von Paul Rusesabagina, einem Hutu, der zum Manager des Hotels Milles Collines wurde, weil der (europäische) Manager vor der explodierenden Gewalt das Weite gesucht hatte. Rusesabagina gelang es mit Geschick und dem Alkoholbestand der Hotelbar, den Mordbanden die Leben einer Reihe von Flüchtlingen abzuhandeln, die im Milles Cillines Unterschlupf gefunden hatten. In der Nacht nutzte er die einzige noch verbliebene Telefonleitung, um die amerikanische, die belgische und die französische Regierung um Hilfe zu bitten.

Mit diesen Portraits erhält der Konflikt Gesichter. Die Mörder wie die Opfer haben Namen und eine persönliche Geschichte. Keine archaischen Stammesrituale, keine jahrhundertalte Stammeszwistigkeiten, sondern eine Mischung aus Machtgier und Rassismus, zu dem die deutschen und belgischen Kolonialherren den Grundstein gelegt hatten, waren die Triebkräfte der Mordlust, der nicht nur Tutsis sondern auch Hutus zum Opfer fielen.

Die Hilferufe blieben unbeantwortet. Gourevitch zeichnet nach, wie die UN kläglich versagte, als sie die Warnungen vor den geplanten Massakern ignorierte und bei Ausbruch der Gewalt die Menschen ihrem Schicksal überlies. Die USA und die europäischen Staaten weigerte sich den Völkermord beim Namen zu nennen, weil sie dann zum Eingreifen verpflichtet gewesen wären. UN Generalsekretär Kofi Annan, der damals direkt für die Friedensmission in Ruanda verantwortlich war, hat mittlerweile das Fehlverhalten seiner Organisation eingestanden und US Präsident Bill Clinton entschuldigte sich sogar öffentlich bei einem Besuch in Kigali.

Die Überlebenden müssen weiterhin mit ihren Erinnerungen leben. Oft wohnen die Familien der Täter und die Familien der Opfer dicht nebeneinander. Tausende von Kindern wachsen als Waisen auf oder werden von ihren Müttern abgelehnt, weil sie das Ergebnis einer Vergewaltigung sind. Die ruandische Justiz ist mit der Ermittlung der Täter und der Bestrafung der Schuldigen immer noch hoffnungslos überfordert.

Die Gewalttaten innerhalb des Landes sind beendet, aber der Schauplatz der Kämpfe hat sich ausserhalb der Grenzen verlagert. Die Mordbanden haben sich in Tansania, in Burundi und in der Demokratischen Republik Kongo neu organisiert. Die ruandische Regierung nahm dies wiederum zum Anlass, erst den Sturz des Diktators Mobutu zu orchestrieren und nun die Rebellen gegen dessen Nachfolger Kabila im Kongo zu unterstützen.

Das Buch hat deshalb nichts an Aktualität verloren.

Philip Gourevitch: Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden. Bericht aus Ruanda.
Berlin Verlag, Berlin 199; 427 Seiten, 44 DM

 

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