Monte Santo
ATMO Aufstieg mit Atmen
Der Weg zur Kirche „Santuario de Santa Cruz“ auf dem Monte Santo, dem „heiligen Berg“, ist steil und steinig. Zumindest der erste Abschnitt führt schnurstracks den Hang hinauf, bis seine Erbauer Gnade mit den Pilgern hatten und den Rest der mehr als drei Kilometer langen Strecke in großen Serpentinen weiterführten.
Osmira Angelina de Jesus ist mit ihren zwei Söhnen, ihrer Schwiegertochter und ihrem Enkel aus Sao Paulo angereist, um wie Hundertausende vor ihr die beschwerliche Tour zu unternehmen.
O-TON 1
Wir sind vor drei Tagen losgefahren. Es ist sehr weit. Ich habe 200 Real dafür bezahlt. 250 Real, um genau zu sein.
250 Real sind rund 91 Euro, für Osmira eine beachtlich Summe.
Der Himmel ist zwar wolkenverhangen, aber dennoch ist die Kraft der Sonne zu spüren. Es ist heiß und auch der Wind schafft keine wirkliche Abkühlung.
Immer wieder legt Osmira eine kleine Pause ein, wischt sich mit dem mitgebrachten kleinen Handtuch den Schweiß von der Stirn und geht dann unverdrossen weiter.
Den 25 kleinen Kapellen, die entlang des Weges stehen, schenkt sie keine weitere Beachtung. Sie sind allemal in einem schlechten Zustand. Einige sind mit einer Holztür versperrt. In anderen sind die Türen durch angezündete Kerzen in Brand geraten. Der Innenraum ist rußgeschwärzt.
Sie hat die Strapaze schon einmal in der Vergangenheit hinter sich gebracht.
O-TON 2
Ich war am Kopf erkrankt. Nach einer Pilgerfahrt hierher bin ich von Gott geheilt worden. Es war wie ein Wunder.
Nach einer knappen Stunde hat sie ihr Ziel erreicht. Die kleine Kirche an der Spitze des Bergkamms ist recht ärmlich. Der Innenraum hat gerade Platz für zweimal sechs Reihen an Bänken. Der Schmuck, das Kruzifix und das Marienbild sind simpel.
Ein Mann ist dabei, mit einer Schaufel die Reste des Wachses der vielen Kerzen, die als Opfergaben angezündet wurden, vom steinernen Boden zu beseitigen.
Osmira und ihre Familie Knien zu einem kurzen Gebet nieder.
ATMO
Ende des 18. Jahrhunderts kam ein Missionar, Apolônio de Todi, in die Gegend und glaubte in dem Berg eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Kalvarienberg in Jerusalem zu erkennen. Er rief die Gläubigen auf, an der Spitze des Berges eine Kirche zu errichten. 1785 wurde sie eingeweiht. In den folgenden Jahren wurden dann die 25 Kapellen am Rande des Weges gebaut.
Der Ort gewann den Ruf, dass Menschen nach einem Bittgebet von ihren Krankheiten geheilt würden.
O-TON 3
Wenn sie gesund sein wollen, dann kommen sie hierher. Es ist wunderbar. Es ist nicht Menschenwerk, sondern Werk der Natur.
An beiden Seiten der Kirche befinden sich Sammlungen von hölzernen Nachbildungen von Armen, Beinen, Köpfen und anderen Körperteilen. Kleine Fotos sind an der Wand befestigt. Kleinere persönliche Gegenstände, eine Brille, ein Kamm, ein Paar Unterwäsche, liegen dazwischen.
Osmira schneidet mit einer mitgebrachten Schere ihrem älteren Sohn eine Locke ab und bittet ihn, mit ihr das gleiche zu tun. Das Haar legt sie mitten zwischen die hölzernen Arme und Beine. Es wird dafür sorgen, dass sie und ihre Familie von Krankheiten verschont bleiben.
Zufrieden und heiter beginnt sie wieder mit dem Abstieg.
ATMO
Von der Spitze des Berges aus kann man weit in die Landschaft schauen: schnurgerade Strassen führen an kleinen Feldern und Buschwerk vorbei, bis sie sich am Horizont verlieren. Als seien sie von großer Hand ausgesät worden, sind weit voneinander verstreut kleine Häuser und armselige Hütten zu sehen.
Dies ist das Sertao, das brasilianische Hinterland, bekannt für seinen zähen, hart arbeitenden, bitterarmen und tiefgläubigen Menschenschlag. Siedler verließen die reicheren Küstenstädte, um nach Gold zu suchen. Ohne viel Erfolg. Sie blieben aber, kämpften mit den Indianern und der Natur, um sich ein recht armseliges Auskommen zu ertrotzen.
ATMO Platz abends
Am Fuß des Berges liegt ein kleines Städtchen, das ebenfalls Monte Santo heißt. Freitagsabends wird auf dem zentralen Platz neben der massiven Kirche ein Monitor aufgebaut, der Videos mit bekannten brasilianischen Popstars zeigt. Zwei Imbissstände verkaufen Hamburger und Bier.
Der Ort besitzt kein Internetcafe, dafür aber einen Laden für allerlei Heiligenfiguren, Kruzifixe und Weihrauch. Reiter auf Pferden und Mauleseln mit Hüten aus Leder sind zu sehen, die für kleine Erledigungen und Einkäufe aus dem Umland kommen.
Jay Marcos Oliveira da Silva besitzt eines der beiden kleinen Hotels des Ortes.
O-TON 4
Im November wächst die Bevölkerung hier auf das dreifache. Dann ist Allerheiligen und viele Menschen kommen hierher zu einer Wallfahrt. Es sind Leute aus der Umgebung. Touristen verirren sich kaum hierher. Und dann finden auch zu Ostern hier Prozessionen statt.
Er selbst ist ein Zugezogener.
O-TON 5
Ich komme aus Sarrinha. Das ist hier in der Region. Ich bin wegen Allerheiligen, wegen der Prozession gekommen. Es hat mir gefallen und ich bin geblieben. Nach 5 Monaten habe ich das Hotel eröffnet. Ich lebe nun seit 11 Jahren hier.
Ihm gehe es ganz gut. Das Hotel laufe nicht schlecht. Zudem besitze er einen der beiden Imbissstände auf dem zentralen Platz und nebenher betreibe er noch ein wenig Landwirtschaft.
O-TON 6
Es gibt oft Trockenperioden. Es regnet ein ganzes Jahr oder mehr nicht. Dann beginnt hier alles zu vertrocknen und es sieht ein wenig wie in der Wüste aus. Aber dann regnet es wieder und alles wächst und gedeiht.
Natürlich steigt er auch immer wieder zur Kirche oben auf dem Berg hinauf, um für seine und die Gesundheit seiner Familie zu beten.
O-TON 7
Unzählige Male schon.
Es helfe. Bislang seien sie von ernsthafteren Krankheiten verschont geblieben.
gepostet am 31. December 2005 um 16:46 von unter Südamerika. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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