Manaus
ATMO Opernführung
Führung durch die berühmte Oper von Manaus. Um diese Zeit besteht die Touristengruppe nur aus drei Deutschen. Ein deutschsprachiger Führer steht nicht zur Verfügung, aber Englisch tut es ja auch.
O-TON 1
The Opera House is a building built during the rubber boom. It took fifteen years to be built and all the materials used in the building came from Europe – except the wood …
Die Oper wurde während des Kautschukbooms gebaut, spult die Führerin ihren auswendig gelernten Text ab. 15 Jahre betrug die Bauzeit und alle Materialien kamen aus Europa mit Ausnahme des Holzes.
Der Kautschukboom war eine Periode von rund 30 Jahren um die Wende des letzten Jahrhunderts, als der am Amazonas gewonnene Naturstoff zur Herstellung von elastischen Produkten aller Art benutzt wurde. Mit der Entdeckung, wie auf chemische Weise bessere Produkte aus Rohöl gewonnen werden können, war der Boom auch schon wieder vorbei.
Die kurze Periode reichte aber aus, um aus den Abenteurern, die mitten in den Urwald gekommen waren, vermögende Geschäftsleute zu machen und da mit Geld fast alles zu kaufen ist, wollten die Herren nicht nur reich sondern auch kultiviert sein und ließen eine Oper bauen.
O-TON 2
The masks represent the Greek tragedy and they are honouring famous artists around the world like Shakespear, Mozart, Beethoven, Rossini,Verdi. There are 22 masks here and they were donated by the rubber barons.
Die Kautschukbarone stifteten 22 Masken, mit denen sie Kulturgrößen wie Shakespeare, Mozart, Beethoven oder Verdi ehren wollten.
Eröffnet wurde die Oper mit „La Gioconda“ von Amilcare Ponchielli am 31. Dezember 1896. Es muss ein denkwürdiger Abend gewesen sein, denn nicht nur die Baumaterialien sondern auch die Sänger und Musiker mussten aus Europa in diese von Malaria und Gelbfieber verseuchte Gegend gebracht werden.
Caruso, so will es die Legende, soll auch in Manaus gesungen haben. Die Chronik bemerkt dazu zurückhaltend, es gebe keine Hinweise darauf, dass dies zutreffe.
Mit der Begeisterung für die Oper war es schneller wieder vorbei als mit dem Kautschukboom. 90 Jahre lang wurde in dem Gebäude keine Oper mehr gespielt, bis vor sieben Jahren die Stadt auf eine Idee verfiel:
O-TON 3
Now the theatre has an opera festival each year in April and May.
Im April und Mai findet jährlich ein Festival mit Musikern und Interpreten aus Europa statt. Touristen und Opernfans reisen an – mehr wegen der Exotik als wegen der künstlerischen Qualität.
ATMO Vorplatz
Wer in der Erwartung kommt, unter ein paar tropischen Bäumen neben waschechten Indianern zu sitzen, wird enttäuscht werden. Manaus ist zu einer Metropole mit 1,7 Millionen Einwohnern herangewachsen. Produziert werden vor allem Elektroartikel. Eine Freihandelszone soll der Stadt ein wirtschaftliches Auskommen verschaffen.
Vom Vorplatz der Oper ist der Dschungel nur als grüner Streifen am Horizont zu erkennen.
ATMO Markthalle
Das alte Zentrum der Stadt ist weitgehend von Billig-Läden in Beschlag genommen worden, die historischen Bauten aus den wilden Jahren des Kautschuk sind dem Verfall überlassen.
Reges Treiben herrscht aber weiter in den alten Markthallen unten am Fluss.
ATMO Frei
Der Markt bietet alles, was die üppige Vegetation der Region zu bieten hat, frischer Fisch aus dem Fluss, Gemüse, Salate, Kräuter und Früchte aller Arten und Sorten. Bei einigen werden die meisten Europäer nicht einmal wissen, dass sie existieren, geschweige denn, dass man sie essen kann.
ATMO Anleger
Ein wenig an die vergangenen Zeiten erinnert auch noch der Anleger am Fluss. Von hier fahren kleine, weiß gestrichene Schiffe, die in ihrer Bauweise an Mississippi Dampfer erinnern, den Amazonas und den Rio Negro rauf und runter. Da keine Strassen durch den Urwald Richtung Süden, Osten oder Westen führen, ist das Wasser ein wichtiger Verkehrsweg.
Diego Wellington verkauft Schiffspassagen.
O-TON 4
Eine Fahrt nach Belem an die Mündung des Amazonas kostet 200, 210 Real (rund 75 Euro), eine Fahrt nach Puerto Velho in Zentralbrasilien 130 Real (etwa 48 Euro). Die Fahrt nach Belem dauert gut 4 Tage, nach Puerto Velho knapp drei. Es gibt auch eine zweite und eine erste Klasse und Suiten. In den Kabinen der zweiten Klasse gibt es Badezimmer, aber den meisten Leuten gefällt es da nicht. Die erste Klasse ist besser, sauberer und ruhiger. In den Suiten gibt es sogar Doppelbetten, Fernseher und DVD Spieler. Es lohnt sich, etwas mehr zu zahlen.
Die Mehrzahl der Passagiere lässt es aber mit einer normalen Fahrt gut sein und hängt die mitgebrachte Hängematte zwischen die Eisenstangen am unteren und mittleren Deck auf. Das Gepäck wird irgendwo dazwischen verstaut.
Es herrscht reges Treiben. Familien mit Kisten und Koffern sichern sich einen Platz, Mütter halten die Kinder fest an der Hand, damit sie im Trubel nicht verloren gehen oder ins Wasser fallen. Muskulöse Männer mit nacktem Oberkörper balancieren mit Kisten voller Zucker, Bier und Seife über die wackeligen Stege, um sie auf das Schiff zu laden, das die Güter an irgendeinen kleinen Ort irgendwo an einem der Flüsse bringen wird. Menschen warten voller Erwartungen auf Freunde und Angehörige, die nach Manaus kommen werden. Die Schiffe tuten bei der Abfahrt, es wird gewunken, Tränen fließen.
Eldon Amintas wartet auf das Schiff nach Santarem, seinem Heimatort.
O-TON 5
Ich bin nach Manaus gekommen, um zu arbeiten. Wenn ich aber viel Geld verdient habe, will ich wieder zurück. Mir gefällt es da. Santarem ist meine Heimat, und ich liebe meine Heimat.
Dass das Leben am anderen Ufer ganz anders ist, erzählt Raimundo Nonato Nascimento Melo. Seit 16 Jahren überquert er mit seinem kleinen Boot mit Außenbordmotor den Amazonas und fährt den Rio Negro und seine Seitenarme hinauf.
O-TON 6
[Original]
Er fahre überall hin, zu den anderen Häfen, Touren für die Touristen, alles, und es bringe ihm genug Geld ein, um seine fünfköpfige Familie zu ernähren.
Raimundo stammt aus Irandoba, 40 Kilometer den Rio Negro aufwärts. Das Leben dort sei anders.
O-TON 7
Dort drüben wird vor allem in der Landwirtschaft gearbeitet oder im Nationalpark für den Tourismus. Die Menschen bauen Gemüse und Maniok für Mehl an. Die Arbeit ist viel härter als hier in Manaus und es wird mehr gearbeitet. Zudem gibt es dort keinen Strom oder fließend Wasser.
Gefragt, welcher für ihn der schönste Ort in der Gegend sei, antwortet Raimundo ohne zu zögern:
O-TON 8
[Original]
Für mich ist der Rio Negro das Schönste – da, wo Raimundo herkommt.
gepostet am 15. January 2006 um 17:56 von unter Südamerika. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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