Georgien: Al-Qaida im Pankisi Tal?

21. Februar 2002


Der russische Präsident Wladimir Putin kann zufrieden sein. Seit Beginn des zweiten russischen Feldzuges zur Niederschlagung der Rebellion in Tschetschenien hat er davor gewarnt, der südliche Nachbar Georgien biete den bewaffneten Rebellen Unterschlupf und bilde einen Hort des Terrorismus. Nun scheinen sich die USA dieser Position anzunähern.

In einem Interview mit der georgischen Wochenzeitung Akhali Wersia (Neue Version) erklärte der Geschäftsträger der US Botschaft in Tbilisi, Philip Remler, er habe Kenntnisse, dass eine Reihe von Kämpfern aus Afghanistan im Pankisi Tal, aufgetaucht seien und dort in Kontakt mit dem Feldkommandanten Chattab in Verbindung ständen. Chattab ist arabischer Abstammung, kämpft aber in Tschetschenien und steht ganz oben auf den russischen Fahndungslisten. Bekannt sei auch, so schlug Remler die Verbindung zur Al-Qaida, dass Chattab mit Osman bin Laden in Verbindung stehe. Das Tal stelle inzwischen einen "Zufluchtsort für internationale Terroristen" dar.

Das Pankisi Tal, eine 30 Kilometer lange und 3 Kilometer breite Schlucht, grenzt an die tschetschenische Grenze und ist notorisch für seine Gesetzlosigkeit. Seit Mitte der 90er Jahre operieren dort Banden, die im Drogengeschäft und in der Lösegelderpressung aktiv sind. Mit dem Beginn des zweiten Krieges flüchteten 15.000 Tschetschenen in das Tal, in dem bereits mit den Kist eine ethnisch verwandte Gruppe lebt. Geschätzte 6.000 Flüchtlinge, die Angst haben, in ihre Heimat zurückzukehren, halten sich immer noch Pankisi Tal auf.

Die Regierung in Moskau ließ sich die amerikanische Vorlage nicht entgehen. Schon lange ist das Pankisi Tal Streitpunkt zwischen Russland und Georgien. Moskau drohte immer wieder mit militärischen Aktionen, um eigenhändig gegen tschetschenische "Terroristen", die ihre Basis hätten, vorzugehen. Mehrfach drangen russische Hubschrauber und Flugzeuge in den georgischen Luftraum ein.

Der russische Außenminister Igor Iwanow spekulierte öffentlich darüber, ob sich nicht vielleicht bin Laden selbst in der Umgebung der georgischen Stadt Akhmeta aufhalte, zu der auch das Pankisi Tal gehört. Vier Tage später legte Verteidigungsminister Sergej Iwanow nach und erklärte, "die Situation in dieser Gegend erinnert an das, was Tschetschenien oder auch Afghanistan einmal war, nur in einem kleineren geographischen Maßstab."

Georgiens Präsident Edward Schewardnadse versuchte mit Humor zu reagieren. In einem Interview scherzte er, er könne sich die Vermutungen des russischen Außenministers nur durch den Umstand erklären, dass dessen Mutter aus Akhmeta stamme und dort immer noch ein Haus habe. Vielleicht verstecke sich bin Laden ja in diesem Haus.

Dieser dünne Scherz kann aber nicht überdecken, dass die georgische Regierung nun von den eigenen Fehlern und Versäumnissen eingeholt wird und tief in der Klemme steckt. Kategorisch wurden alle russischen Vorwürfe, im Pankisi Tal hielten sich tschetschenische Kämpfer auf, als unbegründet zurückgewiesen, bis Schewardnadse im Herbst vergangenen Jahres dann selbst zugeben musste, dass wohl doch etwas an den Informationen dran sei.

Georgien duldete nicht nur den Aufenthalt dieser Freischärler, sondern kooperierte auch mit ihnen. Im Oktober letzten Jahres transportierten LKWs der georgischen Armee 400 Tschetschenen unter der Führung von Kommandant Ruslan Gilajew an die Waffenstillstandslinie mit der abtrünnigen georgischen Provinz Abchasien. Von dort aus drangen sie in Absprache mit georgischen Sicherheitskräften nach Abchasien ein. Die nachfolgenden Kämpfe mit abchasischen Milizen torpedierten nicht nur den Friedensprozess zwischen Tbilisi und der selbsternannten Regierung in Succhumi, sondern brachten beide Seiten auch an den Rand eines offenen Krieges.

Es existieren zudem vielfältige Hinweise, dass führende Regierungsmitglieder mit den kriminellen Banden im Pankisi Tal enge Verbindungen besitzen. So wunderte man sich in Georgien darüber, dass Polizeisperren jedem Normalbürger den Zugang zu den Tal versperren, Kidnapper aber ohne Mühe ihre Opfer dort hin verschleppen konnten. Der ehemalige Innenminister Kakha Targamadse galt als Drahtzieher des Drogenhandels im Tal, bis er Ende Oktober unter öffentlichem Druck von Schewardnadse, der lange versuchte, an ihm festzuhalten, entlassen wurde.

Georgiens Minister für Nationale Sicherheit kündigte im Januar eine große Kampagne an, um die Probleme im Pankisi Tal endlich in den Griff zu bekommen, aber diese Kampagne hat bislang wenig Ergebnisse gezeigt. Nach seinen Angaben sind knapp ein Dutzend Drogenhändler verhaftet worden, blieb aber jeden Beweis schuldig. Kennzeichnend für die Situation ist es, dass am 17. Februar Drogenhändler vier Polizisten kidnappten, nachdem ein bekannter Schmuggler festgenommen wurde. Die Polizisten wurden schließlich nach drei Tagen wieder freigelassen.

Moskau sieht die Gelegenheit deshalb als günstig an, den alten Vorschlag von gemeinsamen russisch-georgischen "Antiterrorismus-Operationen" wieder auf den Tisch zu legen. Verteidigungsminister Iwanow erklärte, entsprechende Konsultationen mit den georgischen Partnern fänden bereits statt. Von der georgischen Regierung wird dies dementiert, aber am Mittwoch traf überraschend der Leiter des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB, Nikolai Patruschew, in Tbilisi ein.

Eine solche gemeinsame Operation würde Russland eine weitere Einflussmöglichkeit in Georgien geben, die Präsident Schewardnase unter allen Umständen zu verhindern versucht. Er hielt deshalb mit der Ankündigung dagegen, gemeinsame Operationen mit Russland seien "unakzeptabel", aber er wolle "wenn es notwendig wird" in einen Dialog mit Washington über den Einsatz von US Streitkräften zur Terrorismusbekämpfung in Georgien eintreten. "Systematische Gespräche" zu diesem Thema gäbe es aber noch nicht.

Die US Regierung steht solchen Wünschen durchaus offen gegenüber. Ein Einsatz von US Truppen an der tschetschenischen Grenze erscheint aber eher unwahrscheinlich, weil dies in Moskau als eine Provokation verstanden würde, aber es ist offensichtlich, dass die US Regierung gern ihren militärischen Einfluss in der Region, die zum wichtigsten Transitkorridor für die Energiereserven des Kaspischen Meeres und Zentralasiens werden soll, verstärken möchte. In seinem Interview mit der Wochenzeitung Akhali Wersia fügte Geschäftsträger Philip Remler bereits an, seine Regierung erwäge, das georgische Verteidigungsministerium beim Aufbau einer eigenen Antiterrorismus-Einheit zu unterstützen. Oppositionsführer Mikhail Saakashwili erklärte am Mittwoch nach seiner Rückkehr aus Washington, wo er auch mit dem stellvertretenden US Verteidigungsminister Paul Wolfowitz zusammen getroffen war, er sei sich sicher, dass die USA Georgien nicht allein lassen würden. In seinen Gesprächen sei klar geworden, dass Russland nicht der einzige Akteur im Kaukasus sei.

 

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