Humboldt
Auf seiner Reise durch das heutige Venezuela entdeckte Alexander von Humboldt am Zusammenfluss des Orinoco mit dem Meta einen Indianerstamm, der sich vorrangig von Erde ernährte. Diese Erde, so schreibt Humboldt in seinen „Ansichten zur Natur“, wurde sorgfältig nach ihrem Geschmack ausgewählt, zu kleinen Kugeln geformt, leicht geröstet und pfundweise verspeist.
O-TON 1
[Original]
Alberto Bernal amüsiert der Gedanke köstlich, dass es solche Indianer einmal gegeben habe. Sie aßen wirklich Erde, fragt er ungläubig zurück, als ich ihn frage, ob er davon schon einmal gehört habe.
Bernal ist ein Mann, der mit den Sitten und Gebräuchen der Indianer der Region gut vertraut zu sein scheint. Er ist nicht nur mit einer Indianerin, einer Piaroa, verheiratet, sondern er besitzt auf dem Indianermarkt in Puerto Ayacucho auch einen Stand mit verschiedenerlei Kunsthandwerk und Kram, der von Indianern stammt oder stammen soll.
Zu seinen Beststellern gehört eine Mischung aus getrockneten Kräutern, Gräsern und Holzrinde, die in einer Flasche abgepackt ist und gegen Schmerzen jeder Art helfen soll.
O-TON 2
Du bereitest es mit deinem Lieblingsgetränk zu. Man kann es mit kochendem Wasser machen oder man kann Likör reintun, Wein, Brandy, weißen Branntwein. Du lässt es drei, vier, fünf Tage stehen, damit es zieht. Dann fängst du an zu trinken, nach dem Essen, nach dem Frühstück in einem kleinen Kaffeeglas. Nach dem Mittagessen noch ein Gläschen - immer nur ein kleines Gläschen.
Bernal ist die erste Station bei meiner Suche nach den Otomaken, wie der Stamm der erdessenden Indianer laut Humboldt heißen soll. Puerto Ayacucho, ein kleiner Flecken am venezolanischen Ufer des Oberlauf des Orinoco, liegt zwar 80 Kilometer südlich vom Zusammenfluss mit dem Meta, aber irgendwo muss man ja anfangen.
ATMOWECHSEL Indianermarkt / Museum
Zweite Station ist das ethnologische Museum der Stadt, das direkt gegenüber vom Indianermarkt auf der anderen Straßenseite liegt.
Es wurde Anfang der 80er Jahre eingerichtet, in einer Zeit, wo vor allem die Kirche unter Kritik stand, durch ihre Missionierung den Indianern ihre Identität geraubt und dazu beigetragen zu haben, die alte Kultur zu zerstören. Das Museum ist eine Art Wiedergutmachung und Rechtfertigung. Am Eingang prangt ein Zitat unbekannter Herkunft, das mahnt, Kulturen aller Art zu respektieren.
Der Direktor ist leider zur Zeit nicht da, aber Edwin Payúa Yaparé, ein junger schlaksiger Bursche, wird herbeigerufen und stellt sich uns als „Recherche-Assistent“ vor. Was er denn recherchiere?
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In Wirklichkeit recherchiere ich nicht, sondern ich kümmere mich um dies und das.
… Hier kommt sowieso fast niemand hin.
Um so mehr begeistert ist Yaparé, dass nun tatsächlich jemand von ihm eine Auskunft will. Ob er etwas von erdessenden Indianern und einem Stamm der Otomaken wisse.
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[No. (Gelächter)]
Wieder ungläubiges Gelächter, als wolle ich ihn auf den Arm nehmen, und die Versicherung, es gebe zwar Stämme wie die Yanomami in der Region, Otomaken aber ganz bestimmt nicht.
ATMOWECHSEL
Der dritte Versuch, etwas über Humboldts erdessende Indianer herauszubekommen, führt an diesem Tag zum Büro der ORPIA, einer Selbsthilfeorganisation der Indianer. Genau genommen, existiert dort kein wirkliches Büro sondern nur ein paar gemauerte Rundhütten mit Strohdächern mit unbekannter Bestimmung, aber Rafael Linare versichert mir, ich sei schon am richtigen Ort.
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Wir kommen immer hierher, da wir hier keine Verwandten haben. Das hier ist für die Indianer. Es ist der einzige Ort hier, wo wir wohnen können. Jeden Monat sind wir ungefähr zwei Wochen hier, und dann wohnen wir hier. Danach gehen wir zurück in unser Dorf.
Aus dem Schatten der Hütten schauen mich misstrauische Augen an. Kleine, halbnackte Kinder tollen herum.
Linare stellt sich als Mitglied des Stamms der Yanomami vor. Er sei in der Stadt, um das Geld für einen Flug nach Caracas aufzutreiben. Seit einem Jahr habe er sein Gehalt als Lehrer nicht mehr bekommen und er müsse sich nun persönlich in der Hauptstadt darum kümmern.
Seine Redeweise und seine Gestik legen nah, dass es anständig wäre, wenn ich als Europäer einen finanziellen Beitrag dazu leisten würde, das Unrecht, das einem Indianer widerfährt, zu korrigieren – eine Art verspätete historische Wiedergutmachung.
Ob er schon einmal etwas von einem Stamm namens Otomaken gehört habe, der sich von Erde ernähre?
O-TON 6
Nein, davon habe ich noch nie gehört. Wir, die wir sehr weit weg wohnen, in Alto Orinoco, sind Yanomami.
Auch Alexander von Humboldt ist ihm kein Begriff. Als ich ihm erkläre, dass Humboldt vor 200 Jahren die Gegend bereist habe, entschuldigt er sich:
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[Original]
Damals sei er noch nicht hier gewesen. Aber dann leuchtet doch ein Flackern in seinen Augen auf:
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Weiter oben als das Yunamami-Dorf, wo ich wohne, wohnen noch andere Yunamami, die Yarmahuaica heißen. Die laufen nackt herum, aber… ah, es stimmt, was du sagst. Die haben früher Erde gegessen. Heutzutage machen die das nicht mehr. Sie haben sich etwas an die Weißen angepasst. Sie ziehen sich an wie ich jetzt. Es stimmt, was du sagst. Früher haben sie Erde gegessen als es keine Bananen gab. Sie haben Hunger gelitten und deswegen Erde gegessen.
Er würde mich gern begleiten und mir das Dorf zeigen, aber je länger er mir davon erzählt, um so deutlicher wird, dass er für mich auch ein Dorf finden würde, in dem Indianer Erde zu Gold machen – so lange für ihn persönlich etwas dabei herausspringt. Zudem suche ich keine Indianer, die aus Not Erde essen, sondern weil sie sie schmackhaft finden.
ATMOWECHSEL
Nächster Tag, neues Glück.
Knapp 200 Kilometer nördlich von Puerto Ayacucho liegt Uruana. Da es im ganzen Umkreis keinen Ort mit gleichem oder ähnlichem Namen gibt, könnte dies das Concepción de Uruana sein, in dem Humboldt nach seiner Beschreibung nicht nur auf Otomaken traf, sondern Franziskaner, die dort eine Mission unterhielten und ihm die erdessenden Gewohnheiten bestätigten.
Nach fünfstündiger Autofahrt treffe ich auf einen kleinen verschlafenen Ort, der in der Mittagshitze brät. 6.500 Einwohner, zwei Strassen verlaufen parallel zum Orinoco, ein Plaza de Bolívar zu Ehren des Unabhängigkeitshelden der auch hier einmal kurz Station gemacht hat, eine Kirche, aber niemand hat etwas von einer alten Mission gehört.
Bürgermeister Víctor Manuel Pizarro Lara glaubt immerhin zu wissen, dass Uruana vor 400 Jahren gegründet wurde und auch einmal eine Mission der Franziskaner besaß, aber seine Kenntnisse haben Grenzen.
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Ältere Leute wissen immer besser Bescheid als ich. Ich kann welche suchen, damit du mit denen reden kannst.
Der Bürgermeister bringt mich in das Wohnzimmer von José Nasario González, das von einer alten zerbeulten Getränketruhe, die heute als Kühlschrank dient, sowie einem Fernseher geschmückt wird.
González ist 83 Jahre alt und das Gedächtnis hat ihn ein wenig im Stich gelassen. Immerhin meint er sich an eine Mission zu erinnern, die aber zerstört wurde.
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Im Fernsehen haben sie gesagt, dass ein Erdbeben 1813 den ganzen Ort zerstört hat. Nur eine Heiligenfigur in der Kirche hat das Erdbeben unbeschadet überstanden. Im Nachbarort, in Milara, wird gerade jetzt ihr zu Ehren ein Fest gefeiert.
Das würde immerhin erklären, warum von der alten Mission heute keine Spur mehr zu finden ist.
González schaut gern Fernsehen, eigentlich den ganzen Tag, und er weiß einiges über die Indianer, die in Uruana gesiedelt haben, aber von erdessenden Otomaken hat er noch nie etwas gehört.
O-TON 11
Nein, davon weiß ich nichts, dass sie Erde gegessen haben. Sie haben den Berg ausgebeutet und an dieser Küste gelebt.
ATMOWECHSEL
Fehlanzeige auch bei Pedro Manuel Pérez. Er ist das 76jährige Oberhaupt einer mehr als 40köpfigen Familie von Yaruru Indianern, die am Ortsrand von Uruana in ein paar Wellblechhütten in erbärmlichen Verhältnissen leben.
Pérez kann eine lange Liste von Stämmen aufzählen, die alle in der Gegend leben oder gelebt haben – aber keine Otomaken.
Er selbst kann sich schon gar nicht mehr recht daran erinnern, als sein eigener Stamm noch auf traditionelle Weise lebte.
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Na ja, früher hat man nur Lendenschurz getragen. Ich habe das nie gesehen, man hat es mir erzählt. Und die haben keine Kleidung getragen. Auch aus meinem Stamm haben die früher so gelebt, ohne Kleidung.
Ob das Leben heute für ihn besser ist, kann Pérez nicht sagen. Es ist auf jeden Fall nicht einfach.
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Wir pflanzen Baumwolle in der Ebene an. In diesem Jahr machen wir aber nichts, denn letztes Jahr hat uns niemand die Baumwolle abgekauft. Die Baumwolle ist auch nicht gut geworden. Jetzt will ich nicht arbeiten. Letztes Jahr habe ich ein bisschen Mais und Bohnen angepflanzt, aber die haben wir auch nicht verkaufen können. Wir kriegen ja keine Hilfe.
ATMO Überfahrt Fluss
Eine kleine Fähre bringt mich auf die andere, die kolumbianischen Seite des Orinoco. Dort, am Zusammenfluss mit dem Meta, liegt die Ortschaft Puerto Carreño. Hier müssten nach Humboldts Beschreibung die Otomaken einst ihre wohlschmeckende Erde gesammelt haben. Neben der Polizeiwache hat Carlos Julio Cúyares sein Büro. Er ist staatlicher Indianerbeauftragter. Er selbst ist Sáliva und benutzt statt „Indianer“ lieber das politisch korrektere „Indigene“, das auch andere Ureinwohner wie die Inkas mit einschließt.
Zu Cúyares Aufgaben gehört es, den Indigenen einen speziellen Ausweis auszustellen.
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Wir Indigenen haben unsere eigenen Gesetze. Darin steht sehr deutlich, dass wir Indigenen in Lateinamerika keine Grenzen haben. Mit diesem Ausweis können wir ohne Probleme auf die andere Seite. Warum? Weil wir Indigene sind. Hier in Kolumbien haben wir in Sachen Gesundheit Vorteile. Ein Indigener muss für eine medizinische Behandlung nichts zahlen.
Den Gedanken, dass es in der Gegend einmal Indianer gegeben haben soll, die sich von Erde ernährten, hält Cúyares für einen Scherz.
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Davon weiß ich nichts. (heiter) Natürlich haben wir, als wir klein waren, mal Erde gegessen, aber nicht als tägliche Nahrung, sonst wären wir längst tot.
Überhaupt sei es mit der alten Lebensweise schon lange vorbei.
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Heutzutage sind die Indigenen zivilisierter. Meine Mutter erzählt mir, dass die Cuibas früher wild waren, Pfeile hatten und angegriffen haben. Heute, wenn man in die Gemeinden der Cuibas kommt, sind sie friedlich. Warum? Weil die Priester, die ausländischen Priester mit den Nonnen, den Schwestern gekommen sind. Sie haben sich niedergelassen und die Indigenen wurden automatisch zivilisiert. Es gibt also die Indigenen von früher nicht mehr, die wild waren.
Womit denn auch meine Hoffnung endgültig gestorben ist, die Otomaken zu finden. Sollte es sie jemals gegeben haben, würden sie wahrscheinlich heute in einem der Restaurants in Puerto Carreño sitzen, ein Bier trinken und gegrilltes Huhn essen und große Mühe haben, sich daran zu erinnern, wie ihre Vorfahren einst gelebt habe
gepostet am 26. January 2006 um 14:49 von unter Südamerika. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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