Nicht unbedingt mehr so bedrohlicher Zwischenfall
Nachdem sich die Einzelheiten des Zwischenfalls im Persischen Golf am vergangenen Sonntag zwischen Patrouillenbooten der Revolutionären Garden und drei US Kriegsschiffen ein wenig aussortiert haben, sieht die Geschichte nicht mehr so dramatisch aus, wie sie von amerikanischer Seite dargestellt wurde.
Der Reihe nach:
1. Der Iran veröffentlichte am Donnerstag seine eigene Version des Zwischenfalls
Iran’s English-language Press-TV broadcast a video showing an Iranian commander in a speedboat contacting an American sailor via radio, asking him to identify the US vessels and state their purpose.
“Coalition warship number 73, this is an Iranian patrol,” the Iranian commander is heard to say in English, asking for the vessel to confirm its number.
“This is coalition warship number 73. I am operating in international waters,” replied the American voice. (AFP)
Zu sehen waren nicht zu identifizierende Kriegsschiffe aus der Perspektive eines iranischen Patrouillenbootes. Der Sprechfunk deutete darauf hin. Später war noch in dem Video ein Dialog auf Farsi zu hören, in dem davor gewarnt wurde, sich nicht mit zu hoher Geschwindigkeit den US Schiffen zu nähern. Insgesamt also eine routinemäßige Kontrolle nach den üblichen Regel und keinerlei Provokation, sondern größte Vorsicht.
Nur hat die iranische Version kaum größere Beweiskraft als das amerikanische Video. Wer sagt, dass das Umkurven der amerikanischen Schiffe mit hoher Geschwindigkeit nicht später stattgefunden hat und der iranischen Zensur zum Opfer gefallen ist?
2. Das Pentagon hat inzwischen eingestanden, dass es nicht eindeutig identifizieren kann, wer die ominöse Stimme ist, die auf Englisch, aber mit ausländischem Akzent warnte “I am coming to you. … You will explode after … minutes.”
Pentagon officials said they could not rule out that the broadcast might have come from shore, or from another ship nearby, although it might have come from one of the five fast boats with a high-quality radio system. (NYT1)
Auf jeden Fall klingt die Stimme nicht wie die des Mitglieds der Revolutionären Garden, die in dem iranischen Video zu hören ist.
Die Navy Times, eine private Zeitung, fand eine andere Erklärung, wer sich einen Spass daraus gemacht haben könnte, die US Schiffe zu bedrohen.
In recent years, American ships operating in the Middle East have had to contend with a mysterious but profane voice widely known as the “Filipino Monkey,” likely more than one person, who listens in on ship-to-ship radio traffic and then jumps on the net shouting insults and epithets. (USA Today).
3. Die Kisten, die von einem der iranischen Boote ins Wasser geworfen wurden, stellen sich nun als nicht mehr gefährlich heraus und waren auch schon wären des Zwischenfalls von der Besatzung nicht als Bedrohung betrachtet worden.
The small, boxlike objects dropped in the water by Iranian boats as they approached U.S. warships in the Persian Gulf on Sunday posed no threat to the American vessels, U.S. officials said yesterday, even as the chairman of the Joint Chiefs of Staff charged that the incident reflects Iran’s new tactics of asymmetric warfare.
After passing the white objects, commanders on the USS Port Royal and its accompanying destroyer and frigate decided there was so little danger from the objects that they did not bother to radio other ships to warn them, the officials said.
“The concern was that there was a boat in front of them putting these objects in the path of our ships. When they passed, the ships saw that they were floating and light, that they were not heavy or something that would have caused damage,” such as a mine, said Cmdr. Lydia Robertson, a spokeswoman for the Navy’s Fifth Fleet in the Gulf. (WP)
Bleibt also: es gibt zwei unterschiedliche Darstellungen, was genau da an diesem Sonntag passiert ist (das Pentagon veröffentlichte noch ein zweites, längeres Video, das aber auch nicht mehr Aufschluss ergab). Es ist zweifelhaft, ob sich der genaue Hergang rekonstruieren lassen wird. Sicher ist aber, dass der Hergang nicht so dramatisch war, wie er ursprünglich von US Seite dargestellt wurde.
Ein wenig in die Defensive geraten, hat sich das Pentagon nun mehr oder weniger auf die Position zurück gezogen, der Vorfall hätte gefährlich sein können.
Die drohende Stimme, so die Darstellung eines Navy Sprechers, musste in dem Moment zum Gefühl der Bedrohung beitragen.
“It happened in the middle of all the very unusual activity, so as we assess the information and situation, we still put it in the total aggregate of what happened Sunday morning. I guess we’re not saying that it absolutely came from the boats, but we’re not saying it absolutely didn’t.” (NYT1)
Das Pentagon veröffentlichte als Beleg für die insgesamt angeheizte Stimmung im Persischen Golf die Einzelheiten zweier ähnlicher Vorfälle im Dezember.
The USS Whidbey Island, an amphibious warfare ship, fired the warning shots after a single Iranian speedboat approached it at a high speed on December 19, said the official, who asked not to be identified.
The second incident involved the USS Carr, a guided missile frigate, that “came in very close contact with three small boats” as it transited the Strait on its way into the Gulf, the official said.
The Iranian boats came within 500 meters (yards) of the Carr, which blew its ship whistles to warn them off, he said. (AFP)
Thom Shanker schreibt heute in der NYT ausführlich über eine Kriegsübung, die im August 2002 veranstaltet wurde.
In that war game, the Blue Team navy, representing the United States, lost 16 major warships — an aircraft carrier, cruisers and amphibious vessels — when they were sunk to the bottom of the Persian Gulf in an attack that included swarming tactics by enemy speedboats. …
In the simulation, General Van Riper sent wave after wave of relatively inexpensive speedboats to charge at the costlier, more advanced fleet approaching the Persian Gulf. His force of small boats attacked with machine guns and rockets, reinforced with missiles launched from land and air. Some of the small boats were loaded with explosives to detonate alongside American warships in suicide attacks. That core tactic of swarming played out in real life last weekend, though on a much more limited scale and without any shots fired. (NYT2)
Genannt wird in diesem Zusammenhang auch gern die USS Cole, die im Oktober 2000 im Hafen von Aden / Jemen von einem mit Sprengstoff beladenen Boot angegriffen wurde.
Die Stimmung im Persischen Golf ist in der Tat gereizt, wozu nicht zuletzt die US Drohungen mit einer militärischen Operation gegen die iranischen Nuklearanlagen, der Aufmarsch von Flottenverbänden sowie verschiedene Flottenmanöver beigetragen haben.
Ich halte es auch nicht für ausgeschlossen, dass von der iranischen Seite durchaus getestet wird, wie die US Schiffe auf einen „asymmetrischen Angriff“ reagieren würden. Es gibt dafür aber keinen Beleg und ist von daher nichts mehr als eine Spekulation.
Die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Konfrontation „als Unfall“ ist deutlich gestiegen.
Seit einiger Zeit drängen deshalb einige Militärs, voran der Chef des US Central Command (CENTCOM), Admiral William Fallon, der für diese Region verantwortlich ist, darauf, ein Abkommen mit dem Iran über „incidents at sea“ zu vereinbaren. Darin würden Regeln festgelegt, die jeweils der einen Seite das Verhalten der anderen transparenter machen und damit zur Deeskalation beitragen würden.
Bis dato wollte man im Weißen Haus von solch einer Vereinbarung nicht viel wissen.
gepostet am 12. January 2008 um 07:20 von unter Militärische Optionen, USA. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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