Männer mit Anzug und Krawatte (die russische Delegation) sowie mit Anzug und kragenlosem Hemd (die iranische Delegation) bahnten sich den Weg durch den überfüllten Presseraum. Gholamreza Aghazadeh, Chef der iranischen Atomenergiebehörde, nahm links am Tisch hinter den Mikrophonen Platz. Sergej Kirijenko, Chef der russischen Atomenergiebehörde, saß rechts.
Auf eine gemeinsame Erklärung wurde verzichtet. Sieben, acht Fragen der Journalisten wurden beantwortet, wobei die Softball-Fragen der regierungseigenen Medien den Anfang bildeten. Dann war die gemeinsame Pressekonferenz der beiden Delegationen auch schon vorbei.
Sehr detailfreudig war die Veranstaltung nicht, aber zumindest war zu erfahren:
+ eine Fertigstellung des von den Russen gebauten Reaktors in Bushehr ist noch nicht abzusehen. Es sollen jetzt gemeinsame Arbeitsgruppen gebildet werden, die den Fortschritt monatlich überprüfen. Als möglicher Fertigstellungstermin wird nun der Oktober genannt.
Von den Mitgliedern der iranischen Delegation war am Rande zu hören, dass die Arbeiten bis zu 90 Prozent abgeschlossen seien. Die russische Seite verschleppe aber die Lieferung der restlichen Teilstücke. Sie machten keinen Hehl daraus, dass sie politische Motiven hinter den Verzögerungen vermuten.
Der Gedanke ist mehr als naheliegend. Die Fertigstellung von Bushehr ist ein politisches Druckmittel gegenüber Teheran - nicht nur in der Nuklearfrage. Zudem hat man auch in Moskau das Vertrauen verloren, dass alles bei dem iranischen Atomprogramm mit rechten Dingen zugeht.
Bushehr ist ein Hebel, um den Iran zu einem Kompromiss zu zwingen. Ein Kompromiss wiederum würde die Stellung Moskaus in der Region sowie gegenüber dem Westen stärken. Letztlich ist es doch angenehmer, als zu respektierendes Mitglied am Tisch der G8 zu sitzen, als zu enge Bande mit einem mit Misstrauen betrachteten Regime zu pflegen.
+ Lieferung der Brennstäbe für Bushehr: dito. Dieser Punkt ist natürlich brisanter als der Reaktor, weil angereichertes Uran (wenn es auch nicht zum Bau einer Bombe zu verwenden ist) die Alarmschwelle sinken lässt.
+ Der Iran will innerhalb des kommenden Monats mit der Ausschreibung für den Bau zweier weiterer 1000 MW-Reaktoren in Bushehr beginnen. Russland werde unter den Bewerbern, so Aghazadeh, eine „favorisierte Stellung” einnehmen.
+ Schließlich die Äußerung, die für uns Journalisten die Reise nach Bushehr wert machte: nach den Worten von Aghazadeh sei eine „grundsätzliche Vereinbarung” zum Bau einer gemeinsamen Anreicherungsanlage auf russischem Boden erzielt worden.
Kirijenko war zuvor noch deutlich zurückhaltender gewesen und hatte nur von „komplexen Fragen” gesprochen, über die in den kommenden Tagen in Moskau weiter verhandelt werden solle. Von Optimismus war nichts zu spüren. Im Gegenteil. Kirijenko deutete sogar an, dass die Diplomatie den Verhandlungen eventuell noch etwas Zeit lassen müsse. Gemeint war die Sitzung des Gouverneurrates der Atomenergiebehörde am 6. März in Wien, auf der die Entscheidung fallen soll, ob der Fall Iran an den Weltsicherheitsrat überstellt wird.
Nicht gesagt hat Aghazadeh, was Gegenstand dieser „grundsätzlichen Vereinbarung” ist.
Bislang wurden drei Modelle einer solchen Kooperation diskutiert:
- eine russisch-iranische Firma, die angereichertes Uran auf dem Weltmarkt kauft und an den Iran liefert sowie die Rückführung der Brennstäbe sicherstellt.
- eine gemeinsame Anlage, bei der der Iran das Geld, Russland die Technologie stellt. Andere Teilhaber sind möglich. China wird immer wieder als einer der Kandidaten genannt.
- eine gemeinsame Anlage, in der der Iran an der Anreicherung beteiligt ist. Auch hier sind weitere Partner denkbar.
Gefallen hat Teheran bislang aber nur an dem Modell 3 gefunden, was wiederum von den USA und den europäischen Staaten, die dem Iran den Zugang zu diesem Know how verwehren wollen, abgelehnt wird.
Anklingen ließ Aghazadeh dagegen, dass über mehr als nur die wirtschaftlichen und technischen Einzelheiten einer gemeinsamen Anreicherungsanlage. Sybillinische sprach er von „anderen Elementen” und „Vorbedingungen”, über die ebenfalls geredet werden müsse – nicht allerdings mit den Reportern.
+ Schweigen auch in dem eigentlich entscheidenden Punkt. Aghazadeh verlor kein Wort, ob der Iran bereit ist, die Anreicherungsarbeiten im eigenen Land einzustellen.
Nichts anderes wird die USA und die Mehrzahl der europäischen Staaten zufrieden stellen.