Avenida Jiménez

Gabriel García Márquez, an der karibischen Küste aufgewachsen, hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er Bogotá nie recht gemocht hat. Die 2600 Meter hoch gelegene kolumbianische Hauptstadt sei „kalt“, „dunkel“ und „feucht“, klagt er in seiner Autobiographie.

Ein Ereignis mag zu dieser Antipathie beigetragen haben. Er wurde in seinen Studententagen am 9. April 1948 Augenzeuge der Folgeereignisse nach der Ermordung des beliebten Politikers der liberalen Partei, Jorge Eliécer Gaitán. Dieser 9. April, so schrieb Márquez später, habe mehr für das Vergessen als für die Geschichte bewirkt.

Vielleicht für sein Vergessen. Andere erinnern sich noch sehr genau.

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Vor 1948 erinnere ich mich an gar nichts. Aber ich erinnere mich an das Jahr 1948 weil das, was passiert ist, so große Auswirkungen hatte.

Luis Ortiz ist mit 71 Jahren ein weißhaariger, nachdenklicher Mann. Zusammen mit seiner Frau führt er in der Avenida Jiménez ein Geschäft für Schmuck und Kunstgegenstände. Er war 14 Jahre alt, als Gaitán an der Ecke Avenida Jiménez und Carrera Séptima, drei Blocks von Ortiz’ heutigem Geschäft entfernt, erschossen wurde. Es kam zu blutigen Straßenkämpfen, es wurde geplündert, die halbe Stadt ging in Flammen auf. Das Militär versuchte nicht minder gewaltsam, wieder Ordnung herzustellen. Es war der Auftakt der als „La Violencia“, die Gewalt, bekannten Ära, die in den folgenden Jahren rund 300.000 Menschen das Leben kostete.

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Ich arbeitete gerade, aber wir sind alle auf die Straße gegangen um zu gucken. Es war eine Art Bürgerkrieg, der mehrere Tage gedauert hat. Es war ein Tag der Revolution und der Toten, und am nächsten Tag war es noch schlimmer.

Der junge Gabriel García Márquez war damals ganz in der Nähe. Er sah, wie am Ort des Verbrechens, vor dem Café Gato Negro, eine aufgebrachte Menschenmenge den mutmaßlichen Mörder von Jorge Gaitán zu Tode prügelte.

Das Café Gato Negro gibt es nicht mehr. Stattdessen stehen hier nun einige Fast Food Lokale und Läden, in denen man Lotterielose kaufen kann. Neun Gedenkplaketten am Tatort versuchen zu verhindern, dass der Vorfall in Vergessenheit gerät.

ATMO Smaragdplatz

Wenige Meter entfernt liegt die von Cafés und Imbisslokalen gesäumte Plaza Rosario. In den Cafes, die heute andere Namen tragen, ist Márquez damals häufiger Gast gewesen.

Heute stehen Dutzende von Männern und ein paar Frauen auf dem Platz herum, manche in Grüppchen, andere alleine. Einige telefonieren mit ihren Handys oder lassen andere gegen eine Gebühr damit telefonieren. Fast alle haben zusammengefaltete Blätter weißen Papiers in der Hand.

José Guzman hat mehrere dieser improvisierten Papierumschläge in der Tasche seines Jacketts.

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Wir verkaufen Smaragde. Vor allem im Rohzustand, aber auch geschliffene. Ich persönlich verkaufe nur Ware im Rohzustand, direkt aus der Mine.

Die grünen Steinchen, auf dem Papier liegend, sind so winzig, dass sie Gefahr laufen, vom Wind davon geweht zu werden. Guzman verlangt für einen Stein 130 Dollar. Es handelt sich anscheinend um ein risikoreiches Geschäft.

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Man muss aufpassen, weil manche die Ware mit allerlei Tricks manipulieren. Es gibt auch viele synthetische Smaragde. Man muss wissen, von wem man kauft. Aber bei den Preisen muss man nicht so aufpassen. Wem die Steine mehr gefallen, der bietet mehr. Die Smaragde haben keine festen Preise.

Diejenigen, die mehr bieten, sind in den wenigsten Fällen Kolumbianer, wie Hermedia Bohorquez aus 25-jähriger Erfahrung als Straßenverkäuferin zu berichten weiß.

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Es kommen z.B. Japaner, eben Leute, die reisen.

Die können auf der Plaza Rosario nicht nur Smaragde kaufen.

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Diamanten, Gold, alle möglichen Edelsteine gibt es hier. Ich glaube, Kolumbien ist das reichste Land der Welt an Lebensmitteln, Mineralien, Steinen, an allem.

ATMO El Espectador Baulärm 2

Wer diese Reichtümer kauft ist allerdings unklar. Reisende verirren sich jedenfalls nur selten hierher. Vielleicht liegt das aber auch an der großen, lauten Baustelle in der Avenida Jiménez, die an der Plaza Rosario anfängt und drei Blocks weiter östlich aufhört. Hier steht an der Ecke der Carrera Cuarta ein zehnstöckiges Gebäude mit großen Fenstern und einer runden Fassade. Über der Eingangstür sind noch die Spuren der Aufschrift El Espectador zu erkennen. So heißt eine Wochenzeitung, die bis vor 42 Jahren in diesem Gebäude seine Büros hatte und bis vor fünf Jahren täglich herauskam. El Espectador hat 1946 die erste Erzählung des damaligen Jurastudenten Gabriel García Márquez veröffentlicht. Später hat Márquez 18 Monate lang als Kolumnist für die Zeitung gearbeitet, bis sie vom Diktator General Gustavo Rojas Pinilla für zwei Jahre geschlossen wurde.

Luis Ortiz, in seinem Laden schräg gegenüber, erinnert sich.

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Es gab mindestens ein- oder zweimal im Monat gewaltsame Angriffe auf die Zeitungen, besonders die liberalen Zeitungen.

ATMO El Espectador

Márquez schreibt, in seiner Studentenzeit in Bogotá, die mit der Flucht vor der Gewalt 1948 endete, habe man dort noch eine womöglich einzigartige Zeitung lesen können. Täglich um zwölf Uhr mittags und um fünf Uhr nachmittags sei auf dem Balkon von El Espectador eine schwarze Tafel ausgestellt worden, auf die man die letzten Nachrichten in Kreide schrieb.

Die Tafel ist 60 Jahre später nicht mehr da. Auch einen Balkon hat das Gebäude nicht. Gab es diese Tafel wirklich?

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Ja. Man ging die Straße entlang und plötzlich sah man, dass die Nachrichten da oben angezeigt wurden, mit elektrischem Licht. Ab dem Jahr 1955 ungefähr war das zu sehen.

Márquez meint aber eine Kreidetafel, wie in der Schule.

Luis Ortiz kann sich daran nicht erinnern. Das war schließlich vor dem 9. April 1948.

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