Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer sieht in seiner wöchentlichen Kolumne, die in Deutschland von der ZEIT gedruckt wird, Anzeichen am Horizont, dass die US Regierung gemeinsam mit Israel eine militärische Operation gegen die iranischen Atomanlagen plant.
Bush hatte zwar versprochen, noch in diesem Jahr einer Lösung des Nahostkonflikts näher zu kommen. Aber nach seinem Besuch in Israel muss man wohl davon ausgehen, dass er etwas ganz anderes vor dem Ablauf seiner Amtszeit - gemeinsam mit Israel - zu erledigen gedenkt: das iranische Atomprogramm und zwar militärisch und nicht diplomatisch.
Wer dieser Tage die englischsprachigen israelischen Medien las und auch während der Feierlichkeiten in Jerusalem genau zu- und hinhörte, der musste kein Prophet sein, um zu begreifen, dass sich die Lage ernsthaft zuspitzt:
- „Schluss mit Appeasement!“ ist eine Forderung, die quer durch das politische Spektrum Israels erhoben wird und die die nukleare Bedrohung aus Iran meint.
- Verteidigungsminister Ehud Barak wird in den Medien zitiert, dass, während Israel feiere, sich über seinen Köpfen eine militärische Konfrontation auf Leben und Tod zusammenziehen könne.
- Der scheidende Oberbefehlshaber der israelischen Luftwaffe erklärte deren Fähigkeit, jeden noch so schwierigen Auftrag ausführen zu können, um die Sicherheit des Landes zu gewährleisten; die Zerstörung der syrischen Nuklearanlage vergangenes Jahr und die internationale Nichtreaktion darauf wurden als beispielgebend angeführt.
- Die Wunschliste Israels für Rüstungslieferungen aus den USA, die mit dem amerikanischen Präsidenten erörtert wurde, konzentrierte sich überwiegend auf die Verbesserung der Angriffsfähigkeit und Präzision der Luftwaffe.
- Die Wirkungs-, ja Hilflosigkeit der diplomatischen Initiativen und UN-Sanktionen findet allenthalben Erwähnung.
- Und nicht zuletzt wichtig in der politischen Debatte Israels sind das sich schließende Zeitfenster mit dem Ablauf der Regierungszeit von US-Präsident Bush und die Ungewissheit über die Politik seines Nachfolgers.
Nun war Fischer mal Außenminister und ich nicht. Von daher besitzt er bei weitem die höhere Kompetenz, die Zeichen an der Wand zu erkennen.
Dennoch, überzeugend finde ich es nicht. Warum nicht?
1. An den Grundfaktoren, die vor einem guten Jahr gegen Kriegsgerüchte sprachen, hat sich nichts grundsätzliches geändert. Die US Army leidet immer noch unter den Blessuren des Krieges im Irak und es steht ihr wenig der Sinn nach einem neuen Abenteuer, dessen Ausgang noch ungewisser ist, als es der Irak-Krieg war.
Die US Army ist kriegsmüde.
2. Mit einer Operation gegen den Iran würde eine Dynamik in Gang gesetzt, die die in den letzten Monaten mühsam erreichten Fortschritte im Irak wieder gefährden würde. Was man im Iran (unter günstigsten Voraussetzungen) erreichen könnte, könnten man im Irak wieder gefährden.
George W. Bush möchte seine Amtszeit sicher nicht mit einem Scherbenhaufen im Irak enden.
3. Zum Chaos im Irak würde sich noch ein möglicher Absturz der Weltwirtschaft gesellen. Schon jetzt bewegt sich der Ölpreis auf 150 USD zu. Bei einer Operation gegen den Iran, dürfte der Preis auf mindestens 200 USD und mehr in die Höhe schießen.
4. Die über die letzten Jahren mühsam gepflegte Koalition der P5+Deutschland würde auseinander brechen. Weder China noch Russland würden einen Militärschlag akzeptieren und auch Berlin würde stark ins Schwitzen geraten.
Abseits von direkten Gesprächen zwischen den USA und dem Iran ist diese Koalition das beste diplomatische Instrument, das derzeit existiert. Würde das Bündnis zerbrechen, dürfte es schwer werden, es wieder zusammen zu kitten, und die diplomatischen Optionen wwürden noch beschränkter als sie allemal schon sind. Mit einem Militärschlag hätte sich die Diplomatie aber bei weitem nicht erledigt. Der Iran wird seine Pläne (welche auch immer) nicht einstellen – auch wenn sie durch die Zerstörung der Anlagen in Natanz oder Isfahan einen Rückschlag erleiden würden. Das Know-How ist längst vorhanden. Um zu einer tragfähigen Lösung zu kommen, benötigt man eine Vereinbarung und Vereinbarungen lassen sich schwer ohne Diplomatie treffen. Anderenfalls nähert man sich einer Situation wie in Palästina, wo das Fehlen tragfähiger Vereinbarungen immer wieder zum Ausbruch neuer Gewalt führt.
5. Die US Regierung hat keinerlei Unterstützung für eine solche Operation im eigenen Land. Meinungsumfragen zeigen, dass die Mehrheit der Amerikaner direkte Gespräche mit Teheran befürworten oder zumindest keine militärische Operation unterstützt.
Auch im Kongress dürfte es das Weiße Haus schwer haben, eine Zustimmung zu erreichen. Auch unter den Republikanern gibt es einflussreiche Stimmen, die die diplomatischen Optionen noch nicht für ausgeschöpft ansehen.
Nach der Veröffentlichung des NIE zum Iran ist zumindest das Argument, der Iran stelle eine „unmittelbare Gefahr“ dar (Voraussetzung für die Autorisierung eines militärischen Handlung durch den Präsidenten) stark in Frage gestellt. Es dürfte Bush mehr als schwer fallen, Öffentlichkeit wie Kongress davon zu überzeugen, dass ein Militärschlag notwendig war. Die Erfahrungen damit, wie das Weiße Haus den Amerikanern den Krieg gegen den Irak verkauft hat, dürften ihm diese Aufgabe nicht einfacher machen.
6. Auch (selbst?) George W. Bush wird das Weiße Haus nicht mit einem Scherbenhaufen verlassen wollen. Mit einem Angriff auf den Iran in seinen letzten Amtstagen würde er eine Dynamik im Mittleren Osten in Gang setzen, die zu kontrollieren seinem Nachfolger in den Schoss fallen würde.
Solch ein Verhalten wäre gar noch stilloser, wenn Obama die Wahlen am 4. November gewinnen würde, der bekanntlich dafür eintritt, es mit direkten Gesprächen mit dem Iran zu versuchen.
Die ewige Verdammnis in den amerikanischen Geschichtsbüchern wäre Bush sicher – wenn nicht für mangelnde Substanz, dann doch für mangelnden demokratischen Stil. Um nichts sorgen sich amerikanischen Präsidenten mehr (wie Fischer sicher weiß) als um ihr Ansehen in den Geschichtsbüchern.
All dies bezieht sich allein auf die USA. Meine Kenntnisse der innenpolitischen Verhältnisse in Israel sind zu gering, um mit dazu eine halbwegs fundierte Meinung zu bilden. Von daher kann ich es nicht ausschließen, dass Israel einen Alleingang erwägt. In Washington wird man aber sicher wissen, dass es ein Glaubensgrundsatz im Mittleren Osten ist, dass keine israelische Eregierung so etwas unternehmen würde, ohne sich der Zustimmung der USA sicher zu sein. Was immer also Tel Aviv unternimmt, es würde auf Washington zurückfallen.
Die USA haben seit Beginn dieses Konfliktes eine „militärische Option“ nie ausgeschlossen, gleichzeitig aber immer dementiert, dass sie einen konkreten Angriff planen. Die Drohung mit der „militärischen Option“ gehört nach meiner Meinung zu seinem Szenarium, Teheran auf allen Ebenen unter Druck zu setzen und in der Defensive zu halten. Zwischen Androhung und Durchführung steht bislang immer noch die nüchterne Abwägung der Risiken und Konsequenzen.
Das bedeutet nicht, dass derartige offene oder verdeckte Drohungen harmlos sind. Es ist ein Spiel mit dem Feuer und gleichzeitig wird eine Atmosphäre geschaffen, in der Verhandlungen kaum möglich sind. Aber der Krieg wird diese Woche sicher nicht anfangen.
Ich kenne auch das Argument, Bush und vor allem Vize-Präsident Dick Cheney seien so von einer militärischen „Lösung“ des Iran-Problems besessen, dass sie sich über die besseren Argumente, die gegen solch eine Aktion sprechen würden, einfach hinwegsetzen.
Nichts ist unmöglich, aber dies wäre sicher eher ein Fall für die Psychologie als für einen politischen Diskurs.
PS: Wenn Fischer es für denkbar hält, dass die US Regierung wie Israel sich doch für einen Militärschlag entscheiden könnten, warum macht er sich dann nicht dafür stark, dass die europäischen Regierungen bereits jetzt keinen Zweifel daran lassen, dass sie solch einen Schritt verurteilen würden?