Ladeira de Montanha

„Alleine sollten Sie besser nicht da hinauf gehen“, warnt Hamilton dos Santos Cerqueira, der es gut mit mir meint.

Hamilton besitzt am Fuße der Ladeira de Montanha einen kleinen Blechkasten, in dem er seit 25 Jahren ein Schlüsselgeschäft betreibt, ein lärmender Arbeitsplatz, an dem die Linienbusse im Minutentakt vorbeidonnern.

O-TON 1

In den letzten Jahren ist es aufgrund der Prostitution und der Drogenszene hier sehr gefährlich geworden. Deshalb raten wir den Touristen ab, die Strasse hinauf- oder hinab zu gehen.

Das war einmal anders. Die Ladeira de Montanha verbindet die Unterstadt des historischen Salvador, in der der Hafen und das Viertel mit den Handelshäusern liegen, mit der Oberstadt mit seinen Bürgerhäusern und den prächtigen Kirchen.

Jorge Amado hat sie in seinen Büchern oft erwähnt – auch als Bild für den sozialen Wechsel von der Unterschicht im Hafen zur Oberschicht oben auf dem Berg.

Heute geht niemand mehr diesen Weg zu Fuß. Die Strasse wirkt finster und verfallen. Ich bitte Carlos Sena, einen Polizisten vom Revier in der Nachbarschaft, mich zu begleiten.

Vor einem abbruchreifen Haus, aus dem im Obergeschoss ein altes Ehepaar neugierig aus dem Fenster schaut, steht Walter Bispo dos Santos.

O-TON 2

Ich wasche hier Autos, aber gegen 18, 19 Uhr verschwinde ich hier wieder. Abends ist es hier nicht mehr sicher. Zu viele Diebstähle und Überfälle.

Die Ladeira de Montanha ist nicht unbewohnt. Ein Stück weiter kampiert eine junge Familie auf dem Bürgersteig, dicht neben dem vorbeidonnernden Verkehr. Ein nackter Junge von drei, vier Jahren läuft verwirrt umher, ein Mann liegt wie bewusstlos auf einem Stück Pappe. Die Frau, das Gesicht voller Narben und Hautausschlägen, brabbelt etwas Unverständliches aus ihrem zahnlosen Mund.

ATMO

Noch ein Stück weiter steht ein Kellerfenster offen. Heraus krabbelt ein Mann und lächelt verlegen.

O-TON 3

[Original]

Er verkaufe Zigaretten, Tabak, Feuerzeuge, Kleinkram halt, mit dem man über die Runden kommt. Und wenn der Polizist nicht neben uns stehen würde, frage ich, vielleicht auch ein paar Drogen?

O-TON 4

[Lachen]

Wie aus dem Nichts steht plötzlich eine kleine, weißhaarige Frau neben mir. Auch bei ihr ist nicht zu verstehen, was sie mit ihrem zahnlosen Mund zu sagen versucht.

Schließlich stellt sich heraus, dass sie ein Waisenhaus für die Kinder von Prostituierten und Drogenabhängigen führt. Sie selbst geriet mit 15 in das Milieu. Heute ist sie 84 Jahre alt und betreut in ihrer „Herberge der schwarzen Mutter“ 43 Kinder.

Durch einen Eingang kann man im Hintergrund einen Verschlag mit Wellblechdach sehen, in dem die Kinder untergebracht sind. Zwei verlorene Geschöpfe, ein Junge und ein Mädchen, drücken sich schüchtern an die schmale Frau.

Wir gehen an zwei älteren Prostituierten vorbei, die in einem weiteren Eingang gelangweilt auf Kundschaft warten. Billiges, süßliches Parfüm versucht den stechenden Gestank, der aus der Bude hinter ihnen dringt, zu überdecken.

Auch die zwei billigen Kneipen, in denen Männer in Turnhosen vor halbleeren Gläsern mit Bier sitzen, lassen wir unbeachtet.

Vom letzten Abschnitt der Ladeira de Montanha hat man einen wunderschönen Blick auf den darunter liegenden Hafen. Gleich links liegt der Yachthafen, eine der feinsten Adressen in Salvador.

O-TON 6

Es ist die nackte Not, die zur Kriminalität führt – sagt Polizist Carlos Sena über die Menschen in der Strasse. Straßenkinder, Drogen, Hunger. Es ist die unterste Schicht der Gesellschaft.

Genau das ist das Milieu, über das auch Jorge Amado immer wieder geschrieben hat.

O-TON 7

[Original]

Ja, er spiegelt diese Welt der Ausgeschlossenen sehr getreu wieder – meint Sena.

Amado hat allerdings seine Bücher vor dreißig, vierzig Jahren und noch früher geschrieben. Die Verhältnisse existieren aber auch heute noch.

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